Bachelor in flotten drei Jahren, Master in flinken zwei weiteren – wer angesichts der beschleunigten und verdichteten Studiengänge der Post-Hochschulreform-Ära kein finanzielles Polster hat, ist als Student im doppelten Wortsinn oft arm dran.
Jochen Müller hat an der Hochschule Rhein-Main ein Pilotprojekt angestoßen, jungen Müttern einen zinslosen Mikro-Kredit von monatlich 500 Euro zur Verfügung zu stellen. Das Geld zahlen sie zurück, wenn sie nach Studienende in die Arbeitswelt übergehen.
Organisatorisch unterstützt wird das Projekt vom Hildegardis-Verein (Bonn). Für dieses Konzept gab es schon den Frauenförderpreis der Hochschule.
Um es umzusetzen, wird aber Geld benötigt. Deswegen wird sich Müller nun um weitere Sponsoren für seine unterstützende Arbeit als Pastoralreferent bemühen. Schon bisher stockte er sein ihm zur Verfügung stehendes Jahresbudget von 3500 Euro mit Sponsorengeld auf.
Jochen Müller (63), katholischer Pastoralreferent an der Hochschule Rhein-Main, hat es mit dem stetig bedrohlicher werdenden gesellschaftlichen Schreckgespenst Armut inzwischen auch an der Hochschule zu tun: mit Studenten, denen insbesondere in den stark verdichteten Endphasen der Studiengänge von zwei Seiten die Luft ausgeht: Wer sich seinen Lebensunterhalt erarbeiten muss, hat weniger Zeit fürs Studium. Wer sich dem Studienpensum stellt, hat keine Zeit zu arbeiten.
Besonders bedrohlich sei dieses Dilemma für ausländische Studierende, weiß Müller. Rund die Hälfte aller Studenten mit ausländischem Pass schafften statistisch gesehen den Abschluss nicht. Aber auch unter den deutschen Studenten kapitulierten je nach Fachbereich bis zu 30 Prozent vor ihrem Abschluss. Der Anteil jobbender Studenten liege insgesamt bei rund 60 Prozent.
In seinen vier Jahren als Pastoralreferent hat Müller eine negative Rangfolge der besonders häufig an den Rand des Studienabbruchs getriebenen Studenten ausgemacht: Zunächst seien hauptsächlich Ausländer unter den Ratsuchenden. Wer dann noch weiblich, dunkelhäutig sei oder ein Kopftuch trage, habe es noch schwerer. „Auf der letzten Stufe“ rangierten laut Müller schließlich diese Frauen, wenn sie noch ein Kind haben. Diesen schwierigsten Fällen – derzeit neun Frauen aus Afrika und Mittelasien mit 13 Kindern – widmet Müller hauptsächlich seine Kraft und sein Wissen. Dabei setzt er seine Behördenkenntnisse ein, lässt Kontakte spielen, um Probleme mit Banken, Vermietern, Versorgern, Behörden und auch mit der Hochschulverwaltung selbst aus dem Weg zu räumen.
So half er einer Afrikanerin, die den Bachelor noch aus eigener Kraft schaffte, dann aber kurz vor dem Masterabschluss nicht mehr zum Geldverdienen kam, weil ihr die Anforderungen rund um die Abschlussarbeit regelrecht um die Ohren pfiffen. Die Frau konnte weder Miete, Krankenversicherung noch Rückmeldegebühren bezahlen. „Da hab’ ich alles Mögliche in Gang gesetzt“, sagt Müller.
Unter anderem erreichte er, dass der Frau der Strom nicht abgestellt wurde und dass sie aus einem Teufelskreis herauskam: Wer als ausländischer Student drei Monate keine Krankenkasse zahlt, wird automatisch zwangsexmatrikuliert. Der Grund: Ausländer müssen sich vor Studienantritt schriftlich dazu verpflichten, keinerlei Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen.
Geldhilfen, die er mit einem Budget von jährlich 3500 Euro ohnehin kaum leisten könne, sind denn auch nicht Müllers Haupthebel. Sondern schlicht die „niedrigschwellige Beratung“. Da in Deutschland Forderungen oft schnell mit juristischen Drohgebärden unterfüttert würden, gehöre auch die Vermittlung von Rechtsbeiständen dazu. „Unterstützung mit Perspektive“, nämlich die des Studienabschlusses, „nicht nach dem Gießkannenprinzip“, ist das Ziel des Rüsselsheimers. (plu.)
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