Kreis Groß-Gerau
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28. November 2012

Weltrekord Bobbycar: Bobbycar mit Düsentrieb

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Echte Männer fahren Bobbycar mit Düsenantrieb. Foto: peter-juelich.com

Höher, schneller, weiter: Dirk Auer ist süchtig nach Geschwindigkeit. Der Ingenieur aus Groß-Gerau beschleunigt Bobbycar, Inline-Skates und ein Kajak mit Düsenantrieb auf Weltrekord-Niveau.

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Höher, schneller, weiter: Dirk Auer ist süchtig nach Geschwindigkeit. Der Ingenieur aus Groß-Gerau beschleunigt Bobbycar, Inline-Skates und ein Kajak mit Düsenantrieb auf Weltrekord-Niveau.

Der Pilot tankt. Vier Liter Kerosin fließen aus einem Kanister in den Camelbag, der eigentlich für den Durst von Sportlern gemacht ist. Der Pilot setzt seinen Helm auf, zieht Wanderschuhe an und – schiebt. Die Startbahn liegt ein paar hundert Meter weg von den Häusern im Groß-Gerauer Wohngebiet: ein breiter Fahrradweg, gesäumt von Gebüsch.

Der Pilot nimmt hinter dem Lenkrad Platz und startet die Turbine. Sie heult auf, übertönt die großen Verwandten, die am Himmel der Einflugschneise schon ziemlich lärmen. Es stinkt wie beim Ersteigen einer Gangway, nur, dass die Turbine viel lauter dröhnt. Der Pilot trägt Ohrstöpsel. Zuschauer müssen ihre Trommelfelle mit Händen schützen, denn jetzt gibt er Gas, eine Stichflamme schießt nach hinten, der Pilot nach vorn, schon ist er weg, raus aus der Comicszene in 3D.

Ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft

Der groß gewachsene, durchtrainierte Mann fährt Bobbycar mit Düsenantrieb. Wie ein großes Kind streckt er die Beine waagerecht nach vorn, drosselt den Schub und bremst vor der Kurve mit den Füßen ab. Das kennt man von Spielplätzen, nur dass Dirk Auer mit seinem Bobbycar in 14 Sekunden auf 130 Stundenkilometer beschleunigen kann, nicht hier auf dem Radweg, aber auf Flugplätzen, gesperrten Straßen oder Rennbahnen, auf denen der Kunststofftechnik-Ingenieur seine Rekorde aufstellt.

Er ist gern der Schnellste und hat es schon in den verschiedensten Disziplinen und ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft: Auf Inline-Skates hält er sich an Rennautos fest und rast mit mehr als 300 Stundenkilometern über die Piste. Nur mit den Händen greift er zu, an der Heckklappe beispielsweise. „Immer ohne Halter“, das ist sein Markenzeichen, darauf legt Auer Wert.

Salto ohne Netz

Andere in der Szene, und von denen gibt es erstaunlicherweise einige, nutzten spezielle Griffe und Aufbauten. „Das ist ja Kinderkram, fast wie Draufsitzen“, sagt er, „ich mache den dreifachen Salto lieber ohne Netz.“

Das kann man fast wörtlich nehmen. Auer hebt gern ab. Zum Beispiel mit Skates an einem Seil, das ein Helikopter zieht und ihn 50 bis 60 Meter weite Sprünge machen lässt. Dabei dreht er sich und fährt nach der Landung rückwärts weiter. Oder er rast mit Skates ein Hochhaus senkrecht runter, im freien Fall, erst kurz vor dem Aufprall von einem Seil abgebremst. Fallschirmspringen mutet im Vergleich zu solchen Stunts wie ein Sonntagsspaziergang an.

Wenn er mal keine Rekorde aufstellt, springt er nur so zum Spaß und meistens in Tschechien. Ganz normal mit den Füßen landen wäre aber doch zu langweilig. Also schnallt er sich Skates an oder sitzt auf einem Bobbycar, wenn er die Erde erreicht. Oder er klettert auf das Dach des Fliegers, und fährt dort mit seinen Skates entlang, bevor er in den Abgrund springt.

Höhenangst

Nur Basejumpen ist nichts für ihn. „Ich habe Höhenangst“, sagt er. Man glaubt es kaum. „Von einem Hochhaus ist der Blick nach unten problematisch, in 4500 Meter Höhe denkst du dagegen nur an die große Freiheit.“ Aha. Klar, dass ihn Felix Baumgartners Sprung aus der Stratosphäre fasziniert. Nicht nur wegen des Geschwindigkeitserlebnisses. „Ich hätte Lust, das zu machen.“ Es sind auch die technischen Möglichkeiten, die den Ingenieur faszinieren und zu immer neuen Höhenflügen herausfordern.

Im Heizungskeller des Hauses in Groß-Gerau lagert ein kleiner Teil der Ausrüstung, das meiste ist selbst gebaut. Das Bobbycar war mal ein ganz normales Kindergefährt und sieht jetzt mit dem schwarzen, flammenverzierten Carbonüberzug aus wie getunt. Der hitzefeste Sitz schützt den Hintern des Piloten vor dem bis zu 650 Grad heißen Düsenantrieb, die Achsen sind verstärkt und vorne hat Auer eine Steuerung aus dem Modellfliegerbau montiert.

Ein paar Meter weiter steht zwischen Tragflügeln und Kanistern eine Jet-Turbine mit drei Düsen, die sich wie ein Rucksack aufschnallen lässt. Mit ihr beschleunigte ihr Besitzer mit einem Kampfjet um die Wette, raste mit 178 Sachen durch den Darmstädter Citytunnel und auf Skiern über Eispisten Kanadas.

Mit Skates auf die Achterbahn

Daneben hängt ein dick gepolsterter Schutzanzug, wie Auer einen trug, als er in Darmstadt die Tunnelwand streifte, die ihm die Protektoren wegriss. Im Regal stapelt sich das Sortiment an Inlinern für den Extrembedarf: Cross-Skates, die zum wilden Querfeldein-Ritt hinter einem Quad taugen, verstärkte Exemplare mit angeschweißten Schienen und zusätzlichen Rollen oder Konstruktionen, die kaum noch als Skates zu erkennen sind.

Da stehen Schuhe mit einem Metallunterbau, an dem Rollen hängen, eine Spezialanfertigung für einen besonders spektakulären Rekord. Vor drei Jahren raste Auer damit die Mammut-Holz-Achterbahn in einem Freizeitpark bei Stuttgart mit knapp 90 Kilometern hinunter. „Das war heftig“, sagt er, sein mit Abstand gefährlichstes Projekt. Ein Nagel, eine Schraube oder eine andere Unebenheit an den Schienen hätten den Tod bedeutet.

Damals war Dirk Auer noch Profi, lebte von Sponsorengeldern, mit inzwischen 40 Jahren ist er ruhiger geworden, hat einen festen Job bei einer Kunststoff verarbeitenden Firma in Dieburg.

Verletzungen gehören dazu, Auer zählt einige auf, alle Rippen und das Brustbein waren auf einmal gebrochen, es gab den Sturz auf einer Achterbahn, der mit einer Steißbein-Trümmerfraktur endete. Vor großen Projekten trainiert er zwei bis drei Monate gezielt die Muskelgruppen, die extreme Leistungen bringen müssen, ansonsten geht er täglich ein bis drei Stunden ins Fitnessstudio, fünf Tage die Woche.

Sehnsucht nach Freiheit

Wozu dieser Einsatz? „Ich will es machen, ich habe Lust darauf“, sagt er. Es geht nicht um Ruhm, die Achterbahn nahm Auer unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Es gibt Psychologen, die in dieser inneren Befriedigung durch Grenzerfahrungen eine Form des Narzissmus erkennen, eine selbstbezogene Sehnsucht nach grenzenloser Freiheit, die über das Mittelmaß erhebt. Andere sehen Suchtgefahr durch körpereigene Glückshormone. Der Flow, die hellwache, höchste Konzentration, wenn endlich der Moment kommt, auf den er monatelang hingearbeitet hat, sei „wie ein Trancezustand“, sagt Dirk Auer: „Wenn mich einer mit der Nadel stechen würde, käme kein Blut.“

Seinen ersten Rekord fuhr der gebürtige Offenbacher 1995 auf Skates: Von Frankfurt nach München nonstop in 24 Stunden – das war nicht die erste Grenzerfahrung, aber eine heftige: „Ich war kurz vor dem Zusammenbruch, die Füße waren taub, hatten Überbeine gebildet.“

Kajak mit Düsenantrieb

Ein halbes Jahr war der Sportler, der von Kind an Rollschuhlaufen liebte, total erschöpft. Als er danach die Skates wieder anzog, ging es Schlag auf Schlag, 1996 fährt er eine Bobbahn hinunter, 1997 stellt er den ersten Speedrekord hinter einem Rennwagen auf. Seit 2002 rast er mit Düsenantrieb. Er war bei „Wetten, dass“ , hatte Anfragen vom Film und immer ehrgeizigere Träume.

Der neueste wird derzeit in einer Werkstatt der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Darmstadt Wirklichkeit, an der Auer an Samstagen als Lehrbeauftragter für Kunststofftechnik arbeitet, „ich wollte schon immer was mit Wasser machen“. Extremkajakfahrer stürzen sich den Rheinfall hinunter, Auer will bei seiner Methode bleiben und tüftelt an einem Kajak mit Düsenantrieb, das ihn ähnlich wie ein Tragflächenboot über das Wasser schweben lässt, nur ziemlich schnell. 80 Stundenkilometer peilt er an und hat dafür extra einen Bootsführerschein gemacht.

Immer schneller

Seit zweieinhalb Jahren experimentiert der Ingenieur mit der Antriebstechnik, dem Material für einen enorm widerstandsfähigen Rumpf, der Lage der Düsen, deren Strahl über der Wasseroberfläche bleiben muss, an der Größe der Tragflächen, dem Gleichgewicht. „Umkippen geht nicht“, sagt er, „das wäre sehr gefährlich.“ Er rechnet, experimentiert, probiert aus. Der Wasserturbo soll als Sportboot zugelassen werden und nächstes Jahr auf Rhein, Main oder Seen fahren.

Das Menschenmögliche ist mit diesem Projekt noch lange nicht ausgeschöpft. Neue Turbinen werden erfunden, mit denen sich die Geschwindigkeit weiter steigern lässt. Oder man tut dies mit einer schnelleren Zugmaschine.
Auer will schon lange „was mit einem Flugzeug machen“, sich mit Skates an den Tragflächen eines Kampfjets festhalten, beschleunigen, abheben und dann mit dem Fallschirm abspringen. Da hätte der Pilot seinen Spaß.

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