Denken darf man. Alles muss gedacht werden können. Denkt der Rüsselsheimer Künstler Michael Emig und legt ein Konzept für eine Kulturfabrik im Opel-Altwerk als Alternative zu den bestehenden Plänen für ein Opel-Forum vor. Seine Ideen wirbeln die Pläne der Investoren, die das Gelände 2007 gekauft haben, gründlich durcheinander. Aus dem Einkaufszentrum als tragende Säule des Opel-Forums wird nichts, so eine seiner Grundannahmen. Zumindest kommt es auf den 23 Seiten seines Konzepts nicht vor.
Die "Kulturfabrik Rüsselsheim" sieht er in dem vorderen neoklassizistischen Backsteingebäude links des Hauptportals mit der bereits kulturerprobten Werkhalle A1 im Erdgeschoss. Dort, wo eigentlich 20 000 Kunden pro Tag einkaufen sollen in den Shops der "Ankermieter" aus den Branchen Mode und Elektronik und in den Geschäften derer, die sich gerne um die großen Namen herum ansiedeln.
Investor Lutz Krauss, der mit der gemeinsamen Firma HKS mit Alexander und Christian Hoebig und Bruno Stephan das Opel-Altwerkareal erworben hat, sagt zu Michael Emigs Vorschlag: "Das Konzept Kulturfabrik Rüsselsheim ist ganz sicher nicht eins zu eins umsetzbar. Es wird sich kaufmännisch nicht darstellen lassen." Jede Wiederbelebung des brachliegenden Industriegeländes müsse Erträge bringen und hänge deshalb von dem Einkaufszentrum ab.
Von der Verwirklichung des Shopping-Centers geht der Investor nach wie vor aus. Er sieht die Vermarktung der Gewerbeflächen an Einzelhandelsfirmen, die der Vertragspartner Apellas betreibt, nach einer Zeit des Stillstands jetzt wieder auf einem guten Weg. "Die Finanz- und die Opelkrise haben viele verschreckt, doch die Signale, dass GM bleibt und dass es mit Opel weitergeht, lassen das Vertrauen in Rüsselsheim wieder wachsen", ist er optimistisch.
Noch in diesem Jahr können seiner Einschätzung nach Bebauungsplan und Baugenehmigung unter Dach und Fach gebracht werden, so dass 2011, im Jahr der ursprünglich geplanten Eröffnung und mit zwei Jahren Verzögerung, mit dem Umbau begonnen werden kann.
Nichtsdestotrotz seien Anregungen immer willkommen, sagt Krauss und verweist darauf, dass das Konzept für das Opel-Forum der Kultur durchaus einen Platz einräumt.
In der Villa Marta, einst als Wohnhaus für Wilhelm und Marta Opel gebaut und später als Sanitätszentrum des Autowerks genutzt, seien die ersten Renovierungsarbeiten schon im Gange, so dass im Laufe dieses Jahres erste Kulturveranstaltungen dort stattfinden könnten, berichtet Krauss. Und auch mit dem Ziel, die Hochschule mit einem Standort in das neu entwickelte Areal mit automobiler Geschichte zu holen, befinde sich der Investor HKS ganz im Einklang mit den Vorschlägen Emigs, betont Krauss.
Auch aus dem Rathaus wird grundsätzliche Freude über Ideen aus der Bevölkerung verkündet, jedoch kann Sprecherin Silke Fey wenig Konkretes sagen, wie man dort die Visionen Michael Emigs von einer Kulturfabrik Rüsselsheim einordnet. "Die Stadt ist nicht der Besitzer des Geländes", stellt sie klar. Einiges aus dem Konzept sei sicher umsetzbar, sagt Fey. Doch konkreter wollte sie nicht werden.
In den nächsten Tagen will sich der Rüsselsheimer Bürgermeister und Kulturdezernent Jo Dreiseitel (Grüne) mit dem Künstler zusammensetzen, um über die Vision einer Kulturfabrik Rüsselsheim zu reden. ( vol)
Michael Emig ist 1947 geboren, in Rüsselsheim aufgewachsen, ausgebildeter Farblitograf und seit etwa 20 Jahren mit seiner Malerei, Collagen und Zeichnungen in Ausstellungen präsent. Dazu ist er kuratorisch tätig für den städtischen Betrieb "123Kultur" und für das Bistro Mitch, wo er bislang rund 40 Ausstellungen organisiert hat.
Im Rüsselsheimer Kunstverein wirkt Emig mit und brachte Projekte mit auf den Weg wie "Illust_ratio" oder den "Bildersturm", die erste Ausstellung in den Opelvillen, die mit den Anstoß gab, das Haus für die Kunst zu öffnen.
Das vollständige Konzept zum Nachlesen steht im Internet auf der Seite www.ruesselsheim.tv. (vol)
Das Thema Automobil, die Oldtimermuseen, bleiben in Emigs Konzept. Auch den Wunsch, dass sich die Hochschule Rhein-Main dort ansiedelt und die Route der Industriekultur Rhein-Main sich dort ein Zentrum schafft, teilt er. Dazu gesellen sich die Jazz-Fabrik, das Rüsselsheimer Kulturzentrum "Rind", Künstlerateliers und Proberäume, eine Theaterfabrik, Kabarett- und Kleinkunstbühnen, die Künstlervereinigung Malkasten und die Reihe "Illust_ratio" - eben alles, was Rüsselsheim in Sachen Kunst und Kultur zu bieten hat. Auch Volkshochschule und Stadtbücherei könnten dann im Herzen der Stadt unterkommen - ähnlich wie es die Liste Rüssel, allerdings mit dem ehemaligen Karstadt-Gebäude als neuem Domizil, immer wieder fordert.
Die Kulturfabrik wird zentraler Spielort der "Kultur im Sommer" und auch der Wochenmarkt zieht dorthin um. Freilich kann sich Michael Emig auch Geschäfte vorstellen, aber nicht die, "die man überall und immer mehr, immer mehr" findet. Zu Rüsselsheim würde zum Beispiel ein Laden mit Produkten der Seidenstraße passen, wegen der multinationalen Bevölkerung, findet er. Oder mit Kunstgütern aus aller Welt. Dazu könnte man Gewerbe aus der Kulturbranche ansiedeln, Veranstaltungstechniker, Bühnenbauer, die oft nur Lagerfläche brauchen und mit einfachsten Voraussetzungen zufrieden sind.
Emig stellt sich ein Zusammenwirken von Investor, Stadt, Gewerbe und Opel, von Profis, Semiprofis und Amateuren vor. Der Investor, so schlägt er vor, baut eine Multifunktionshalle mit großen und kleinen Spielflächen und Bühnen für Sport und Theater. Die könnte dann auch die Funktion von Walter-Köbel-Halle und Stadttheater übernehmen. "Die Stadt sucht Wege einer wesentlichen inhaltlichen Mitbestimmung zur langfristigen Nutzung des Geländes", heißt es im Punkt fünf der "dreizehn Voraussetzungen". Die Kulturfabrik könne bewirken, "dass politische Entscheidungsträger der Stadt als Pioniere handeln", meint Emig, wohl wissend, dass beim Wort Kultur alle jene, die sich Realisten nennen, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
Die Finanzierung könnte sich Michael Emig so vorstellen: Die Stadt lässt einen Großteil des Geldes, das sie bisher in Stadtentwicklung und in die Kulturbetriebe steckt, in die Kulturfabrik fließen. Wenn etwa Volkshochschule und "Rind" in die Kulturfabrik umziehen, entfallen die Raummieten der bisherigen Standorte. Gelder für Stadtmarketing und Imagekampagnen werden in die Kulturfabrik investiert, "da diese schon bald durch Pilotprojekte einen lebendigen Imagegewinn erzeugt."
Neben den Kapiteln "das Geld eins" und "das Geld zwei" für die kurz- und mittelfristige Finanzierung gibt es im Kulturfabrik-Konzept noch das Kapitel "das Geld drei - gewagte Finanzierung". Als Vorschlag, wie Geld in die Kassen kommen könnte, steht dort: Die Stadt verkauft das GPR-Klinikum und die Seniorenresidenz Haus am Ostpark an einen privatwirtschaftlichen Betreiber.
Und wenn dieser privatwirtschaftliche Betreiber dann mehr Fläche braucht für die Erweiterung des Klinikums, dann könnte er den frei werdenden Campus der Hochschule am Brückweg kaufen. Anmerkung: "Es muss alles gedacht werden können."
Der Künstler zweifelt nicht an der Zukunftsfähigkeit seiner Heimatstadt, die ihm nach eigenen Bekunden sehr am Herzen liegt. Doch die Zukunftsfähigkeit, erklärt er, "setzt Umdenken und Unbequemlichkeit voraus". "Die Alternative, Beharren und Bequemlichkeit, durchleben wir heute", stellt Emig fest.
Ein ganz persönliches Steckenpferd reitet Emig wohl, wenn er eine "Lyrikfabrik" als erstes Projekt der Kulturfabrik Rüsselsheim entwirft: Geschäftsleute und Bürger könnten in humorvollen Reimen auf die Rüsselsheimer Geschäfte aufmerksam machen. LED-Laufschriften, verteilt über das Stadtgebiet, geben Auskunft über die neuesten Verse. (vol)

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