Ein Bruder fand den Toten. Der 50-jährige Grieche hatte sich in der Scheune seines Landhauses erhängt, an der Straße zwischen den Ortschaften Anogia und Nida auf der Insel Kreta. Einen Abschiedsbrief hinterließ er nicht. Aber im Dorf Anogia heißt es, der Mann, Besitzer eines kleinen Handwerksbetriebes, sei in großen finanziellen Schwierigkeiten gewesen. Er hinterlässt eine Ehefrau und einen 22-jährigen Sohn.
Ein Sparplan nach griechischem Vorbild würde wohl auch Deutschland unregierbar machen. Nach Berechnungen des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) müsste Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) dann 400 Milliarden Euro bis 2015 aus dem Haushalt streichen. Grundlage für den Vergleich ist das Bruttoinlandsprodukt.
Um im Jahr 80 Milliarden Euro weniger auszugeben, müsste Merkel Deutschland auf den Kopf stellen: Die Bundeswehr komplett abzuschaffen und die Entwicklungshilfe ganz einzustellen, würde nur 40 Milliarden Euro im Jahr sparen. Würde sie nun auch noch allen Hartz-IV-Empfängern das Arbeitslosengeld II streichen, könnte sie rund 25 Milliarden Euro zusätzlich einsparen. Reichen würde das immer noch nicht.
Den Zuschuss des Bundes zu den Sozialversicherungen könnte Merkel dann abschaffen. Das würde immerhin die knapp 80 Milliarden Euro einsparen. Die Renten allerdings müssten wohl um rund ein Drittel gekürzt werden.
Eine Mehrwertsteuererhöhung auf 25 Prozent würde immerhin knapp 70 Milliarden Euro in die Kassen spülen - vorausgesetzt die Deutschen würden dann noch so viel konsumieren wie jetzt, was eher unwahrscheinlich ist. (FR)
Dies ist nur ein Fall von vielen. Die Schulden und die tiefe Rezession treiben immer mehr Griechen in den Freitod. Seit Beginn der Krise sei die Zahl der Selbsttötungen deutlich angestiegen, wahrscheinlich um rund 40 Prozent, erklärte jetzt der griechische Gesundheitsminister Andreas Loverdos in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage.
Zwar werden die EU-Finanzminister heute ziemlich sicher das nächste Hilfspaket bewilligen. Doch auf die Griechen kommen mit dem dafür verlangten neuen Sparprogramm wohl noch schwerere Zeiten zu: Die Einschnitte sind drastisch. Dabei hat Griechenland bereits 2010 sein Haushaltsdefizit um fünf Prozentpunkte vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) gesenkt. Das war die bisher größte Konsolidierungsleistung aller EU-Staaten. Erreicht wurde sie mit Gehaltskürzungen von bis zu 20 Prozent im öffentlichen Dienst und massiven Streichungen bei den öffentlichen Investitionen. Die Mehrwertsteuer wurde von 19 auf 23 Prozent erhöht, auch Tabak-, Alkohol- und Mineralölsteuern stiegen. Der Fehlbetrag im Haushalt war 2010 allerdings mit 10,5 Prozent vom BIP immer noch sehr hoch.
Umso ehrgeiziger sind die Ziele des jetzt verabschiedeten neuen Sparpakets. Es sieht bis 2015 eine Entlastung des Haushalts um 28,4 Milliarden Euro vor. Das entspricht fast 13 Prozent des diesjährigen BIP. Die Konsolidierung soll je zur Hälfte durch höhere Steuern und Ausgabenkürzungen erbracht werden.
Das deutsch-griechische Verhältnis hat sich rapide verschlechtert. Griechenland steht im Ruf, über seine Verhältnisse gelebt zu haben. Es hat viel zu hohe Schulden - bekommen die Hellenen nun die Quittung dafür? Falsch. Wir nennen neun Mythen über die Ursachen der Griechenland-Krise - Stephan Kaufmann hat den Faktencheck gemacht.
Die Griechen arbeiten mehr als die Deutschen. Die tatsächliche Wochenarbeitszeit - abzüglich Mittagspausen - lag vor der Krise laut Eurostat bei 44,3 Stunden, in Deutschland waren es 41 Stunden und im EU-Durchschnitt 41,7 Stunden. Die französische Bank Natixis kommt für Deutschland auf eine Jahresarbeitszeit von durchschnittlich 1.390 Stunden, in Griechenland sind es 2.119 Stunden.
Es ist prinzipiell falsch, die Ursache der Krise eines Landes im mangelnden Fleiß der Einwohner zu suchen. Die Griechen haben nicht die Wahl, einfach mal länger zu arbeiten, um die Krise zu beenden. Eher ist es umgekehrt: Wegen der Krise sind viele Griechen mittlerweile zum Nicht-Arbeiten gezwungen. Die offizielle Arbeitslosenrate lag im April 2011 bei 16,5%, bei den Jugendlichen war Ende 2010 sogar mehr als jeder Dritte ohne bezahlten Job.
Die Zahl der Staatsbediensteten wurde in den vergangenen Monaten um 83.000 gekürzt. Man sieht: Nicht "Faulheit" schafft Krisen, sondern Krisen vernichten Jobs. Umgekehrt in Deutschland: Dort hat der Aufschwung die Arbeitslosenquote im April 2011 auf 6,0% gedrückt.
Das Lohnniveau in Griechenland liegt bei nur 73% des Durchschnitts der Euro-Zone. Nach Angaben des gewerkschaftsnahen Instituts für Arbeit verdient ein Viertel aller griechischen Beschäftigten weniger als 750 Euro im Monat. Lehrer zum Beispiel verdienen mit 15 Dienstjahren etwa 40% weniger als in Deutschland - und das war noch vor der Krise. Laut Eurostat war vor der Krise ein Fünftel aller Griechen von Armut bedroht, 25% der Griechen lebten in überbelegten Wohnungen (Deutschland: 7%). Die Griechen machen auch nicht ständig Urlaub. Laut EU-Agentur Eurofound haben griechische Arbeitnehmer durchschnittlich einen Urlaubsanspruch von 23 Tagen im Jahr. Die Deutschen sind in der glücklichen Lage, 30 Urlaubstage nutzen zu können. Das ist Spitze in Europa.
Laut OECD gehen in Deutschland Männer im Durchschnitt mit 61,8 Jahren in Rente, in Griechenland sind es 61,9 Jahre. Es handelt sich dabei keineswegs um "Luxusrenten": Die griechische Durchschnittsrente beträgt 55% des Durchschnitts der Euro-Zone, im Jahr 2007 lag sie bei 617 Euro. Zwei Drittel der griechischen Rentner müssen mit weniger als 600 Euro je Monat über die Runden kommen.
Nahezu jede Regierung der Welt "lebt über ihre Verhältnisse", sprich: Sie gibt mehr aus als sie einnimmt. So rangierte das Budgetdefizit der Bundesregierung zwischen 2000 und 2007 zwischen 1,6% und 4,0% der Wirtschaftsleistung. Im selben Zeitraum lag das Budgetdefizit der griechischen Regierung zwischen vier und sieben Prozent der Wirtschaftsleistung.
Das Problem Griechenlands war nicht so sehr die Neuverschuldung, als die Tatsache, dass die Finanzmärkte irgendwann gegen Athen spekulierten und damit die Zinsen für Neukredite auf unbezahlbare Höhe getrieben haben.
Dies kann auch einem Land ohne hohe Defizite widerfahren. Das zeigt das Beispiel Irland, das im vergangenen Jahrzehnt gar keine Defizite sondern meist Überschüsse im Haushalt verzeichnete - dennoch fiel es den Finanzmärkten zum Opfer und musste von der EU und dem IWF mit 85 Mrd. Euro unterstützt werden.
Bedingt durch die Finanzkrise wuchsen Griechenlands Staatsschulden zwischen 2007 und Ende 2010 von 115% der Wirtschaftsleistung auf 143%. Diese so genannte Schuldenquote dürfte 2011 über 150% steigen. Zum Vergleich: Deutschlands Schuldenquote liegt bei etwa 85%. Die hohe Schuldenquote allein begründet allerdings nicht Griechenlands Probleme.
Italien kommt auf eine Schuldenquote von 120%, Japan sogar auf 200% seiner Wirtschaftsleistung. Beide gelten nicht als "pleite", Griechenland aber schon. Wieso? Weil die Finanzmärkte auf eine Pleite Griechenlands spekulieren. Dies hat die Zinsen für neue Schulden so hoch getrieben, dass Athen kein neues Geld mehr leihen kann.
Zum Vergleich: Für zweijährige Staatsanleihen müsste Athen 25% Zinsen zahlen, Italien zahlt nur 3% und Japan gar nur 0,2% (Stand Ende Mai 2011). Das Problem sind also die von den Finanzmärkten hochspekulierten Zinsen. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) hat berechnet: Fiele der durchschnittliche Zinssatz für griechische Staatsanleihen auf 3%, so sänke die Schuldenquote des Landes bis zum Jahr 2015 auf 110% der Wirtschaftsleistung.
Bleiben die Zinsen jedoch hoch, kann Athen kein Geld an den Märkten aufnehmen. Ob es dann "pleite" ist, hängt von der Bereitschaft der anderen Euro-Staaten ab, ihm mit Krediten auszuhelfen. Zwischen Staaten ist "Pleite" also ein politischer Beschluss.
Die Finanzmärkte "fürchten" gar nichts. Sie sind kein menschliches Wesen mit Gefühlen und Ängsten. Und sie sind auch keine objektive Instanz, die die Finanzlage eines Landes sachlich bewertet. Der Finanzmarkt ist nichts weiter als die Gesamtheit der Anleger, die versuchen, mit Finanzinvestitionen möglichst viel Geld zu verdienen. Wer wirklich einen Staatsbankrott Griechenlands fürchtet, investiert nicht in griechische Staatspapiere. Alle anderen hoffen darauf, dass Hellas gerettet wird und sie riesige Zinsgewinne einstreichen können.
Steuerhinterziehung und Steuervermeidung ist in Griechenland stärker ausgeprägt als in anderen Ländern. Der Anteil der Schattenwirtschaft wird auf rund 25% der Wirtschaft geschätzt (zum Vergleich: Deutschland etwa 15%) und die Summe der hinterzogenen Steuern auf 20 Milliarden Euro pro Jahr. Allerdings kann damit nicht die Krise erklärt werden: Hinterzogene Steuern stellen eine Form der Umverteilung vom Staat zum privaten Sektor dar. Das Geld ist also nicht "weg".
Die griechischen Staatsausgaben im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt, die Staatsausgabenquote, lag im Jahr 2008 bei 48%, die deutsche Quote betrug nur 44%.Vor der Krise sah die Sache allerdings anders aus: Die griechische Staatsausgabenquote sank zwischen 2000 und 2006 von 47% auf 43% und lag in diesem Zeitraum stets unter der niedrigen deutschen Quote. Dies änderte sich erst mit dem Einbruch der Wirtschaft in der Finanzkrise.
Für die "Aufblähung" der griechischen Staatsausgaben war also die Rezession verantwortlich, nicht hellenische Verschwendungssucht. Daneben: Schweden verzeichnet seit zehn Jahren Staatsausgabenquoten zwischen 51% und 55% des BIP - und ist doch nicht pleite.
Das stimmt - wenn man den Außenhandel als Maßstab nimmt. Hier verbucht Griechenland seit Jahren ein hohes Defizit, das 2009 14% der Wirtschaftsleistung erreichte. Das heißt: Griechenland importiert mehr als es exportiert. Als Grund hierfür werden vor allem zu hohe Lohnsteigerungen genannt. Daher soll nun das griechische Lohnniveau sinken, um das Land wieder wettbewerbsfähig zu machen. "Wettbewerbsfähigkeit" ist allerdings keine "Fähigkeit". Sie beschreibt ein Verhältnis. Dass die Lohnstückkosten in Griechenland zwischen 2000 und 2010 um fast 40% gestiegen sind, war nur ein Problem, weil die Lohnstückkosten in anderen Ländern weniger stark stiegen und die Unternehmen aus diesen Ländern daher einen Kostenvorteil auf dem Weltmarkt hatten. Europameister beim Lohnsparen war Deutschland. Dort stiegen die Lohnstückkosten dank schmaler Tariferhöhungen nur um 5%. Ergebnis waren hohe Exportüberschüsse für Deutschland und hohe Importüberschüsse für Länder wie Griechenland, Portugal, Irland oder Spanien. Der deutsche Erfolg war also nur das Spiegelbild des Misserfolgs in der Euro-Peripherie: Ohne Defizite in Griechenland, Spanien, Portugal keine deutschen Überschüsse. Über seine Exportoffensive sanierte sich Deutschland also auf Kosten seiner Nachbarn. Allerdings wurde der deutsche Exporterfolg mit der Armut der Arbeitenden in Deutschland bezahlt. Da die Löhne sanken oder nur schwach stiegen, kam der private Konsum in Deutschland zehn Jahre lang kaum vom Fleck.
Blecht der Deutsche für Griechenland? Die meistverbreiteten Mythen über die Griechenland-Krise und die deutsche Rolle im Faktencheck von Stephan Kaufmann.
Beim ersten Hilfspaket für Griechenland aus dem Jahr 2010 beträgt der deutsche Anteil rund 22 Milliarden Euro. Doch es ist nicht der viel zitierte Steuerzahler, der Griechenland "hilft". Das deutsche Geld für Athen nimmt die Bundesregierung nicht aus dem Staatshaushalt oder dem Steueraufkommen, sondern sie borgt es sich für 2% bis 3% und leiht es an die Krisenstaaten weiter - inklusive Strafzinsen. Athen muss für die "Hilfe" 4,2% Zinsen zahlen, Irland 5,8% und Portugal zwischen 5,5% und 6%. Das ist ein gutes Geschäft für die deutschen "Steuerzahler": Durch die Zinsdifferenz fließen dem Bund aus Griechenland in den nächsten Jahren rund 450 Millionen Euro zu - vorausgesetzt allerdings, die Krisenstaaten können ihre Schulden begleichen. Insofern hat die "Bild" recht, wenn sie titelt: "Ihr griecht nix von uns!" Es ist umgekehrt: Per Saldo zahlt Griechenland an Deutschland.
Da die Bundesregierung die Hilfen für Griechenland als Kredit gewährt, ist dieses Geld nicht "weggezahlt". Es kommt wieder, inklusive Zinsen. Doch hat die Schuldenkrise einiger Peripherie-Länder weitere Vorteile für Deutschland. Denn bei den Anlegern gelten Bundesanleihen als "sicherer Hafen". Folge: Alle Investoren stürzen sich auf deutsche Staatsanleihen. Daher findet die Bundesregierung leicht Geldgeber, wenn sie Kredite aufnehmen will. Folge: Der Zins, den der Bund seinen Gläubigern zahlen muss, ist sehr niedrig. In früheren wirtschaftlichen Aufschwung-Phasen musste der Bund seinen Gläubigern wesentlich höhere Zinsen zahlen. Nun jedoch macht die Euro-Krise Bundesanleihen begehrt, was die Zinsen drückt und dem Finanzminister Zinsausgaben spart. Geschätzte Einsparungen pro Jahr: 3,5 Milliarden Euro. Im Übrigen ist die "Hilfe" für Staaten wie Griechenland, Irland oder Portugal keine milde Gabe und kein Akt der Freundschaft. Tatsächlich fließt das Geld nicht, um den Griechen zu helfen, sondern um Schaden von anderen Ländern abzuwenden. Explizit formulierte dies die Euro-Gruppe beim Beschluss des permanenten Euro-Schutzschirms ESM im März 2011: "Die Mitgliedstaaten, deren Währung der Euro ist, etablieren einen Stabilitätsmechanismus, der aktiviert wird, wenn dies unausweichlich ist, um die Stabilität der Euro-Zone als Ganzes zu sichern." Das bedeutet: Die Hilfskredite für notleidende Staaten sollen nicht dem überschuldeten Land helfen, sondern sollen die Folgen seiner Überschuldung für den Rest der Euro-Zone eindämmen. Es ist ein Schutz der Gläubiger vor den Schuldnern.
Griechenlands Budgetdefizit lag 2010 bei rund 10,5% der Wirtschaftsleistung. Athen hatte versprochen, dieses Defizit 2011 auf 7,5% zu senken. Dies dürfte nicht gelingen. Folge: Die Zinsen für Kredite am Kapitalmarkt sinken nicht, Griechenland bleibt vom Kapitalmarkt abgeschnitten und kann sich nicht wie geplant ab 2012 dort frische Mittel besorgen. Daher werden neue staatliche Hilfen erwogen, um eine Zahlungsunfähigkeit Athens zu vermeiden. Aus dem zu hohen Defizit 2011 lässt sich allerdings nicht ableiten, Griechenland spare nicht. Das tut es, und zwar brutal.
Wegen der Sparprogramme haben die Griechen seit Anfang 2010 durchschnittlich fast 20% ihres Einkommens verloren. "Kein Industrieland hat in den letzten 25 Jahren sein strukturelles Defizit binnen eines Jahres so stark gesenkt", sagt selbst die Ratingagentur Fitch. Und die Berenberg-Bank sieht Athens Sparprogramm als "die wahrscheinlich härteste fiskalische Anpassung jemals in einem westlichen Land". Dass das Defizit 2011 höher sein dürfte als geplant, liegt nicht an der Verschwendungssucht Athens. Nicht die Ausgaben sind zu hoch, sondern die Einnahmen zu gering.
Das liegt wiederum an dem harschen Sparprogramm: Da der Staat spart, Löhne und Renten kürzt, bricht die Wirtschaftsleistung ein. Der private Konsum zum Beispiel lag im März 2011 18% niedriger als ein Jahr zuvor, im selben Zeitraum gingen 65.000 Unternehmen pleite. Im Gesamtjahr wird ein Schrumpfen des Bruttoinlandsprodukts von fast 4% erwartet. Folge: Die Steuern gehen zurück. Zwischen Januar und April 2011 lag das Steueraufkommen 7% unter dem des Vorjahreszeitraums. Insgesamt hat der griechische Fiskus 1,2 Milliarden Euro weniger eingenommen als angesetzt. Nicht die Ausgabenfreude Athens ist also das Problem, sondern das Sparprogramm selber. In einem Papier der Bank Société Générale heißt es: "Wir bezweifeln, dass die griechische Wirtschaft eine aggressive und lang anhaltende fiskalische Anpassung verkraften kann."
Mit einem Ausschluss/Austritt könnte die Euro-Zone versuchen, das Griechenland-Problem auszulagern und den Euro-Raum vor Ansteckung zu schützen. Griechenland wiederum könnte die Drachme wieder einführen und die Währung abwerten. Dies würde griechische Ausfuhren verbilligen, und das Land könnte so versuchen, sich aus der Krise heraus zu exportieren. Dies hat allerdings zwei gravierende Nachteile. Erstens: Führt Athen die Drachme wieder ein, würde diese gegenüber dem Euro drastisch abwerten.
Ihre Schulden hätte die griechische Regierung (wie auch die griechischen Banken, Unternehmen und Privathaushalte) aber weiter in Euro. Folglich würden die Schulden rasant aufwerten und der Schuldenstand explodieren. Damit wäre Griechenland finanziell ruiniert und dem Bankensystem droht der Kollaps. Dann müssten auch die ausländischen Gläubiger Griechenlands - vor allem deutsche und französische Banken - ihre vergebenen Kredite abschreiben. Zweitens wäre mit dem Austritt Griechenlands die implizite Bestandsgarantie der Euro-Zone aufgekündigt und der Spekulation gegen den Euro Tür und Tor geöffnet. Der Plan, mit dem Euro eine Weltwährung in Konkurrenz zum US-Dollar zu schaffen, wäre gescheitert.
Das ist zutreffend - und zeigt den Stand der Machtverhältnisse drei Jahre nach der Finanzkrise. Heute versuchen alle Industriestaaten, das "Vertrauen der Finanzmärkte" über Sparprogramme, Lohnkürzungen, Steuererhöhungen und eine Steigerung der "Wettbewerbsfähigkeit " wiederzuerlangen. Dies zeigt: Die Macht der Märkte ist intakt. Hieß es noch zu Beginn der Finanzkrise, man müsse die "Finanzmärkte bändigen" oder sie "an die Kette legen", so sind die Anforderungen der Geldanleger in Sachen Rentabilität und Solidität von Staaten inzwischen wieder der Maßstab, an dem sich Länder messen.
Die Märkte regieren, die Politik folgt ihren Ansprüchen. Für Griechenland bedeutet dies: Um wieder Zugang zu Krediten zu bekommen und von EU-Hilfe unabhängig zu werden, muss Athen von den Finanzmärkten Geld zu bezahlbaren Zinsen erhalten. Dafür müssen die Anleger wieder zum Schluss kommen, dass ihr Geld in Griechenland sicher und rentabel angelegt ist - dass sie also an Griechenland gut verdienen können.
Der griechische Staat hat rund 350 Mrd. Euro Schulden. Die Gläubiger sind: griechische Banken (23%), andere griechische Gläubiger (20%), Regierungen der Euro-Zone (12%), Europäische Zentralbank (18%), Internationaler Währungsfonds (4%) und andere ausländische Gläubiger/Banken (23%).
Das klingt gerecht, denn so würden die Finanzanleger an der Entschuldung Griechenlands beteiligt. Gleichzeitig lauern hier aber schwer wiegende Risiken. Erstens würden damit den Banken große Verluste entstehen. Zweitens würde dies die Hauptgläubiger, die griechischen Banken, in den Ruin treiben. Drittens: Lässt die Euro-Zone eine Pleite in ihren Reihen zu, hätten wohl auch andere Staaten ihren Kredit verloren. Es droht eine Ansteckung von Staaten wie Spanien - und dessen Wirtschaft ist mehr als doppelt so groß wie Griechenland, Portugal und Irland zusammen.
Dies wäre wohl das Ende der Euro-Zone, dem Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Zur Erinnerung: In den vergangenen fünf Jahren erzielte Deutschland einen Exportüberschuss mit der Euro-Zone von 500 Milliarden Euro. Es zeigt sich: Solange Europa abhängig ist vom Wohlwollen der Finanzanleger, solange bleibt es schwierig, diese Finanzanleger für die Entschuldung Griechenlands zahlen zu lassen. Die griechische Staatsschuld ist für die Euro- Zone übrigens kein überwältigendes Problem. Mit insgesamt 350 Mrd. Euro beträgt sie lediglich 3,7% der Wirtschaftskraft der Euro-Zone.
Die Regierung in Athen hockt nicht auf ihrem Besitz. Sie hat ein breit angelegtes Privatisierungsprogramm aufgelegt. Im Angebot sind Telekommunikationsfirmen, Stromkonzerne, Häfen und jede Menge Grundstücke. Damit will Athen bis zum Jahr 2015 50 Milliarden Euro einnehmen. Hier gibt es aber mehrere Haken: Da Griechenland verkaufen muss, wird es nur schlechte Preise für sein Eigentum erhalten. Die Käufer - internationale Konzerne - werden die griechische Notsituation auszunutzen versuchen. Zweitens: Verkauft der Staat rentable Firmen, gehen ihm Einnahmen verloren. Fazit: "Die Erfahrung in unzähligen Stabilisierungsprogrammen des Internationalen Währungsfonds (IWF) zeigt, dass (Privatisierung) eine äußerst riskante Strategie ist... Schließlich brauchen geordnete Verfahren ... eine sehr lange Zeit, die Griechenland derzeit nicht hat. Privatisierungen sind daher als Notfallmaßnahme eher ungeeignet." (VP Bank, Investment News).
Und so sehen die Einzelheiten aus: Bei den Sozialleistungen will die Regierung 5,11 Milliarden streichen. Die Ausgaben für Löhne und Gehälter im Staatssektor sollen um 2,19 Milliarden zurückgefahren werden. Nur jede zehnte frei werdende Stelle wird neu besetzt. So soll die Zahl der Staatsbediensteten bis 2015 um rund 200000 verringert werden. Die Arbeitszeit im öffentlichen Dienst wird von 37,5 auf 40 Wochenstunden erhöht und damit dem angeglichen, was in der Privatwirtschaft gilt. Im Gesundheitssektor will die Regierung 2,12 Milliarden einsparen. Die Verteidigungsausgaben werden bis 2015 um 1,2 Milliarden reduziert.
Seine Einnahmen will der neue Finanzminister Evangelos Venizelos unter anderem mit einer Solidaritätsabgabe aufbessern, die auf alle Einkommen von mehr als 8000 Euro im Jahr erhoben wird – praktisch eine Kopfsteuer. Sie soll in diesem Jahr 400 Millionen und ab 2012 jeweils 1,4 Milliarden pro Jahr einbringen. Politiker und Manager von Staatsunternehmen müssen fünf Prozent ihres Gehalts als Sonderabgabe abführen.
Die Mehrwertsteuer für Hotels und Gaststätten wird von 13 auf 23 Prozent erhöht, eine Sondersteuer auf Erdgas eingeführt, die Kfz-Steuer heraufgesetzt und eine Finanztransaktionssteuer erhoben. Freibeträge und Abzugsmöglichkeiten in der Einkommensteuer werden stark beschnitten. Unter dem Strich wird dadurch ein Ehepaar mit zwei Kindern, das 42000 Euro im Jahr verdient, fast 3000 Euro mehr Steuern zahlen.
Autobesitzer werden in diesem Jahr mit einer Sonderabgabe zur Kasse gebeten. Sie liegt, je nach Hubraum, zwischen 270 und 1220 Euro. Auch Immobilienbesitz wird stärker besteuert. Besonders ins Fadenkreuz nimmt der Finanzminister jetzt die Freiberufler, Gewerbetreibenden und Unternehmer. Sie stellen in Griechenland 30 Prozent aller Erwerbstätigen – doppelt so viel wie im EU-Durchschnitt und fast dreimal so viel wie in Deutschland.
Vor allem unter den Selbstständigen grassiert die Steuerhinterziehung – vom Anwalt, der sein Honorar in bar kassiert und keine Quittung ausstellt, bis zum Handwerker, der schwarzarbeitet. Rückwirkend ab 2010 will der Finanzminister deshalb jetzt diese Berufsgruppen mit einer „Gewerbeabgabe“ von jährlich 500 Euro zur Kasse bitten.
Die Schuldenkrise hat Europa im Griff: Nachrichten zur Eurokrise, Konjunktur, Eurobonds und Ratingagenturen.
Heute machen sich die Politiker wieder für Regulierung stark. Die Frankfurter Rundschau erinnert an die Worte von gestern - und veröffentlicht exklusiv den Deregulierungs-Index. Mehr...