Die Stadt Langen lässt die im November 1938 während der Nazi-Zeit von den Bürgern zerstörte Synagoge wieder auferstehen. Nicht real, sondern virtuell in Form eines computer-animierten Drei-D-Films wird der religiöse Mittelpunkt der einstigen jüdischen Gemeinde wieder lebendig.
Damit steht Langen nach Darstellung des Projektleiters der für den Film zuständigen Firma Architectura Virtualis, Marc Grellert, als Vorbild in einer Reihe mit Großstädten wie Leipzig, München, Dortmund oder Berlin, die ebenfalls Filme über die ehemaligen Synagogen haben herstellen lassen. "Doch Langen hat technisch die beste Animation", sagt Grellert.
Das Haus in der Dieburger Straße wurde 1902 eröffnet. Nach Darstellung des Stadtarchivars Herbert Bauch gehörten früher 70 Langener zu der jüdischen Gemeinde.
Schon vor der Zerstörung der Synagoge am 10. November 1938 wurden Hakenkreuze und Sprüche gegen Juden an die Hauswand gemalt.
Der virtuelle Rundgang durch die Synagogen wird am Sonntag, 8. November um 14.45 Uhr im UT-Kino in der Rheinstraße erstmals gezeigt.
Danach läuft der Film "Der Junge mit dem gestreiften Pyjama". Es geht um die Freundschaft eines arischen und eines jüdischen Jungen in den 40er Jahren. (aim)
Der Filmproduzent von Architectura Virtualis hat früher bereits bei der Technischen Universität Darmstadt gemeinsam mit Studierenden solche DVDs hergestellt und dann das Unternehmen gegründet. Für den Acht-Minuten-Streifen der Langener Synagoge haben Grellert und seine beiden Kollegen rund ein drei Viertel Jahr gearbeitet. Dabei assistierte ihnen der Zufall.
Nach Auskunft von Langens Stadtarchivar Herbert Bauch lag zwar ein altes Schwarz-Weiß-Bild von außen vor, doch die Stadt habe keinerlei Fotos gehabt, die zeigen, wie die Synagoge innen ausgesehen hat.
Beim Aufräumen im Keller seines Hauses in der Wallstraße habe ein Bürger ein paar Bilder entdeckt, doch der große Fund kam aus Amerika. "Das war ein Glücksfall", sagt Stadtarchivar Bauch. Dr. Bärbel Schulte vom 1904 gegründeten Stadtmuseum Simeonstift in Trier befand sich in den Vereinigten Staaten, um nach Material des Trierer Künstlers Max Lazarus zu forschen.
Genau dieser hatte 1927 bei Renovierungsarbeiten in der Langener Synagoge die Räume gestaltet. Bärbel Schulte rief sofort aus Amerika bei Marc Grellert an und sagte, dass sie bei ihrer Recherche im Nachlass des Künstlers Bilder aus Langen gefunden habe. Herbert Bauch bezeichnet diese Entdeckung als den Durchbruch für die Produktion des Filmes.
Der Stadtarchivar ist begeistert von der Arbeit des Darmstädter Unternehmens Architectura Virtualis. Mit Hilfe der Computer-Animation kann ein lebendiges Bild vom Aussehen der 1902 eröffneten Synagoge vermittelt werden. Nach Darstellung von Bauch wäre dies mit traditionellen Mitteln wie Zeichnungen, Grundrissen oder Architekturmodellen gar nicht machbar gewesen. So aber hätten die Betrachter das Gefühl, sie gingen tatsächlich durch ein real existierendes Gebäude.
Herbert Bauch sagt auf Nachfrage zum Ende der Synagoge, dass das Haus nicht, wie damals behauptet worden sei, von Leuten von außerhalb zerstört wurde. "Das waren Langener SA- und SS-Leute", die die Synagoge am Vormittag des 10. November 1938 anzündeten und den prächtigen Sandsteinbau in eine Ruine verwandelten. Deren Reste in der Dieburger Straße sind 1946 abgerissen worden. Heute steht dort ein Gedenkstein.

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