Rache und Raub, da sollte man sich als Leser nichts vormachen. An diesen Motiven, niederen Instinkten, wenn man so will, hat mancher Alexander-Biograph keinen Zweifel gelassen, während er die Vielschichtigkeit eines Herrschers beschrieb und dabei zur Skepsis neigte, trotz der Aufzählung beispielloser Taten. Dass sie bis ans Ende der Welt reichten, keine Frage.
"Keinem anderen Menschen gleich", so steht es über dem Eingang zu der Mannheimer Ausstellung, gewissermaßen im Architrav, während an den Seitenwänden eine schier ungeheure Vielzahl an Eigenschaften aufgelistet ist, nicht nur menschliche, auch unmenschliche und übermenschliche, in der Summe erklären sie die elementare Gewalt einer historischen Gestalt - sagen wir: einen Weltenbezwinger.
Athen sah er, und er verschonte es, weil der Stadtstaat seinen Expansionszielen nützlich war. In Troia huldigte er den griechischen Helden Homers, Theben machte er nieder in einem in der Antike beispiellosen Massaker, weil er die Stadt nicht brauchte. Persepolis setzte der Barbar in Flammen, zu Babylon aber schaute der Makedonier auf. Nach dem Muster der griechischen Poleis gründete der Stratege über 30 Alexandria. Wenn die Ausstellung "Alexander der Große und die Öffnung der Welt" heißt, dann auch deshalb, weil ein vorausdenkender Staatsmann für den Import der hellenistischen Leitkultur die persische Infrastruktur nutzte, das hoch entwickelte Straßen- und Bewässerungssystem.
Er war ein Tempokönig. Sein wohl hervorstechendstes Merkmal war seine Schnelligkeit, er beschleunigte das, was er sich vorgenommen hatte, seine Regierungsgeschäfte, seine Feldzüge. Für seine Ziele überrannte er Hindernisse. Die Büsten und Porträts einer äußerst widersprüchlichen Gestalt empfangen den Besucher in Mannheim, repräsentativ darf man sie nennen, so schuf Lysippos bezwingend staatliche Abbilder vom Kopf seines Königs, und nicht nur er, Alexanders Leib- und Magenbildhauer, bildete dabei nachdrücklich die "Anastolé" aus, den berühmten widerspenstigen Wirbel über der Herrscherstirn.
Ja, er war auch ein Zornkönig, gewillt, das Erbe des Achill anzutreten, von dem er von seinem Lehrer Aristoteles gehörte hatte. Die Neubelebung des homerischen Erbes betrieb der Schüler mit fanatischer Entschlossenheit - als Wiederauferstehung des Mythos. Während seiner Feldzüge lag die "Ilias" unter seinem Kopfkissen, ja, Alexander konnte nicht zur Ruhe finden ohne den Zorn des Achill.
Die Ausstellung nimmt den Besucher mit - praktisch bis ans Ende der Welt. Um die Route, die die Heerscharen nahmen, zu veranschaulichen, haben sie eine neun Meter breite Satellitenkarte aufgespannt und mit Leuchtdioden versehen. Auf einer weiteren Computeranimation sehen wir einen Strahl, er schlängelt sich, während ein Kilometerzähler läuft, durch Lydien und Kilikien, Palästina und Ägypten, durch Mesopotamien und Babylonien, er zwängt sich durch die Persische Pforte so gut wie durch die Kaspischen Tore, durchstreift, immer weiter, Baktrien, das heutige Afghanistan, überwindet den Hindukusch, er stromert durch das heutige Pakistan und Indien, um schließlich den Rückzug anzudeuten. Der ging, bevor Babylon erreicht wurde, durch die Gedrosische Wüste. Das Unternehmen, bei dem von 60000 Soldaten 45000 zurückblieben, haben Historiker, die für Alexander viel Verständnis aufgebracht haben, irrsinnig genannt.
In Babylon, wo Alexander als König von Asien am 10. Juni 323 stirbt, bleibt der Kilometerzähler bei 23480 stehen - nach antikem Verständnis sind das weit mehr als hunderttausend Stadien. Drehen wir uns halb um, stehen wir vor attischen und chalkidischen Helmen, einem Brustpanzer, einem Beinschutz, drehen wir uns ganz um, stehen wir vor der 1:1-Kopie des monumentalen Alexandermosaiks aus Pompeji.
Alexandrinischer Imperialismus", so hat es Egon Friedell in seiner Kulturgeschichte Griechenlands gesagt. Die Reiss-Engelhorn-Museen und die Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts beharren dagegen auf Alexanders "pothos", seiner Sehnsucht nach Erkenntnis und grenzüberschreitender Erkundungslust; dabei war das Motiv des Alexanderzugs die Eroberung, Rache für die Schmach, die Griechenland in den Perserkriegen erlitten hatte.
Rund 150 Jahre lagen diese Erfahrungen zurück, die die Tragödiendichter beschworen und an die der Prinz aus Makedonien, indem er die "Ilias" auflud und die Geschichtsschreibung Herodots zuspitzte, zum Konflikt zwischen Hellenen und Barbaren erklärte (um dem Abendland den Glauben an seine Mission, sein Ringen um die Weltherrschaft zu überantworten). Zehntausende Krieger brachte er auf die Beine. 334: Sieg am Granikos, Mai 333: Lösung des Gordischen Knotens. November Drei-Drei-Drei, bei Issos Keilerei. Persien stand ihm offen.
Aristoteles hatte dem Knaben von der Oikumene erzählt, von den Grenzen der bewohnbaren Welt, an den Ufern des Okeanos, bei Aristoteles waren die Wissbegier und Sehnsucht, der "pothos" des Königskindes in die Schule gegangen, und der Junge war noch keine 18, da fußt das Fernweh auf dem "Kampf der verbunden Waffen". Dass es zum hellenistischen Import und Kulturtransfer bis nach Indien kam, gründet in einer nie dagewesenen Mobilität, angefangen von der "schiefen Schlachtordnung". Ja, sie schrieb Weltgeschichte.
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