Griechenlands Gewerkschaften bekämpfen die Sparbemühungen des Staates. Sie wehren sich gegen drohende Privatisierungen, die Griechenland aus der Schuldenkrise holen sollen.
EU-Fahne über der Akropolis
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EU-Fahne über der Akropolis
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Athen –
Gestern ist Nikos Fotopoulos auf einen Schornstein geklettert, 174 Meter hoch. „Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich keine Angst hatte“, gesteht er. „Aber es musste sein, es war ein heiliger Zweck.“ Fotopoulos ist Chef der Gewerkschaftsföderation Genop beim staatlichen Stromversorger DEI. Der rot-weiß geringelte Kamin, auf den er geklettert ist, steht am Erdgaskraftwerk von Keratsini westlich Athens. Gemeinsam mit anderen Gewerkschaftern spannte Fotopoulos ein großes Spruchband an dem Schlot auf: „Billiger Strom – die DEI in Volkseigentum“.
Noch gehört das Unternehmen zu 51 Prozent dem Staat. Aber die Regierung von Ministerpräsident Giorgos Papandreou will sich von 17 Prozent der Aktien trennen. Der geplante Verkauf ist Teil eines Privatisierungsprogramms, mit dem Athen bis 2015 rund 50 Milliarden Euro zu kassieren hofft. So sollen Staatsschulden abgetragen werden.
Aber davon will Nikos Fotopoulos nichts wissen. Der stämmige Mann mit dem grau melierten Stoppelbart schlägt mit der Faust auf die Schreibtischplatte: „Das werden wir nicht zulassen!“ Ein Bild im Regal zeigt Fotopoulos, wie er als junger Mann einen Strommast erklimmt. Auf einem anderen Foto ist er mit Giorgos Papandreou zu sehen – als der noch nicht Premier, sondern Oppositionschef war. „Ein Bild aus besseren Tagen“, sagt Fotopoulos verbittert.
Er ist zwar noch Mitglied der Panhellenischen Sozialistischen Bewegung (Pasok), aber innerlich hat er mit der Regierung längst gebrochen. „Ich gehöre zum linken Flügel der Pasok“, erklärt er. Das ist nicht zu übersehen: Sein Büro hat der Gewerkschafter mit großen Bildern von Marx, Lenin, Trotzki und Rosa Luxemburg geschmückt. Che Guevara ist gleich dreimal vertreten.
Die Etappen der Euro-Krise
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Die Etappen der Euro-Krise
25. März 2010: Die Eurogruppe sagt Athen ein Hilfspaket aus Krediten unter Beteiligung des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu. Eine Taskforce unter Leitung von EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy wird eingesetzt, um eine Reform des Stabilitätspakts auszuarbeiten.
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23. April 2010: Griechenland beantragt das Hilfsprogramm. Das Land hat Schulden in Höhe von 300 Milliarden Euro angehäuft. Schnell ist klar: Allein können sich die Hellenen nicht retten.
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Obwohl der griechische Premierminister Giorgos Papandreu sofort drastische Einschnitte vor allem in der Sozial- und Rentenpolitik anordnet, muss Griechenland die anderen EU-Staaten um Hilfe bitten. 2. Mai 2010: Die Eurogruppe beschließt Notkredite von 110 Milliarden Euro für Athen.
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7. Mai 2010: Trotz des Rettungsschirms für Athen rauscht der Euro weiter in den Keller. Spanien und Portugal drohen, in den Sog zu geraten. Weltweite Kursverluste schüren die Nervosität. Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) warnt vor einer „systemischen Krise“. Die EU-Staats- und Regierungschefs beschließen einen Rettungsschirm für die gesamte Eurozone. 10. Mai: Die EU-Finanzminister einigen sich auf einen 750 Milliarden Euro schweren Abwehrschirm unter Beteiligung des IWF. Angela Merkel will die Hilfen für das hochverschuldete Griechenland an harte Auflagen knüpfen. Am Ende schnürt die EU ein Hilfspaket von 110 Milliarden Euro - davon zahlt Deutschland 22,4 Milliarden.
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18. Oktober 2010: Bundeskanzlerin Angela Merkel lässt ihre Forderung nach automatischen Sanktionen fallen und erhält Rückendeckung von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy für Vertragsänderungen sowie eine Beteiligung privater Gläubiger an einem permanenten Rettungsmechanismus. Der Beschluss zur Einbeziehung von Investoren jagt die Risikoaufschläge auf Staatsanleihen für Euro-Sorgenkinder in die Höhe.
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Vor Ort eskaliert die Situation: Aus Ärger über die harten Einschnitte ihrer Regierung rufen die Griechen einen Generalstreik aus.
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Tausende Menschen sind auf den Straßen, manche verbrennen EU-Flaggen, so wie hier.
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Trotz der Kredite kann Griechenland nicht aufatmen: Das Land muss sich in den nächsten Monaten von Grund auf sanieren. Auch, wenn das unbequem für die Bevölkerung wird.
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Während der Proteste zünden Demonstranten auch eine Bank an. Dabei sterben drei Angestellte in den Flammen - ein Jahr später werden Blumen zum Gedenken niedergelegt.
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29. Oktober 2010: Der EU-Gipfel gibt grünes Licht für begrenzte Vertragsänderungen und eine Gläubigerbeteiligung. Die Finanzmärkte reagieren nervös, Irland gerät immer stärker unter Druck. 21. November: Irland beantragt Hilfe aus dem Euro-Rettungsschirm.
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Über Jahre hinweg galt Irland als wirtschaftlicher Musterschüler der EU. Als Grund für die jetzigen Probleme sehen Experten unter anderen die außergewöhnlich niedrige Unternehmenssteuer von 12,5 Prozent, mit deren Hilfe der Inselstaat über Jahre Firmengründer aus dem Ausland anlockte. 28. November: Die EU-Finanzminister gewähren Dublin ein Hilfspaket von 85 Milliarden Euro.
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Ein anderer Grund für Irlands Probleme sind die Milliardenkredite, die der irische Staat seinen Banken in der Zeit nach dem Zusammenbruch von Lehmann Brothers gewähren musste.
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Der Antrag auf EU-Finanzhilfen hat in Irland auch eine Regierungskrise ausgelöst: Die Grünen kündigten ihren Rückzug aus der Koalition an und forderten Neuwahlen von Premier Brian Cowen.
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Der Chef der Europäischen Zentralbank Jean-Claude Trichet sorgt sich um die Stabilität des Euro.
16. Dezember: Der EU-Gipfel beschließt eine begrenzte Änderung des Lissabon-Vertrags und das Aufspannen eines permanenten Rettungsschirms für die Zeit ab 2013.
4. Februar 2011: Der EU-Gipfel gibt grünes Licht für Merkels „Pakt für den Euro“. Mit ihm verpflichten sich die Regierungschefs der Währungsunion zu Strukturreformen, um die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.
14. Februar: Die Finanzminister der Euro-Staaten einigen sich darauf, den permanenten Rettungsschirm mit 500 Milliarden Euro verfügbaren Mitteln auszustatten.
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15. März 2011: Die EU-Finanzminister segnen die geplante Reform des Euro-Stabilitätspakts ab, die frühere und härtere Sanktionen gegen Defizitsünder einführt. Das Parlament muss der Reform bis zum Sommer zustimmen. Experten fürchten, die "griechische Krankheit" könnte als nächstes Portugal erwischen.
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Das Kabinett von Premierminister Jose Socrates hat für Portugal gerade einen harten Sparhaushalt beschlossen und hofft, so die Krise noch abwenden zu können.
23. März 2011: Einen Tag vor dem EU-Gipfel bricht die portugiesische Regierung im Streit über ein geplantes Sparprogramm auseinander.
25. März 2011: Der EU-Gipfel verabschiedet ein Gesamtpaket zur Überwindung der Schuldenkrise. Dazu gehören der permanente Rettungsschirm, eine Schärfung des Stabilitätspakts und ein neuer „Euro-Pakt-Plus“, mit dem sich die Regierungschefs zu Strukturreformen verpflichten.
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Moody's hat die Bewertung der Bonität von Portugal im April 2011 um eine Note von A3 auf BAA1 gestuft. Zum Vergleich: Deutschland hat die Höchstnote «AAA» von Standard & Poor's.
6. April 2011: Die portugiesische Regierung bittet die EU um Finanzhilfen.
3. Mai 2011: Der portugiesische Ministerpräsident José Sócrates erklärt, dass sein Land die Verhandlungen um ein 78-Milliarden-Euro- Hilfspaket abgeschlossen habe.
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6. Mai 2011: Ein informelles Treffen einiger Euro-Finanzminister in Luxemburg befeuert die Debatte über die Schuldenkrise. Gerüchte über Erwägungen der griechischen Regierung, aus dem Euro auszutreten, werden dementiert.
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13. Juni 2011: Die Ratingagentur Standard & Poor's senkt die griechische Kreditwürdigkeit um drei Stufen - von B auf CCC.
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05. Juli 2011: Das Bundesverfassungsgericht befasst sich mit Klagen gegen den Euro-Rettungsschirm. Die obersten Richter müssen entscheiden, ob die Griechenlandhilfen gegen das Grundgesetz oder gegen europäisches Recht verstoßen.
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Der Ruf nach einer europäischen Ratingagentur wird lauter - ebenso die Kritik an den drei großen US-Ratingagenturen.
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15. Juli 2011: Beim zweiten europäischen Banken-Stresstests fallen acht Kreditinstitute durch. Deutsche Banken sind nicht darunter.
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21. Juli 2011: Beim Sondergipfel beschließen die Eurostaaten ein zweites Hilfspaket für Griechenland.
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21. September 2011: Die Ratingagentur Standard & Poor's stuft die Kreditwürdigkeit von sieben italienischen Kreditinstituten ab und droht damit, dass dies auch bei acht weiteren Häusern geschehen könnte. Italien hat derzeit 1890 Milliarden Euro Schulden, das sind 120 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.
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29. September 2011: Der Bundestag stimmt über den erweiterten Euro-Rettungsschirm EFSF ab. Der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou reist in den Tagen zuvor nach Berlin, um Kanzlerin Merkel von den Sparanstrengungen Griechenlands zu überzeugen.
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Die Auswirkungen der Finanzkrise ebben 2009 langsam ab, da rollt die Euro-Krise auf Europa zu. Oktober 2009: Die neue griechische Regierung revidiert die Angaben über die Staatsverschuldung drastisch nach oben. Das Vertrauen in die Staatsfinanzen beginnt zu sinken.16. Dezember: S&P stuft als zweite Bewertungs-Agentur Griechenlands Kreditwürdigkeit herab. Spekulationen auf eine Staatspleite werden beflügelt. Der Euro bricht ein.
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Plaßmann karikiert die Finanzkrise
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Plaßmann karikiert die Finanzkrise
Frankfurter Rundschau vom 17. Mai 2009.
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Frankfurter Rundschau vom 13. Mai 2009.
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Frankfurter Rundschau vom 15. Mai 2009.
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Frankfurter Rundschau vom 2. Juni 2009.
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Frankfurter Rundschau vom 3. Januar 2009.
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Frankfurter Rundschau vom 05. Mai 2009.
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Frankfurter Rundschau vom 13. Februar 2009.
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Frankfurter Rundschau vom 28. März 2009.
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Frankfurter Rundschau vom 28. Februar 2009.
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Frankfurter Rundschau vom 22. Januar 2009.
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Frankfurter Rundschau vom 6. Januar 2009.
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Frankfurter Rundschau vom 23. März 2009.
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Frankfurter Rundschau vom 26. März 2009.
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Frankfurter Rundschau vom 25 März 2009.
Foto: Thomas Plaßmann
Frankfurter Rundschau vom 26. Februar 2009.
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Frankfurter Rundschau vom 3. März 2009.
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Frankfurter Rundschau vom 16. Februar 2009.
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Frankfurter Rundschau vom 31. Januar 2009.
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Frankfurter Rundschau vom 27. Januar 2009.
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Frankfurter Rundschau vom 26. Januar 2009.
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Frankfurter Rundschau vom 13. Januar 2009.
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Frankfurter Rundschau vom 14. Januar 2009.
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Frankfurter Rundschau vom 12. Januar 2009.
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Frankfurter Rundschau vom 4. Dezember 2008.
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Frankfurter Rundschau vom 29. November.
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Frankfurter Rundschau vom 27. November.
Foto: Thomas Plaßmann
Frankfurter Rundschau vom 24. November.
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Frankfurter Rundschau vom 16. April 2009.
Foto: Thomas Plaßmann
Frankfurter Rundschau vom 19. November 2008
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Frankfurter Rundschau vom 25. Oktober 2008.
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Frankfurter Rundschau vom 6. November 2008.
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Frankfurter Rundschau vom 23. Oktober 2008.
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Machtphantasien (FR vom 18.7.2011)
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Ideologisch mag Nikos Fotopoulos gefestigt sein. Aber jetzt ist er in Erklärungsnot. Kämpfen er und seine Genossen wirklich für „billigen Strom“? Oder geht es ihnen um eigene Privilegien? Diesen Verdacht haben viele Griechen, wenn sie jetzt in den Zeitungen über das „Dolce Vita“ der Belegschaftsvertreter lesen: 31,3 Millionen Euro hat die Gewerkschaft zwischen 1999 und 2008 als Zuwendungen von dem Unternehmen erhalten. Teure Auslandsreisen der Gewerkschaftsführer, Suiten in Luxushotels, Schlemmereien in Gourmet-Restaurants, sogar Tankrechnungen für die Autos der Kinder wurden mit Firmengeld bezahlt. Auf 100 Seiten hat der Generalinspekteur der griechischen Verwaltung alle Zahlungen akribisch aufgelistet. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft.
Nikos Fotopoulos, der die Gewerkschaft seit 2007 führt, verteidigt sich: Schon seit 27 Jahren gebe es diese Zahlungen, sie seien in den Tarifverträgen vorgesehen – als mache das die Sache besser. Wird eine Gewerkschaft, die Geld vom Unternehmen annimmt, dadurch nicht abhängig? Nein, findet Fotopoulos: „Schließlich streiken wir ja immer mal wieder.“
Jetzt beginnt man zu verstehen, warum die Gewerkschafter eine Privatisierung des Unternehmens fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Ein Job bei der DEI oder einem der anderen Staatsbetriebe: Generationen von Griechen haben davon geträumt. Und die Politiker haben diese Träume bereitwillig erfüllt. Wer einem Schulabgänger einen krisenfesten Job bei den Gas- oder Wasserwerken besorgte, konnte auf die Wählerstimmen der ganzen Großfamilie rechnen. Dass es im Staatsdienst weder auf Qualifikation noch auf Fleiß ankommt, sondern nur auf Beziehungen, wussten alle Griechen. Auch dass Beamte eine Prämie erhalten, wenn sie pünktlich zum Dienst erscheinen, hatte sich bereits herumgesprochen. Aber anlässlich der Krise erfahren jetzt auch Außenstehende, wie es wirklich zugeht bei den Staatsbetrieben.
Beim staatlich kontrollierten Mineralölkonzern Hellenic Petroleum zum Beispiel, wo man 18 Monatslöhne im Jahr kassiert, ein Nachtwächter 72000 Euro im Jahr bekommt und jeder Angestellte auf Firmenkosten fünf Tage im Jahr mit seiner ganzen Familie in einem Luxushotel verbringen darf; oder bei der Stadtbahngesellschaft ISAP, wo man als Triebwagenführer die Hälfte der Achtstundenschicht mit Pausen verbringt.
Jeder vierte Erwerbstätige in Griechenland wird vom Staat bezahlt – also vom Steuerzahler. Weil die öffentlichen Bediensteten praktisch unkündbar sind, nach jedem Regierungswechsel aber neue Günstlinge mit Jobs versorgt werden müssen, wuchs das Heer der Staatsdiener immer weiter. So haben Politiker, Parteien und Gewerkschaften den Staat jahrzehntelang ausgeplündert.
Jetzt sitzt das Land in der Schuldenfalle. „Entweder wir ändern uns, oder wir gehen unter“, warnt Premier Papandreou seine Landsleute. Er hat Korruption und Vetternwirtschaft den Krieg erklärt. Zumindest sagt er das. Papandreou will das Land, dessen Strukturen zum großen Teil noch aus den 1950er Jahren stammen, von Grund auf modernisieren, die öffentliche Verwaltung verschlanken, die Wirtschaft für mehr Wettbewerb öffnen.
Aber er stößt auf starke Widerstände. „Zünfte“ wie Apotheker und Spediteure, Notare und Ingenieure sträuben sich gegen eine Öffnung ihrer abgeschotteten Berufsstände. Die Gewerkschaften, in der Privatwirtschaft nahezu einflusslos, im öffentlichen Dienst dafür umso mächtiger, kämpfen für die Privilegien ihrer Mitglieder. Allein bei der DEI gibt es 24 Einzelgewerkschaften. Schon das zeigt: Es geht um Einzelinteressen, nicht um Solidarität und das Gemeinwohl.
Konsens gibt es nur in einem Punkt: Jede Veränderung muss verhindert werden. So sind ausgerechnet die Gewerkschaften der konservativste Teil der griechischen Gesellschaft. An diesem Mittwoch werden ihre Dachverbände wieder zum Generalstreik blasen, dem zehnten seit Beginn der Sparpolitik im März 2010. Mit plakativen Parolen wie „Die Reichen sollen für die Krise zahlen“ und „Arbeit für alle“ werden die Demonstranten durch die Straßen ziehen.
Wer nicht mitstreikt, riskiert sein Leben. Wie Paraskevi Zoulia, Epaminondas Tsakali und Angeliki Papathanassopoulou, Angestellte der Marfin Egnatia Bank. Sie starben am 5. Mai 2010, als Chaoten das Schaufenster ihrer Filiale in der Athener Stadiou-Straße mit Vorschlaghämmern zertrümmerten und Molotowcocktails in den Kassenraum warfen. „Verbrennt die Banker“, johlten die Anarchisten.
Ein Jahr danach. Der 5. Mai 2011 ist in Athen ein dunkler Regentag. Einige Dutzend Hinterbliebene, Freunde und Kollegen der drei Opfer haben sich vor der Hausnummer 23 auf der Stadiou-Straße versammelt. Es ist 14 Uhr – die Todesstunde. Die Versammelten verharren in einer Schweigeminute. Mit dem Brandanschlag auf die Marfin Egnatia Bank hat die Protestbewegung ihre Unschuld verloren. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum seither bei jedem Generalstreik weniger Menschen auf den Beinen sind. Die meisten Griechen sind erschöpft.
Aber nicht Nikos Fotopoulos. Er will nicht nur beim Generalstreik am Mittwoch auf die Straße gehen. Wenn die Regierung das Privatisierungsgesetz voraussichtlich Ende Mai dem Parlament zur Beratung vorlegt, sollen die DEI-Bediensteten in den Dauerstreik treten. Dann gehen in Griechenland vielleicht die Lichter aus. Fotopoulos gegen Papandreou: Der Zweikampf der verfeindeten Genossen könnte für den Athener Premier zur schwierigsten Kraftprobe seit seinem Amtsantritt vor 18 Monaten werden.