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23. Januar 2015

Flüchtlinge: Kirchenasyl nach langer Flucht

 Von 
Yussef J. und Pfarrerin Mechthild Dietrich-Milk im Gemeindehaus, wo er Kirchenasyl fand.  Foto: Renate Hoyer

16 Jahre war er alt, als sein Vater im somalischen Bürgerkrieg umgebracht wurde. Weil seine Mutter auch um sein Leben fürchtete, schickte sie ihn auf den Weg nach Europa. Yussef erlebte einen Horrortrip. Von der Johannesgemeinde bekam der junge Somalier Kirchenasyl.

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Yussef J. ist 20 Jahre jung, aber seine Erfahrungen reichen schon für ein ganzes Leben. Drei Jahre Flucht aus seiner Heimat Somalia liegen hinter ihm, zurzeit wartet er in Neu-Isenburg auf die Genehmigung seines Asylantrags. Dazwischen war er der erste Flüchtling, der in der Johannesgemeinde Kirchenasyl bekam.

16 Jahre war er alt, als sein Vater im somalischen Bürgerkrieg umgebracht wurde. Weil seine Mutter auch um sein Leben fürchtete, schickte sie ihn auf den Weg nach Europa. Yussef erzählt keine Details, nur Stationen eines Horrortrips: Über Kenia kam er nach Uganda, wo sein Onkel einen Schlepper für die Busfahrt in den Sudan zahlte, einen Monat verbrachte er in der Sahara, blieb sechs Monate in Libyen hängen, bevor er in einem Boot die Überfahrt nach Italien schaffte.

Nach seiner Ankunft in Lampedusa durfte der 17-Jährige in einer Unterkunft für minderjährige Flüchtlinge bleiben, bis er 18 Jahre alt war. „Dann kam die Polizei und hat gesagt, ich müsste gehen.“ Wohin, wurde ihm nicht gesagt. Er lebte ein Jahr auf der Straße, manchmal bei anderen Somaliern. Über sie erhielt er eine Mitfahrgelegenheit nach Deutschland, kam über Gießen nach Neu-Isenburg in ein Hotel.

Ein Jahr auf der Straße

Die städtische Integrationsbeauftragte Paola Fabbri Lipsch kümmerte sich um ihn, organisierte einen Sprachkurs und zog die Flüchtlingshilfe hinzu. „Dann kam im Januar 2014 ein Brief, dass ich zurück nach Italien soll“, erzählt Yussef teils auf Deutsch, teils auf Englisch. „Nach dieser schrecklichen Fluchtgeschichte wäre die Rückkehr eine Katastrophe gewesen“, sagt Mechthild Dietrich-Milk, Pfarrerin der Johannesgemeinde.

Die wurde von der Flüchtlingshilfe gefragt, ob sie Yussef Kirchenasyl gewähren könnte, bis er lange genug in Deutschland sei, um hier Asyl zu beantragen. Der Kirchenvorstand stimmte dem ersten Kirchenasyl der Gemeinde nach eingehender Diskussion zu. Der frühere Gemeindepfarrer und heutige interkulturelle Beauftragter der Diakonie Hessen, Andreas Lipsch, klärte über die damit verbundenen Verpflichtungen auf.

„Im Wohnzimmer der gerade freien Pfarrwohnung haben wir Yussef einquartiert, weil das eine Terrasse hat und er so wenigstens ins Freie konnte“, erzählt Dietrich-Milk. Gemeindemitglieder brachten die Einrichtung. Später zog er in das Gemeindehaus um. Ein Computer wurde zum Fenster zur Welt. Nicht nur die Kirche selbst, auch Gemeinderäume würden für das Asyl anerkannt, sagt die Pfarrerin. Ein junger gleichaltriger Somalier ging für Yussef einkaufen, Mitglieder der Gemeinde und der Flüchtlingshilfe begleiteten ihn zum Sprachkurs, damit er nicht unterwegs von der Polizei abgeholt würde.

Glaube spielte keine Rolle

Auch die türkische Gemeinde holte den jungen Moslem zu wichtigen Feiertagen in ihre Moschee. „Dass Yussef Moslem ist, hat für uns keine Rolle gespielt“, sagt die Pfarrerin. Sie war in den acht Monaten Kirchenasyl seine erste Ansprechpartnerin, auch für Notfälle. So bekam der Asylsuchende ohne Krankenversicherung nachts rasende Zahnschmerzen. Die Pfarrerin begleitete ihn zu einem Neu-Isenburger Zahnarzt, der ihn gratis behandelte.

Es waren lange Monate von April bis November 2014, bis endlich das Schreiben kam, dass Yussef in Deutschland einen Asylantrag stellen darf. Zum ersten Mal konnte er sich in Neu-Isenburg frei bewegen und zog in eine städtische Flüchtlingsunterkunft.

Aktuell wartet er darauf, in eine Schule gehen zu können. „Ich will perfekt Deutsch lernen und Automechaniker werden“, sagt er und schwärmt von den Menschen, die ihm geholfen haben. „Er ist so nett, es ist so einfach, ihn zu mögen“, strahlt die Pfarrerin zurück. „Er ist uns ans Herz gewachsen und hilft immer noch in der Gemeinde. Das Kirchenasyl war auch für uns eine wichtige bleibende Erfahrung.“

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