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23. Februar 2012

„Glück“, der neue Film von Doris Dörrie: Glück und Geschnetzeltes

 Von Anke Westphal
„Glück“ ist eine Liebesgeschichte, die zum Kriminalfall wird, als ein Freier Irinas beim Sex an einem Herzinfarkt stirbt und der Freund der jungen Frau nun fälschlicherweise glaubt, sie habe den Mann getötet. Foto: dpa

„Glück“ ist eine Liebesgeschichte, die zum Kriminalfall wird, als ein Freier Irinas beim Sex an einem Herzinfarkt stirbt und der Freund der jungen Frau nun fälschlicherweise glaubt, sie habe den Mann getötet. Doch manche überdeutlichen Inszenierungen sind nicht unbedingt nötig.

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Kein Mensch ist illegal. Das Graffiti an einer Berliner Hauswand ist nicht zu übersehen. Für Irina sind das aber nur schöne, leere Worte. Sie ist illegal in der Hauptstadt. Als Kriegsflüchtling kam sie aus Bosnien, wo ihre Eltern erschossen wurden und sie selbst vergewaltigt wurde von serbischen Soldaten.

Das Gegenteil von Glück sind Verlust, Schmerz, Traumatisierung

Wie glücklich die junge Frau vor dieser Katastrophe namens Krieg war, zeigt uns die Regisseurin Doris Dörrie in schwerelosen, impressionistischen Bildern: Man sieht die Eltern bei deren bäuerlicher Arbeit, mit der Schafherde, beim Honigabfüllen, Essen; wir sehen Irina beim Baden im Fluss, mit Gleichaltrigen herumalbernd, beim Nähen von Kleidern. Das Glück besteht in der Schmerzlosigkeit und Selbstvergessenheit des Alltags, im reinen Dasein. Das Gegenteil von Glück sind Verlust, Schmerz, Traumatisierung. Irina hat all das erfahren, aber sie muss und will doch irgendwie ihr Leben weiterleben. Allzu viele Möglichkeiten stehen ihr als Illegaler dabei nicht offen. Als Prostituierte verdient sie sich ihren Unterhalt. Doris Dörrie zeigt Irina nicht beim Sex, sondern beim Abschminken, Essen, in die Luft gucken. Den Fernseher schaltet die junge Frau aus, wenn Nachrichten aus ihrer Heimat kommen.

Allzu drastisch und deutlich inszeniert

„Glück“ heißt der neue Film von Dörrie; er beruht auf der gleichnamigen Erzählung von Ferdinand von Schirach aus dessen Buch „Verbrechen“, das sich allein in Deutschland über 450.000 Mal verkauft hat und dessen Übersetzung bereits in 30 Ländern ansteht. „Glück“ ist eine Liebesgeschichte, die zum Kriminalfall wird, als ein Freier Irinas beim Sex an einem Herzinfarkt stirbt und der Freund der jungen Frau nun fälschlicherweise glaubt, sie habe den Mann getötet. Der junge Herumstreuner Kalle beseitigt heimlich die Leiche, aus Liebe natürlich, um Irina zu schützen. Und man kann nun einwenden, dass Dörrie allzu drastisch und deutlich inszeniert, wie Kalle das elektrische Küchenmesser im Fleisch des Toten versenkt, bis das Blut austritt, er die Körperteile abgetrennt hat, bis letztlich eine Riesenschweinerei entstanden ist. So schrecklich weit geht Kalle, der doch eigentlich kein Blut sehen und dem übel wird vom eigenen Tun, kann für seine Liebe. Das will Dörrie uns zeigen. Nötig ist es eigentlich nicht, aber nun hat die Regisseurin auf diese Art auch mal eine Art Splatterfilm gedreht. Sensiblen Zuschauern sei hier vom Kinobesuch abgeraten.

Immer wieder Himmel und der Absturz

Schade, denn über weite Strecken eignet diesem Film eine fast schon transzendente Qualität, wenn er all die flüchtigen Momente einfängt, die ein Leben am Ende auch ausmachen in einer Art Traumverlorenheit. Das Liebespaar an einer Schaukel im Park, Irina (die fantastische Alba Rohrwacher) beim orthodoxen Gottesdienst; Kalle (Vinzenz Kiefer) und die Geliebte im Kaufhaus, als die junge Frau den Punk ausstatten will für eine Normalität zu zweit. Irina hat keine Angst, Kalle zu fordern.

Immer wieder Himmel und der Absturz in die Wortlosigkeit, denn Irina kann ihre traurige Geschichte nicht erzählen. Aber sie ringt still-heroisch um einen neuen Anfang, um ihr Glück. Doris Dörrie glaubt, dass einem Glück nicht schicksalhaft zufällt. Dass man sich für das Glück entscheiden kann. Sie selbst aber hat sich dafür entschieden, ihre Zuschauer mit Szenen zu konfrontieren, die wohl nichts Gewaltpornografisches haben, aber zutiefst grotesk sind, nämlich unnötig. Schade, Doris Dörrie geht zu weit für dieses „Glück“.

Glück Deutschland 2012. Drehbuch & Regie: Doris Dörrie,112 Min., FSK ab 16.

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