Nach außen hielten wir zusammen wie Pech und Schwefel und lebten nach der Devise: Es geht keinen etwas an, was in unserer Familie passiert.“ So beschreibt Autorin Michaela Martin die Familiendoktrin der Schneiders in ihrem Roman „Bonzentochter“. Der Schein wird immer gewahrt – auch um den Preis der Ehrlichkeit gegenüber der eigenen Verwandtschaft. Die Eltern haben hohe Ansprüche an den Nachwuchs, Außenstehende werfen den Unternehmertöchtern schnell vor, sie müssten sich nichts selbst erarbeiten. „Bonzentöchter“ eben.
„Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen“, sagt Martin. „Es ist nicht immer einfach, eine Bonzentochter zu sein.“ Einen Blick auf diese Schattenseiten wirft die 59-jährige Autorin, die die älteste Tochter des Ballettschuhproduzenten Karl-Heinz Martin aus Rödermark ist, in ihrem überwiegend autobiografischen Roman.
Es ist ein Frauenroman, ein Mutter-Tochter-Buch und eins von Erfolg und Misserfolg. Im Zentrum stehen zwei Schwestern. Die eine kann mit dem Druck der Familie umgehen. Und sie kann und will offensichtlich die Erwartungen der Eltern erfüllen. Die andere tut das nicht; verweigert sich, indem sie noch als Teenager eine Karriere als Leistungssportlerin aufgibt. Sie wird dick und scheitert letztlich an den Ansprüchen.
Vorgetäuschte Entführung
„Ich habe gemerkt, dass man am einfachsten durchs Leben kommt, wenn man die Spielregeln akzeptiert“, sagt Autorin Martin. Sie verkörpert im Buch die Rolle der Martina Schneider – der älteren Schwester, die den Erwartungen der Eltern genügt. Die vorgetäuschte Entführung der zehn Jahre jüngeren Schwester Sylvie dient als Rahmenhandlung, ausgiebige Rückblenden zeigen dem Leser die Ungereimtheiten hinter der Oberflächliche einer nach außen perfekten Familie. Uneheliche Schwangerschaften, Untreue und Selbstmord – all diese Abgründe werden auch innerhalb der Familie tabuisiert.
„Ich hätte das Buch wohl nicht geschrieben, wenn meine Eltern noch lebten“, sagt Martin. Nach dem Studium in München arbeitet sie als Rechtsanwältin, machte einen Bekleidungsladen auf und arbeitete als freie Journalistin für den Bayrischen Rundfunk. Erst 2004 kam sie aus München, wo sie seit ihrem Studium überwiegend gelebt hat, wieder in die Heimat nach Rödermark. Zunächst, um sich um den Betrieb des Vaters zu kümmern, später, um bei der kranken Mutter zu sein. Heute berät sie Immobilieninvestoren.
Einfache Sprache
Auch, wenn die Rahmenhandlung etwas schwach ist und die ein oder andere Rückblende ein wenig zu lang geraten ist, ist Martins Buch lesenswert. Dafür sorgen vor allem ihre einfache Sprache, die Offenheit und der psychologische Blick der Autorin. Verborgen bleibt, warum die 14-jährige Sylvie immer wieder abhaut. „Das hat sie uns nie erzählt“, sagt Martin. Bis heute nicht. Der Kontakt zwischen ihr und der Familie ist abgebrochen.
Vor allem die Rolle der Frau und der Familie in der Gesellschaft sind Themen, die Martin beschäftigen. „Ich habe schon mindestens drei neue Themen im Kopf“, sagt sie. Doch zunächst möchte sie abwarten, wie sich die 500 Exemplare ihres Erstlingswerks verkaufen, das kürzlich auf den Markt gekommen ist.
Der Roman „Bonzentochter“ von Michaela Martin hat 261 Seiten und ist im Verlag Kern, Bayreuth, erschienen. Das Buch kostet 15,90 Euro. ISBN 978-3-939478-669

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