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12. November 2012

Fukushima: "Was seid ihr für Verbrecher"

 Von Juliane Mroz
Ein Polizist erteilt Fukushima-Demonstranten in Tokio Anweisungen.  Foto: dpa

Japaner sind immer freundlich und zurückhaltend. Kazuhiko Kobayashi ist das nicht. Er ist Atomkraftgegner. In Langen informiert er über die Lage in Fukushima anderthalb Jahre nach dem Reaktorunfall und sammelt Spenden für ein Krankenhaus.

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Japaner sind immer freundlich und zurückhaltend. Kazuhiko Kobayashi ist das nicht. Er ist Atomkraftgegner. In Langen informiert er über die Lage in Fukushima anderthalb Jahre nach dem Reaktorunfall und sammelt Spenden für ein Krankenhaus.

Der Stadtverordnetensitzungssaal im Langener Rathaus war am Freitagabend voll besetzt. Anlass war der Besuch des japanischen Atomkraftgegners und Buchautors Kazuhiko Kobayashi bei der Initiative Langen gegen Atomkraft. Er berichtete über die Lage in Japan mehr als eineinhalb Jahre nach dem Reaktorunfall in Fukushima.

Hohe Strahlung

Das Erdbeben am 11. März 2011 löste die Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima aus.

Die Kraftwerksruine ist bis heute nicht unter Kontrolle. Hohe Strahlung erschwert die Arbeit.

Atomkraftkritiker befürchten einen Supergau im Falle eines weiteren schweren Erdbebens.

Von 4000 Kindern in der Region haben 40 Prozent Symptome einer Schilddrüsenerkrankung.

„Jeder kleine Junge, jedes kleine Mädchen in Japan weiß, dass dort jederzeit ein großes Erdbeben kommen kann“, sagt Kobayashi. „Ich war sehr wütend, als die Verantwortlichen von Tepco sagten, die Explosion sei durch die Naturgewalt gekommen, die weit über unsere Vorstellung hinausgegangen sei.“

Immer mehr Wut

Mehr und mehr Japaner scheinen diese Wut zu teilen und verleihen ihr inzwischen auch Ausdruck. Seit Juni 2012 versammeln sich jeden Freitagabend Tausende Menschen am Haus des Premierministers in Tokyo, im Stadtpark Yoyogi-Kōen demonstrierten Mitte Juli rund 170.000 Menschen, 200.000 nahmen Ende Juli an einer Kerzen-Demonstration teil.

„Doch viele ahnungslose Bürger glauben noch, was die Behörden sagen. Sie wollen nicht kritisch hinterfragen.“ Zum einen gelte Gehorsam in der japanischen Kultur als Tugend, was ebenso historisch bedingt sei wie die Tatsache, dass die Regierung felsenfest hinter den Konzernen stehe. Des Weiteren habe Japan wenig Chancen gehabt, wissenschaftlichen Nutzen aus den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki zu ziehen. „Die Amerikaner forschten an den Strahlenopfern, japanischen Wissenschaftlern war das nicht erlaubt.“

Propaganda gegen Allergie

Später habe die Regierung versucht, die „Allergie“ der Japaner gegen Atomenergie mit Propaganda für angeblich sichere und saubere Atomkraftwerke zu bekämpfen. „In japanischen Physikbüchern steht nichts über die Gefahren der Atomenergie.“ Eine Folge dieser Politik sei auch, dass es in Japan kaum Spezialisten gebe, die sich mit Strahlenschäden auskennen. Das bestätigt auch die Dietzenbacher Ärztin Dörte Siedentopf, die den Abend moderierte und die im Sommer 2012 die Region Fukushima besucht hat. „Die Ärzte in Japan haben keine Ahnung, die Gefahr wird vertuscht, Menschen erfahren ihre Befunde nicht.“ Aus diesem Grund sei es auch sinnvoll, Geld für ein von der Regierung unabhängiges Krankenhaus in der Präfektur Fukushima zu sammeln – eines der Ziele von Kobayashis Europatour – und zwar, obwohl Japan ein so hoch entwickeltes und wohlhabendes Land sei.

Die Spenden, die er auf seiner Reise durch Deutschland, Frankreich und die Schweiz sammelt, will Kobayashi nutzen, um die Verantwortlichen in Fukushima an ihrer Ehre zu packen. „Ich werde sagen, europäische Bürger zeigen sich solidarisch und haben gespendet, und was habt ihr bisher für die Betroffenen getan? Nichts. Was seid ihr für Verbrecher!“

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