Der Abriss denkmalgeschützter Gebäude am Opel-Altwerk erhitzt in Rüsselsheim die Gemüter. Der Abriss ist nötig, damit das Opel-Forum entstehen kann, zu dem ein Einkaufszentrum gehört. Aus Sicht der Befürworter ist es Rüsselsheims Schlüssel zur Zukunft, Kritiker befürchten hingegen den Verlust historisch bedeutsamer Industriebauten.
Peter Schirmbeck ist Kulturhistoriker und bezeichnet den Abriss von Teilen der nach dem Brand 1911 wieder aufgebauten Opel-Fabrikgebäude als „Jahrhundertfehler“.
Seiner Einschätzung nach sind die nach Plänen des Darmstädter Architekturprofessors Paul Meißner im Stil des Neoklassizismus gebauten Riegel um den Adamshof und entlang der zentralen Werkachse mindestens so wertvoll wie die Außenfassade, denn hier seien die Merkmale des Baustils, die klare Aufteilung in Längs- und Querachsen in rhythmischer Wiederholung noch deutlicher zu erkennen. Er wünscht sich die historische Werkachse als Einkaufszeile, mit einem Glasdach drüber. „Das ist die Seele des Werks“, sagt er.
Heinz Wionski ist Denkmalpfleger beim Wiesbadener Landesamt und kann nach eigenem Bekunden mit dem Entschluss der Stadt leben, die städtebauliche und wirtschaftliche Weiterentwicklung höher zu bewerten als den Erhalt historischer Industriegebäude. Er spricht von einem Koppelgeschäft. In einem Gebäudeteil werden Verluste hingenommen, um die Voraussetzungen dafür zu schaffen, andere Teile zu erhalten.
Der Immobilienentwickler Acrest hat Verständnis für die Kritik, sieht jedoch keine andere Möglichkeit als den Abriss: „Die Realisierung des Einkaufszentrums im Gebäudebestand ist wirtschaftlich nicht durchführbar“, sagt Stefan Zimmermann. Er ist Geschäftsführer der Firma Acrest, die hinter den historischen Außenmauern ein Einzelhandelszentrum mit rund 100 Geschäften auf 23.000 Quadratmetern Verkaufsfläche bauen will. „Ein gutes Denkmal ist ein lebendiges Denkmal“, sagt er, oder genauer: „lieber ein lebendiges Denkmal mit teilweisem Rückbau als ein vor sich hin rottender Leerstand.“
Decken sind zu niedrig
Der Empörung, 75 Prozent des Altwerks würden abgerissen, tritt er mit anderen Zahlen entgegen: Gemessen am gesamten Bestand seien 27 Prozent zum Abriss vorgesehen. Von 1,5 Kilometern historischer Außenfassade würden 200 Meter geopfert. Außerdem soll der Charakter des Industrieareals in den neu gebauten Teilen aufgegriffen und wertvolle Zeugnisse der Opelgeschichte neu platziert werden.
Die Gebäude im Trakt A und B des Altwerks scheiden laut Zimmermann wegen der niedrigen Geschosshöhe und der räumlichen Anordnung in mehreren Gebäuderiegeln mit vielen Treppenhäusern als Einkaufsfläche aus. „Das akzeptiert der große filialisierte Einzelhandel nicht“, stellt er fest, auch nicht für noch so viel Industriekulturcharme. Der Versuch, Ladengeschäfte in den bestehenden Gebäuden anzusiedeln, würde in einem Kleinklein enden, dass nie die Zugkraft nach außen entwickeln würde, die die Innenstadt braucht, sagt Zimmermann. „Man braucht die großen Ankermieter, denen man Flächen zwischen 1500 und 3000 Quadratmeter anbieten muss.“ (vol.)
Das Opel-Forum ist heute Thema im Planungs-, Bau- und Umweltausschuss. Er tagt ab 18 Uhr im Ratssaal.

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