Als der 20-jährige Willi Goldmann 1933 einen SA-Aufmarsch am Frankfurter Bahnhof erlebte, bei dem die Nazitruppen martialische Lieder sangen, wurde ihm schlagartig klar, dass es in Deutschland keine Zukunft für ihn gab. Etwa um die gleiche Zeit hatte der Neu-Isenburger seinen Job verloren, kurz darauf reiste er nach Palästina aus. 1935 holte er seine Eltern Max und Rosa Goldmann und seine Schwester Johanna nach Tel Aviv nach.
„Willi blieb immer seiner Heimat verwurzelt“, sagt Heidi Fogel, die bis zu dessen Tod 1989 Kontakt zu ihm hatte und die in der Neu-Isenburger Stolperstein-Initiative aktiv ist. Deshalb habe sich Willi Goldmann auch in einer Organisation ehemaliger Frankfurter engagiert.
Gestern wurden 12 Stolpersteine für Neu-Isenburger Juden verlegt, die während der Nazi-Zeit aus Deutschland geflohen sind oder ausgewiesen wurden und die den Holocaust überlebten.
Vor dem Haus an der Frankfurter Straße 19 erinnern vier Steine an Familie Goldmann, vor Nummer 46 zwei an das Ehepaar Drehlich und vor Nummer 61 einer an Max Pscherowski. Vor der Schillerstraße 18 wurden gestern vier Steine für Familie Weiß eingelassen, vor der Hirtengasse 18 einer für Salomon Luks.
16 Stolpersteine für ermordete Juden waren 2009 verlegt worden. Seit 2010 erinnert eine etwa einen Meter lange Stolperschwelle in der Zeppelinstraße an die Bewohnerinnen eines jüdischen Frauenhauses, das die Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim gegründet hatte.
Gestern wurden für ihn und seine Familie Stolpersteine vor dem Haus an der Frankfurter Straße 19 verlegt. Ebenso wie für das Ehepaar Drehlich, das bis 1939 einige Häuser weiter im Haus Frankfurter Straße 46 lebte. Anders als die Goldmanns, die Deutschland frühzeitig verlassen haben, haben die Drehlichs weit länger Demütigung ertragen. Der Schneider, der erst 1919 aus Polen nach Deutschland ausgewandert war, wurde 1938 mit rund 3000 anderen Juden von Frankfurt an die polnische Grenze abgeschoben, weil Polen den Ausgewanderten die Staatsbürgerschaft aberkennen wollte. Man verweigerte ihm die Ausreise, er kam nach Neu-Isenburg zurück.
1939 schließlich wurde er endgültig aus Deutschland ausgewiesen. Mit seiner nicht-jüdischen Frau, die etwas später nachkam, begann er in London ein neues Leben. Zu allem Unglück wurde das Ehepaar dort bei einem deutschen Angriff ausgebombt, hat die Stolperstein-Initiative in Erfahrung gebracht. Drehlichs Mutter und seine Schwestern wurden in Auschwitz ermordet. Dass nun ein Stolperstein auch an den Überlebenden der Familie erinnert sei dessen Nichte zu verdanken, berichtet Heidi Fogel.
Andere Überlebende hat die Initiative über die sogenannten Judenlisten im Stadtarchiv recherchiert. Darin hatten die Nazis all diejenigen Juden aufgelistet, die 1935 noch in Neu-Isenburg lebten. Bei einigen habe es die Anmerkung „fort“ gegeben, berichtet Fogel. Dem sind die Historikerin und ihre Mitstreiter nachgegangen. Nicht alle Überlebenden haben sie ausmachen können. Die meisten wanderten nach Palästina aus, andere aber auch nach Belgien, Shanghai, Afrika oder London. Max Pscherowski etwa, der 1939 nach Belgien flüchtete, musste dort Zwangsarbeit leisten, nachdem die Wehrmacht das Land besetzt hatte. Es gelang ihm eine zweite Flucht, er überlebte im Untergrund.
Die Auswahl der nun vorgestellten Nazi-Opfer liegt laut Fogel darin, zu wem die Initiative habe Kontakt aufnehmen können, um an Informationen über den Verbleib zu kommen.
„Lange Zeit waren wir das einzige jüdische Geschäft, das nicht durch schmutzige Nazi-Pamphlete beschmiert wurde“, berichtet Johanna Goldmann später. Eine Fehleinschätzung, die die Familie dem Vermieter des Geschäfts, Christian Häfele, zu verdanken hatte, der die nächtlichen Schmierereien früh morgens mit Farbe überpinselte.

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