Natürlich sind die Menschen so beschaffen, dass sie leichter den Traum von einer Sache haben als die Sache selbst. Der heruntergekommene Graf Waldner (aristokratisch würdig: Alfred Reiter), Spielernatur, träumt vom großen Gewinn, seine leicht dümmliche Gattin (Helena Döse) von einer glänzenden Heirat ihrer Tochter Arabella. Aus dem Sumpf zweifelhafter Wiener Hotelexistenzen sprießen zwei Töchter wunderbar unkorrumpiert hervor: Arabella und die psychologisch noch viel anrührender gezeichnete Zdenka, die in ihrer Herzensnot eine katastrophale Intrige anzettelt.
Die letzte gemeinsame Arbeit von Hofmannsthal und Strauss wurde oft als mondän-elegante Gesellschaftskomödie mit operettenhaftem plot (miss)verstanden. Die Frankfurter Version des Regisseurs Christof Loy (sie war 2006 schon in Göteborg zu sehen)bot eine erheblich andere Sicht.
Deutlich trennte sich Herbert Murauers Bühnenbild von den bei diesem Stück notorischen naturalistischen Interieurs. Ein gleißend heller, untiefer Bühnenkasten öffnet seine Schiebewände und gibt Voyeurblicke frei auf schäbige, teils nur angedeutete Zimmer- oder Flurdetails, im zweiten Akt auf einen malerisch verluderten Ballsaal. Im Schlussakt dann kaum noch Hinweise auf reale Schauplätze: der weiße Kasten oder der offene schwarze Hintergrund (wie schon in Arabellas Schlussmonolog im 1.Akt) als sinnfällig in Kraft tretende imaginäre Räume.
Offenbar war es nötig, zumindest die beiden weiblichen Hauptfiguren neu zu erfinden. Nirgendwo in Hofmannsthals großartigem Text wird Arabella als eiskalter Vamp oder berechnende Parketttigerin exponiert. Sie ist schön und anziehend, aber erotisch unberührbar, bis "der Richtige" kommt. Ihr Credo im südslawischen Volkston, zugleich Basis des vielleicht schönsten Frauenduetts der Operngeschichte: "Aber der Richtige/wenns einen gibt für mich auf dieser Welt/der wird einmal dastehn, da vor mir/ und keine Zweifel werden sein und keine Fragen". Arabella träumt von der unbedingten Liebe. Zdenka, die arme Kleine, die als Groom Zdenko in Bubenkleidung herumläuft, weil die Familie keine zwei Mädels "standesgemäß" ausstaffieren kann, gerät ganz anders unters Rad der unterdrückten und durchbrechenden Triebe, indem sie sich dem verzweifelt erfolglosen Arabella-Verehrer Matteo (tenoral leidensfähig: Richard Cox) in Arabellas Zimmer und unter deren vorgetäuschter Identität hingibt. Und das in der Nacht von Arabellas Verlobung und mit dem Bräutigam als zufälligem Ohrenzeugen der Verabredung. Skandal, Skandal!
Der Bräutigam Mandryka, ein uriger Potentat aus den slawonischen Wäldern, in seiner unverstellten Herzensnoblesse ein umgedrehter Ochs von Lerchenau, verstärkt das Märchensatte des Stoffes. Generös muss mit Königsgold gepflastert werden, damit es dem Träumen genügt. Immerhin ist Mandryka "Mann" und Besitzertyp genug, um die erste, empfindliche Bresche in Arabellas Glauben an die Unbedingtheit der Liebe zu schlagen. Am Ende herrscht ganz banale Gesellschaftslogik: Erst der schlüssig erbrachte Beweis von Arabellas Unschuld spricht sie frei.
Christof Loy bereitet subtil auf diesen Schluss vor und braucht ihn deshalb auch nicht verkrampft anzuschrauben. Im entrealisierten Raum findet Versöhnung durchaus statt, aber nach den vorangegangenen Erschütterungen bekommt sie etwas Unwirkliches. Das Hauptpaar geht am Ende in den schwarzen Hintergrund hinein, aber man denkt dabei weniger an eine rüstige balkanische Gutsherrschaftszukunft, eher an eine Versetzung an den opernmythischen Sternenhimmel wie im Finale von "Ariadne auf Naxos" oder sogar in der Ehe-Apotheose des autobiographischen "Intermezzo".
Zdenkas derangierter Schlussauftritt mit heruntergelassenen Hosenbeinen, darunter das schwarze Mädchenkleid, gerät so drastisch wie ergreifend. Da findet auch Arabella zu schwesterlicher Empathie. Mit Anne Schwanewilms (Arabella) und Britta Stallmeister (Zdenka) waren zwei ähnlich warmtrimbrierte, in Dynamik und Duktus optimal aufeinander sich abstimmende Vokalcharaktere gefunden. Das durchweg in Pianotönungen verbleibende erwähnte Duett im 1. Akt gelang in seiner durchgehaltenen Legato-Intensität makellos. Robert Haywards Mandryka-Verkörperung teilte mehr das beherrscht Gefühlvolle als das cholerisch Lospolternde des landadligen Märchenprinzen mit, weshalb die ordinären Sequenzen mit der Fiakermilli (in puppenhafte Tristesse getaucht: Susanne Elmerk) im 2. Akt nicht ganz glaubwürdig schienen - aber diese Passage zählt ohnedies nicht zum Besten der Partitur.
Frankfurts neuer GMD Sebastian Weigle ließ sich die Strauss-Premiere nicht nehmen und erwies sich als ein mit den szenischen Intentionen anscheinend glücklich übereinstimmender Interpret. Loys oft traumwandlerisch-unbewegte Personenregie erhielt ihre Entsprechung in einem verhangenen, behutsamen, jedem oberflächlichen Schwung abholden, aber auch dem bei Strauss so nahe liegenden effektvollen "Getöse" ausweichenden Vortrag. Prototyp dafür wäre das motivstrudelnde Vorspiel zum 3. Akt gewesen, das indes durch die (überflüssige) zweite Pause eines neuen Anlaufs bedurfte und daher aus einer Distanz heraus das kontrapunktische Geflecht eher sezierend bloßlegte. Bewundernswert, wie feinnervig Weigle stets dem parlando-Tonfall folgte, mit dem Strauss, empathisch wie selten und vielleicht auch aus Pietät zu seinem verstorbenen Textdichter, den Hofmannsthal-Worten nachspürte. Das Frankfurter Publikum bekam sie, zum besseren Hineinträumen, alle als Übertitel zu lesen.
Oper Frankfurt: 29. Januar; 1., 4., 8., 14., 26. Februar; 1. März.
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