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Kreis Groß-Gerau
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02. Februar 2010

Erinnerungen an das S-Bahn-Unglück: Bilder bis heute im Kopf

Am 2. Februar 1990 prallen zwei S-Bahnen in Rüsselsheim frontal aufeinander. 17 Menschen sterben, 145 werden zu Teil schwer verletzt. Foto: Heinrich Schreiber

Am 2. Februar 1990 stoßen zwei vollbesetzte S-Bahnen in der Nähe des Rüsselsheimer Bahnhofs frontal zusammen. 17 Menschen sterben, 145 werden zum Teil schwer verletzt.

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Sicherheit in Zügen

Nach dem Unfall in Rüsselsheim regte sich Kritik an der Zugsicherheit. Die Eisenbahnergewerkschaft warf der Bahn vor, die Sicherheitstechnik sei auf die schnellen S-Bahnen nicht abgestimmt, die Lokführer seien erheblichem Stress ausgesetzt, die alten Flügelsignale in Rüsselsheim nur schlecht zu erkennen. Das Hauptsignal, so der damalige Eisenbahngewerkschafter Winfried Lang, stehe viel zu weit weg vom Rüsselsheimer Bahnhof.

Die Bahn nahm das Unglück zum Anlass, an einer neuen Technik zu arbeiten - zunächst heimlich, um nicht zugeben zu müssen, dass die vorhandene veraltet war.

Um ein unbefugtes Überfahren eines Rot zeigenden Signals unmöglich zu machen, entwickelten die Techniker der Bahn die "Punktförmige Zugbeeinflussung". Sie verhindert, dass ein Lokführer über 25 Stundenkilometer hinaus beschleunigen kann, wenn das Ausfahrtsignal auf Rot steht. Magnete am Gleis und an den Zügen bremsen bei Überschreitung von 25 Stundenkilometern automatisch ab.

Wäre diese Sicherheitstechnik 1990 schon eingebaut gewesen, hätte Lokführer Helmut Hosch die S-Bahn nicht so schnell anfahren können und wäre mit der Bahn gar nicht bis zur Weiche gekommen, an der die beiden Züge frontal zusammenprallten.

Ab Mitte der 90er Jahre wurde die neue Technik in nahezu alle Fahrzeuge der Bahn eingebaut. Bis sie auch im Rüsselsheimer Bahnhof installiert wurde, vergingen noch fast zehn Jahre. (hde)

Die Bahnhofsuhr in Rüsselsheim zeigt 16.42 Uhr. Es ist ein kalter 2. Februar. Die S-Bahn aus Richtung Wiesbaden ist voll besetzt. Am Opel-Bahnhof sind zahlreiche Opelaner eingestiegen, ebenso am Rüsselsheimer Bahnhof. Zugführer Helmut Hosch, 24 Jahre alt, beschleunigt.

Zur gleichen Zeit kommt eine ebenfalls mit rund 500 Personen voll besetzte S-Bahn aus Richtung Frankfurt. Deren Lokführer Michael Ludwig Weil (28) bremst ab, um am Rüsselsheimer Bahnhof zu halten. Helmut Hosch sieht plötzlich, dass er ein rotes Signal kurz vor dem Bahnübergang Königstädter Straße überfahren hat. Seine S-Bahn wird an diesem Tag aus betriebsbedingten Gründen über eine Weiche auf das Gegengleis geleitet und fährt nun auf die andere S-Bahn zu.

Die von Hosch eingeleitete Notbremsung kann das Unglück nicht verhindern: Die beiden Züge knallen frontal aufeinander. Glas splittert, Metall verbiegt sich. Ein ohrenbetäubender Lärm. Die aus Frankfurt kommende S-Bahn bohrt sich unter den entgegenkommenden Triebwagen. Augenzeugen wie der grüne Ex-Stadtrat Ernst Weidmann berichten später, dieser Triebwagen sei zunächst fast senkrecht in den Himmel gestiegen und dann im Zeitlupentempo auf die Seite gefallen.

Weidmann stand mit einem Kollegen im Waggon direkt hinter dem Triebwagen. "Plötzlich gab es einen Knall, und ich flog quer durch den Wagen", erinnert er sich. Er wird eingeklemmt und erleidet Lungenverletzungen, Rippen- und Wirbelbrüche.

Für einige Sekunden herrscht Totenstille, berichten Zeugen. Dann schreien Menschen durcheinander, Fahrgäste taumeln auf die Schienen. Wenige Minuten später kommen von der benachbarten Azbill-Kaserne amerikanische Soldaten herbeigerannt. Auch die Feuerwehr, deren Stützpunkt sich in unmittelbarer Nähe befindet, ist sofort vor Ort. Aus dem gesamten Kreisgebiet und dem benachbarten Main-Taunus-Kreis rasen Rettungsfahrzeuge an die Unglücksstelle. Bis zu 800 Retter sind in den nächsten Stunden im Einsatz.

17 Tote, 145 Verletzte

Die Helfer müssen sich über zerfetzte Körper und Leichenteile in die S-Bahn-Waggons vorkämpfen. Viele Menschen sind eingeklemmt und müssen mit schwerem Gerät befreit werden. Die Bilanz nach einigen Stunden: 17 Todesopfer und 145 zum Teil schwer verletzte Fahrgäste. Vier der Getöteten stammen aus Rüsselsheim. Den Sachschaden beziffert die Bahn Monate später auf sechs Millionen Mark.

Die Bilder des Unglücks gehen Ernst Weidmann auch 20 Jahre nach dem Unfall noch durch den Kopf. Er hat seither Rückenprobleme, darf nicht mehr kegeln, nicht mehr Akkordeon spielen. Auch viele Helfer sind traumatisiert. Günter Steinmüller, damals 31 Jahre alt, war für das Technische Hilfswerk vor Ort. "Das war grausam", erinnert er sich. Helfer schnitten Blechteile auseinander, um Opfer zu bergen. Darunter den getöteten Lokführer Michael Ludwig Weil aus der Wetterau, dem ein scharfes Blechteil den Rumpf abgetrennt hatte.

Dieses Bild vergisst Steinmeier ebenso wenig wie die auf einer Wiese aufgereihten Toten, denen zur Bergung teilweise Gliedmaße amputiert werden mussten. Professionelle psychologische Betreuung für die Helfer gab es damals nicht.

Schwer verletzt ist Zugführer Helmut Hosch. Das Landgericht Darmstadt billigt ihm später eine eher geringe Schuld zu, obwohl er bei Rot aus dem Bahnhof ausgefahren ist. Hosch wird zu zehn Monaten Haft auf Bewährung wegen fahrlässiger Tötung und zu einer Geldstrafe von 2500 Mark verurteilt. Er wird zum Werkstattmeister umgeschult. (hde)

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