Polizeioberkommissarin Eva Venus und Polizeimeister Marcel Poullie vom Bundespolizeirevier in Darmstadt werden in ihrem Einsatzfahrzeug kräftig durchgerüttelt: Vorbei an Kleingärten fahren sie auf dem hartgefrorenen Boden parallel zu den Gleisen der Pfungstadtbahn, den Blick immer wieder auf die Strecke gerichtet. Etwa auf halber Höhe zwischen Eberstadt und Pfungstadt steigen sie aus und inspizieren das Gleisbett.
Was nach Routine aussieht, hat einen besonderen Grund: Seit der Inbetriebnahme der Strecke am 10. Dezember hat es bereits fünf gefährlich Eingriffe in den Bahnverkehr gegeben. Zum Vergleich: Im gesamten Revierbereich Darmstadt gab es 2011 41 solcher Vorfälle. Deshalb lässt die Bundespolizeiinspektion Frankfurt, zu deren Zuständigkeitsbereich auch Pfungstadt gehört, die Strecke verstärkt kontrollieren.
Zwei Gleisüberschreitungen, bei denen die Zugführer eine Notbremsung einleiten mussten, gab es am 23. und 27. Januar. Gegenstände lagen am 7., 22. und 25. Januar auf den Gleisen – darunter eine von der Stadt Pfungstadt aufgestellte Absperrung, Betonplatten, Äste, Steine und eine Signaltafel. Auch hier mussten die Itino-Triebwagenführer jeweils notbremsen.
Aufklärung an Schulen
„Oft sind es nur Dumme-Jungen-Streiche“, sagt der Pressesprecher der Bundespolizei, Ralf Ströher. „Die Täter sind sich der Gefahr oft nicht bewusst.“ Falls der Zug tatsächlich über Hindernisse rollt, werden Splitter oder andere Teile zu gefährlichen Geschossen. Sensationsgier kann also im wahrsten Wortsinn leicht ins Auge gehen.
Um auf diese Gefahren hinzuweisen und um Schüler vom unerlaubten Abkürzen über die Gleise abzuhalten, will die Bundespolizei aufklären. Beim Revier Darmstadt ist dafür Polizeikommissar Mathias Klostermann zuständig. Er will in die Pfungstädter Schulen gehen. Bei einem ähnlichen Fall in Dietzenbach, wo es nach Inbetriebnahme einer neuen Strecke auch zu einer Häufung von Vorfällen kam, habe dies gewirkt: Gleisüberschreitungen und gefährliche Eingriffe wurden deutlich weniger.
In nächster Zeit wolle er auch die Anwohner in Pfungstadt wegen Hinweisen zu den Vorfällen ansprechen, sagt Klostermann. „Da klingele ich dann und frage, ob sie etwas gesehen haben.“ Auch mit der Polizeistation Pfungstadt werde eng zusammengearbeitet, um die Sicherheit auf der Strecke zu gewährleisten.
Bürgerinitiative gegen pfeifende züge Gegen das Pfeifen der Pfungstadtbahn hat sich eine Bürgerinitiative gegründet. So soll den Forderungen nach umgehender Einstellung der Pfeifsignale Nachdruck verliehen werden, heißt es in einer Mitteilung.
Ein Arbeitskreis soll die weiteren Aktivitäten koordinieren und organisieren.
Zum Sprecher der Bürgerinitiative wurde Klaus-Peter Riede gewählt.
Fast 500 Unterschriften wurden inzwischen gegen das Pfeifen gesammelt, Listen liegen in der Tankstelle am Bahnübergang Pfungstadt sowie im „Modeparadies“ in Eberstadt, Heidelberger Landstraße 218, aus.
Ein anderes Problem auf der Pfungstadtbahn hat sich indes erledigt. Tickets können nun auch von außerhalb des RMV-Gebietes bis nach Pfungstadt durchgelöst werden.
Bislang mussten Fahrgäste bis Eberstadt lösen und dort ein Ticket bis Pfungstadt kaufen.
„Die Triebwagenführer sind schon sensibilisiert wegen der Vorfälle“, sagt Eva Venus im Streifenwagen auf dem Weg in Richtung Eberstädter Bahnhof. Dennoch: Auf der Pfungstadtbahn herrscht nicht viel Verkehr, nachts fährt gar kein Zug. „Da ist viel Zeit“, sagt die Polizeioberkommissarin.
Deshalb schauen die Streifen zu unregelmäßigen Zeiten, Tag und Nacht, vorbei. Auch am Bahnhof Pfungstadt. Dort kürzen viele Fußgänger über die Gleise ab, die Böschung gegenüber des Bahnsteigs sieht aus wie ein Trampelpfad. Die regulären Übergänge bedeuten einen Umweg von etwa 200 Metern.
Als ein Bus hält, steuern die ersten Jugendlichen schnurstracks auf das Gleis zu, erst als sie die Streife sehen, drehen sie ab in Richtung der Übergänge. „Das Problem mit Schulkindern ist, dass sie dreimal drüberlaufen und es passiert nichts, beim vierten Mal schauen sie nicht mehr – und dann passiert’s“, sagt Ströher. Er fügt an: „Fast zu 100 Prozent geht so etwas tödlich aus.“
Deshalb wird die Polizei auch weiter Streife fahren und damit beginnen, in den Schulen aufzuklären, damit die Pfungstadtbahn wieder aus dem Fokus der Ordnungskräfte verschwindet. (bach.)

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