Auftakt im Prozess um die Schießerei in einem Eiscafé in der Rüsselsheimer Innenstadt. Seit heute haben sich drei Männer vor der 11. Strafkammer des Landgerichts Darmstadt wegen des Verdachts des Mordes und der versuchten Tötung zu verantworten: der 29 Jahre alte Taylan K. aus Rüsselsheim und die beiden Brüder Erdal (32) und Serdal E. (22) aus Wiesbaden.
Die Prozess-Beobachter, offenbar Familinangehörige der Angeklagten, sitzen wie erstarrt schweigend im Zuschauerraum. Nur drei Frauen sind unter den 15 Männern. Als die Angeklagten in den Saal geführt werden, ist leises Schluchzen zu hören. Wer um Täter, und wer um Opfer weint, bleibt offen. Jede der beiden verfeindeten Familien aus Tunceli im kurdischen Teil der Türkei verlor bei der Schießerei am 12. August 2008 in dem Eiscafé einen Angehörigen.
Acht Männer hatten sich in der Eisdiele verabredet - angeblich zu einer Aussprache. Sie kamen bis auf die Zähne bewaffnet, mit geladenen Pistolen, darunter einer halbautomatischen Kurzwaffe, Messer, Schlagring, Elektroschocker. Am Ende waren drei Menschen tot, darunter die unbeteiligte 55-jährige Anna K..
Die Gruppen hätten sich getroffen, um ihre Gegner in einem bestehenden Konflikt gewaltsam zu unterwerfen, sagte der Vorsitzende Richter am Landgericht, Volker Wagner, in seiner Anklageschrift. Es sei darum gegangen, ihre Ehre wieder herzustellen und sich in der Türsteherszene Achtung zu verschaffen. Der Richter attestierte den dreien niedrige Beweggründe für ihr Handeln. Taylan K. habe zudem getötet, um eine Straftat zu verdecken. Anders als zunächst angenommen, hätten laut Richter und Staatsanwaltschaft die Untersuchungen ergeben, dass er einen der Männer erschossen hat - den Bruder seiner beiden Mitangeklagten. Auch Erdal E. wollte er töten.
Doch der überlebte schwer verletzt und hat selbst Schuld auf sich geladen. Erdal E. hat mit einem Messer auf Erkan K. eingestochen und ist der versuchten Tötung angeklagt. Gestorben ist das Opfer aber an den Messerstichen des jüngeren Bruders Serdal E. 14 Mal stach er auf den Sterbenden ein, nachdem der von einer Kugel seines Kusins Taylan K. getroffen worden war. Serdal wird beschuldigt, einen Menschen getötet zu haben.
Die Angeklagten - alle sind deutsche Staatsbürger - hören der Anklageschrift aufmerksam zu. Sie brauchen keinen Übersetzer, bestätigen ihre Anwälte. Die beiden Älteren sind in Sakko und Hemd im Gericht erschienen. In den Verhandlungspausen wirken sie ernst und gefasst. Ab und zu versuchen sie einen Blick von einem der Ihren im Publikum zu erhaschen. Anders der jüngere Serdal. Er trägt ein rotes Sweat-Shirt, wirft vergnügte Blicke ins Publikum; manchmal lacht er sogar und wirkt unbeschwert.
Ihre Anwälte hatten zu Sitzungsbeginn dem Gericht eine Rüge wegen nicht ordnungsgemäßer Besetzung der Schöffen erteilt, was der Richter jedoch ablehnte. "Wenn das Gericht die Regelverletzung nicht anerkennt, haben wir in der Revision die Chance, das Urteil aufzuheben", teilte Rechtsanwalt Stefan Bonn mit, der Erdal E. vertritt.
Die ersten Zeugenvernehmungen ergaben keine neuen Erkenntnisse. Hellhörig machte jedoch die Frage eines Anwalts, ob der Zeuge B.Y. aus Kelsterbach ein Vertrauensmann der Polizei sei. Der Mann verweigerte die Aussage.
Zugelassen sind mehrere Nebenklagen der Angehörigen, etwa die des Witwers der getöteten Anna K. Auch der einjährige Sohn des getöteten Erkan K. gilt als Nebenkläger. 16 Prozesstage sind angesetzt, ein Urteil wird Ende Juli erwartet.

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