Dass Alexanders aktive Außenpolitik die Grenzen des Abendlandes überrannte, beweisen in der Schau Herrlichkeiten aus Gold und Terrakotta, Glas und Elfenbein. Die Preziosen, und nicht nur eine goldene Gürtelschnalle aus dem 1./2. Jhdt. n. Chr., stammen nicht nur aus der Alexanderepoche. Für die Demonstration des Erbes hängt sich die Schau aus dem Zeitfenster der nur 32 Lebensjahre ihres Helden weit hinaus.
Dass der Import der hellenistischen Leitkultur mit gezielten wie auch blinden Zerstörungen einherging, daran erinnern Relief-Abbildungen, Überreste aus Persepolis oder Susa, wo die Rache für den Xerxes-Zug demonstrativ vollzogen wurde. Friedlich dagegen sein Einzug in Babylon. In Mannheim erlaubt eine Animation, dass staunend durch das Ischtar-Tor und durch ein sagenhaftes Babylon simuliert werden kann. In Baktrien dagegen ging der Eroberer, dem Diplomatie mit den Satrapen kein Fremdwort war, äußerst brutal vor, Stammesfürsten (Warlords, klar) verwickelten ihn drei Jahre lang in so etwas wie einen Guerillakrieg.
Wasserspeier und der Terrakottakopf einer verschleierten Frau, Schwertbeschläge aus Elfenbein der farbig bemalte Tonkopf eines graeco-baktrischen Fürsten oder ein Goldplättchen mit Glaseinlagen aus der Tempelgründung von Oxis (heute Tadschikistan), werden zu Zeugen, nicht zuletzt Münzen, die, südlich des Hindukusch, im 2. Jahrhundert v. Chr. zweisprachig geprägt wurden.
In Mannheim wird unser Glaube an die Mobilität ebenso korrigiert wie der, die Erfinder von Mulitkulti zu sein. Auf Spurensuche nach den Resten eines Vielvölkerstaats hat sich in den letzten Jahrzehnten die Archäologie begeben, 2008 hat sie auf die Festung Kurgansol in Süd-Usbekistans aufmerksam gemacht. Neben Tonskulpturen und einer Flötensammlung ist es eine getreue Kopie einer tönernen Badewanne, die von der Präsenz der Griechen erzählt. Zum Horizont, den die Ausstellung bis nach Zentralasien aufreißt, gehört, dass sie vom Mut eine Vorstellung gibt - nein, auch heutiger Courage, die mehr ist als nur Zivilcourage, als sie etwa die Ruinenstätte Ai Khanoum sicherte, im Nordosten Afghanistans.
Zu den Wundern Zentralasiens zählt, dass die baktrischen Gottheiten Menschengestalt annahmen, nach griechischem Vorbild, was man als friedliche Koexistenz der Kulturen bezeichnen könnte - aber warum gaben die Einheimischen ihre Bilder auf? Wird der Mensch im Prozess der Akkulturation, sobald es um sein göttliches Ebenbild geht, vielleicht zum Kannibalen?
Dennoch, all die Reichtümer, die im Dämmer inszeniert werden, angefangen von persischen Münzen über aramäische Keilschrifttäfelchen bis hin zu Buddhas aus Schiefer, sind Zeugnisse einer Kulturdrift, mit der sich Okzident und Orient entgegenkamen. Das Alexanderreich, in dem hellenistische, altorientalische, steppennomadische und indische Kulturen für einen Augenblick der Weltgeschichte in eine Vielvölkergemeinschaft gezwungen wurden, stellt sich als ein Kontinent der Begegnung dar, denn sähen wir sonst einen Teller, der aus Gandhara in Nordindien stammt. Im Speckstein festgehalten Aphrodite, und wie sie einem Eroten mit ihrem Pantoffel droht.
Der Alexanderzug war eine elfjährige Aneinanderreihung von Gefechten und Schlachten, wobei der Kampf der Kulturen mal rücksichtlos ausgefochten oder aber in eine friedliche Koexistenz überführt wurde. Den Parvenüs aus Makedonien gingen die Augen über - ja, es soll ihnen sogar aufgegangen sein, dass sie die Enkel von Ziegenhirten waren.
Was für Karrieren. Olympias, Alexanders Mutter tat alles, um sich als Nachfahrin des Halbgotts Herakles zu stilisieren, mit allen dramatischen Folgen für die Mythenfixierung ihres Knaben. Arbeit am Mythos: In Oliver Stones Alexander-Film von 2004 ist es der Ödipus-Komplex, der einen in der Forschung vielfach geouteten Schwulen bis ans Ende der Welt treibt. In der holzschnittartigen Verfilmung (und von MGM barbarisch zerstückelten DVD-Version) von 1956 tut der Alexander Richard Burtons am Ende Dinge, die nur ein Christ tut.
Akkordarbeit am Mythos: Am Anfang des langen Nachlebens und am Anfang abendländischer Mythenbildung steht Kallisthenes, der sich als Alexanders Hofschreiber zum Sklaven der Verklärung machte. Er war es, der seinem Heerführer die unglaublichsten Heldentaten nachsagte. Laut Kallisthenes durchschlug ein Halbgott den gordischen Knoten oder teilte, als es notwendig war, die Wasserfluten. Kallistehenes schuf das mythische Rüstzeug für einen Krieg - den abendländischen Racheakt. Als Alexander diesem Impuls mit der Bestattung seines Feindes, des Perserführers Dareios abschwor, hatte "mit der Orientalisierung" der Herrschaft das letzte Stündlein für den Geschichtsschreiber geschlagen.
Diese wie auch schier unzählige Fußnoten der Geschichte überantwortet die fabelhafte Mannheimer Ausstellung ihrem famosen Katalog. Er erklärt uns, warum wir, wenn schon nicht aus Marmor oder Gold, Terrakotta oder Elfenbein, so doch mit den Mitteln von heute eine Darstellung unendlich vermissen, einen Januskopf.
Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim, bis zum 21. Febr. 2010. Der famose Katalog ist im Verlag Schnell & Steiner erschienen, 447 S., 24,90 Euro.
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