Als im vergangenen Mai die EU Griechenland mit einem Milliardenpaket retten musste, waren sich die Stammtische in Deutschland einig: Die Griechen sind selbst schuld. Denn durch eine Schuldenwirtschaft, zu hohe Löhne, „Luxusrenten“, Schummelei und massenhafter Steuerhinterziehung sei das Land an den Rand der Pleite geraten. Mit Irland steht nun jedoch ein ehemaliges Vorzeigeland vor der Tür der EU, und Portugal könnte bald nachfolgen. Die drei sehr unterschiedlichen Fälle zeigen: Viele Wege führen in die Krise – nicht bloß südländische „Schlamperei“ und „Verschwendung“.
Wirtschaftswachstum
Griechenland erlebte in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends einen kräftigen Aufschwung mit einem durchschnittlichen Wachstum von vier Prozent. Der Beitritt zur Euro-Zone ließ die Zinsen deutlich sinken. Dies kurbelte die Kreditvergabe an. Zwar blieb der Export eher schwach, doch die Nachfrage von Staat und Haushalten brachte hohe Zuwachsraten.
Kriselnde Euro-Länder können im Notfall unter den Rettungsschirm schlüpfen und Milliardenbeträge ausleihen, um eine Staatspleite zu umschiffen. Der Rettungsfonds wird im Krisenfall an den Finanzmärkten Anleihen herausgeben, die von allen Euro-Ländern mit bis zu 440 Milliarden Euro garantiert werden.
Inklusive einer Sonderkreditlinie der EU-Kommision von 60 Milliarden Euro und 250 Milliarden Euro vom Internationalen Währungsfonds (IWF) hat der Rettungsschirm für Euro-Staaten einen Umfang von 750 Milliarden Euro. (dpa)
Irlands Wirtschaft wuchs noch stärker als die griechische, was dem Land den Ruf des „keltischen Tigers“ einbrachte. Wegen der niedrigen Unternehmenssteuern zogen viele Unternehmen auf die Insel. Das Land galt als Vorbild in Europa. Die niedrigen Zinsen und der Kapitalzufluss nährten einen Immobilienboom sowie die Aufblähung des Finanzsektors. Der irische Kapitalmarkt hatte 2009 eine Größe von 1400 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) – das war Europa-Rekord.
Portugal hingegen blieb in den Jahren nach der Jahrtausendwende mit einem durchschnittlichen BIP-Plus von 1,1 Prozent pro Jahr hinter dem Rest der EU zurück. Die Wirtschaft erwies sich zum einen als international kaum wettbewerbsfähig: Sie stellt wenige hochwertige Endprodukte wie Maschinen oder Elektronik her und stützt sich stark auf jene Produktgruppen, die unter starker Konkurrenz aus den asiatischen Ländern leiden (z.B. Textilien, Nahrungsmittel). Zum anderen belasteten Sparprogramme der Regierung, die Wirtschaft.
Schulden
Griechenland gilt seit langem als Defizitsünder. In keinem Jahr seit dem Euro-Beitritt konnte das Land das Maastricht-Defizitkriterium von maximal drei Prozent des BIP einhalten, da der Staat seine Ausgaben stark ausweitete. Gleichzeitig blieben die Einnahmen auf Grund der verbreiteten Steuerhinterziehung zurück. Die Schuldenquote (Gesamtschulden in Prozent der Wirtschaftsleistung) erreichte bereits vor der Krise 100 Prozent des BIP und ist inzwischen auf 130 Prozent gestiegen (Deutschland: 80 Prozent).
Irland hingegen war über Jahre der Musterknabe der EU. In den meisten Jahren verzeichnete das Land keine Defizite, sondern Überschüsse im Staatshaushalt. Als Ergebnis sank die Schuldenquote bis zum Vorabend der Krise 2008 auf unter 30 Prozent des BIP. Doch die Krise führte bei den irischen Banken zu hohen Verlusten, der Staat musste sie retten. Ergebnis ist ein Budgetdefizit von 32 Prozent des BIP in diesem Jahr und eine Schuldenquote, die dieses Jahr 100 Prozent des BIP erreichen dürfte.
Portugal verstieß ähnlich wie Griechenland häufig gegen die Maastricht-Regel. Unter Druck der EU legte das Land mehrfach große Sparpakete auf – mit mäßigem Erfolg. Denn da das Wirtschaftswachstum zurückblieb, nutzte alles Sparen nichts. Die Schuldenquote stieg in der Krise von 71 auf 91 Prozent des BIP.
Ausblick
Griechenland wie auch die beiden anderen Staaten hängen nun davon ab, ob die Finanzmärkte wieder Vertrauen in die Solidität der Staatsfinanzen fassen und ihnen wieder Kredite geben. Für Griechenland herrscht derzeit Pessimismus vor. Denn die Schulden sind zu hoch. Gleichzeitig machen die harschen Sparmaßnahmen der Regierung die privaten Haushalte immer ärmer, die Arbeitslosigkeit nimmt zu. Der Export bietet kaum Potenzial. Die Wirtschaft dürfte dieses Jahr um 4,2 Prozent schrumpfen und 2011 um 2,6 Prozent. Es wird daher erwartet, dass das Land früher oder später um eine Reduktion seiner Schulden nachsuchen wird.
Irland könnte nach Ansicht von Experten eine Generation brauchen, um sich wieder zu erholen. Seit 2008 schrumpft die Wirtschaft. Das Land profitiert zwar von der Exportstärke in Kombination mit sinkenden Löhnen. Doch immer neue Einsparungen drücken die Stimmung im Land, die Rezession setzt sich fort. Ab 2011 könnte es zwar wieder aufwärts gehen. Doch das Wachstum bleibt wohl zu schwach, um die Schuldenlast tragbar zu machen. Zudem drohen weitere Verluste der Banken, die der Staat übernehmen müsste.
Portugals Wirtschaft hat sich in der Krise zwar besser geschlagen als der Rest der EU. Doch die Arbeitslosigkeit steigt unaufhörlich. Die Irland- und Griechenland-Krise lassen zudem die Zinsen steigen. Verschärft wird die Lage durch die Krise im Nachbarland Spanien, dem Hauptwirtschaftspartner. Das Misstrauen der Märkte gegenüber Portugal bleibt also bestehen – und könnte das Land dazu zwingen, ebenfalls unter den Europäischen Schutzschirm zu flüchten.
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