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23. Januar 2013

Integration Sarrazin: „Muslime müssen Dialog führen“

Karin Scholl kümmert sich seit 30 Jahren um Zuwanderer.  Foto: Arnold

Integrationsbeauftragte Karin Scholl spricht im Interview über Salafisten, Sarrazin und den Sozialstaat.

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Integrationsbeauftragte Karin Scholl spricht im Interview über Salafisten, Sarrazin und den Sozialstaat.

Dreieich –  

Warum hatte gerade Dreieich als erste Stadt im Kreis ein Integrationsbüro?

In Dreieich war Integration sehr früh ein wichtiges Thema, weil es hier eine große Sammelunterkunft für Asylbewerber gab – das Hotel André in Sprendlingen.

Gab es dort Probleme?

Das Hotel war eine sehr beliebte Unterkunft, auch wegen der zentralen Lage im Ortskern und in der Nähe von Frankfurt. Viele wollten gar nicht mehr weg – auch wenn es dort sehr eng war. Selbst große Familien hatten maximal zwei kleine Zimmer à neun Quadratmeter für sich. Natürlich gab es da auch mal Konflikte unter den Bewohnern. Aber im Großen und Ganzen hat das gut funktioniert. Es gab auch viele Hilfsangebote wie Kinderbetreuung und Hausaufgabenhilfe.

Haben Sie zu Flüchtlingen von damals noch Kontakt?

Ja, denn viele sind in Dreieich geblieben. Es gibt zum Beispiel eine große Community von Eritreern. Die haben damals einen Verein gegründet und sich gegenseitig geholfen. Den Verein gibt es immer noch. Allerdings hat er – wie viele ausländische Kulturvereine – Nachwuchssorgen. Die Jungen fühlen sich oft so in Deutschland verwurzelt, dass sie kein Interesse daran haben. Diese Vereinslandschaft schrumpft total.

Der Islam lernt fleißig Deutsch

Zur Person

Karin Scholl (55) leitet das Integrationsbüro der Stadt Dreieich. Es besteht seit zehn Jahren und ist das älteste städtische Integrationsbüro im Kreis Offenbach.

Die Diplom-Pädagogin ist seit 1983 Ansprechpartnerin für Zuwanderer in Dreieich. Vorläufer des Integrationsbüros war die Ausländerberatung.

Ist es nicht positiv, wenn die Jüngeren integriert sind und kein Interesse an Kulturvereinen haben?

Das hat zwei Seiten. Natürlich ist das auch ein Stück weit positiv. Gleichzeitig aber auch schade. Denn die Kultur der Familie und der Vorfahren ist auch für Kinder, die hier geboren sind, ganz wichtig. Die Eltern wollen, dass ihre Kinder wissen, woher sie kommen. Das ist ein Teil der Identität. Ich finde es gut, dass die Vereine dort Überzeugungsarbeit bei ihren Kindern leisten.

Die türkisch-islamische Gemeinde erteilt ihren Kindern Religionsunterricht. Kennen Sie die Inhalte?

Ja, das ist eine meiner Aufgaben, mich darüber zu informieren.

Wie machen Sie das? Gibt es keine sprachlichen Barrieren?

Der Imam ist noch nicht lange in Deutschland, aber er lernt fleißig Deutsch. Und der Vorsitzende der Gemeinde spricht es perfekt. Man muss den Dialog einfordern und Interesse signalisieren. Es sollte allerdings echtes Interesse sein und nicht nur reine Kontrollabsicht. Meine Erfahrung ist, dass die meisten Gemeinden diesen Austausch begrüßen. Gerade mit den Türken und Ahmadiyyas funktioniert das super.

Angst vor dem Fremden

War es schwierig, diesen Dialog zu etablieren?

Im Prinzip nicht, denn gerade die Muslime hatten ein Interesse daran. Gegen die neue Moschee der türkisch-islamischen Gemeinde gab es einige Anwohnerproteste. Da hat sich die Gemeinde an uns gewandt und um Rat gefragt. Wir haben dann Gespräche mit den Nachbarn moderiert.

Worum ging es dabei?

Zum Teil um bauliche Dinge und Parkplätze, in erster Linie aber um Angst vor dem Islam. Einige kamen mit dem Koran in der Hand und haben Passagen zitiert, die die kriegerische Natur des Islam belegen wollten. Das waren schwierige Diskussionen. Ich verstehe solche Ängste. Unsere Gemeinde in Dreieich vertritt aber einen anderen, friedlichen Islam und hat das auch offensiv bekannt gemacht. Die Angst vor dem Islam schwingt heutzutage in Integrationsdebatten ständig mit. Ich sage ganz klar: Hier sind die muslimischen Gemeinden gefordert, einen offenen Dialog zu führen.

Gibt es eine Salafisten-Szene in Dreieich?

Wir hatten einmal einen Hinweis bekommen, dass sich in Götzenhain Salafisten treffen. Unsere Nachforschungen haben aber nichts ergeben. Auch aus der türkisch-muslimischen Gemeinde haben wir schon gehört, dass ab und an verdächtige Gestalten in der Moschee aufgetaucht sind. Ich habe dem Vorsitzenden gesagt, dass sie da ein Auge drauf haben und die Leute eventuell ansprechen müssen. Unsere muslimischen Gemeinden haben einen guten Ruf zu verlieren.

Viele Versäumnisse

Zuwanderung und Integration ist ein Bestsellerthema, siehe Thilo Sarrazin und Heinz Buschkowsky…

Die beiden sollte man nicht in einen Topf werfen!

Warum nicht?

Herr Buschkowsky hat eine positive Haltung zu der Klientel, über die er redet. Er will die Leute nicht wegbekommen aus seinem Stadtteil oder sie diskreditieren, sondern dass die Kids in die Schule gehen und die Familien begreifen, wie wichtig Bildung ist. Das formuliert er mitunter drastisch, aber inhaltlich ist das völlig in Ordnung.

Sarrazin wie Buschkowsky prangern Missstände bei der Integration an. Hat Deutschland lange zu wenig von seinen Zuwanderern gefordert?

Auch hier muss man differenzieren. Natürlich wurde vieles versäumt. Warum hat man erst vor zehn Jahren mit der flächendeckenden Sprachförderung in Schulen und Kitas angefangen? Jahrzehntelang hat man sich nicht gekümmert, weil man dachte: Irgendwann gehen die wieder heim. Das gilt auch für die andere Seite. Viele Migranten haben gedacht, irgendwann gehen sie wieder heim. Alle Seiten haben das Thema schleifen lassen.

Und heute?

Es hat sich viel getan. Zum Beispiel gibt es endlich verpflichtende Sprachkurse. Integration kann nur durch Bildung gelingen. Eine gebildete türkische Mittelschichtfamilie hat mehr mit einer deutschen gebildeten Mittelschichtfamilie zu tun als mit einer türkischen Familie aus der Unterschicht. Zugehörigkeit definiert sich weniger durch die Nationalität und immer mehr sozial.

Falsche Anreize

Manchmal ist das deckungsgleich: In vielen Städten entsteht zurzeit eine neue Unterschicht aus Rumänen und Bulgaren.

Das wird ein Riesenthema werden. Wir sehen ja erst den Anfang davon. Wenn die Rumänen in anderthalb Jahren legal hier arbeiten dürfen, wird sich dieser Trend noch verstärken. Auf diese Wanderung von Armutsflüchtlingen haben die Städte keine Antwort.

Welche Folgen hat das?

Wir haben jetzt die Situation, dass Familien aus Rumänien und Bulgarien kommen, die hier keine Arbeit annehmen dürfen, aber zum Teil Anspruch auf Kindergeld oder andere Sozialleistungen haben. Das ist natürlich ein Anreiz für viele Leute, die in ihren Herkunftsländern in großer Armut leben, zu kommen – mit dramatischen Auswirkungen auf die deutschen Sozialsysteme, Schulen und Kitas.

Was kann man tun?

Auf lokaler Ebene wenig. Diese Flüchtlinge haben das EU-Recht auf ihrer Seite. Man hätte das behutsamer gestalten müssen.

Die Fragen stellte Maurice Farrouh

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