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"Bloodlands": Der ganze Schrecken von Hitler und Stalin

Mit seinem Buch "Bloodlands" rekonstruiert der amerikanische Historiker Timothy Snyder die Politik des Massenmordens, wie sie von Stalin und Hitler zwischen Anfang der 1930er und Mitte der 1940er Jahre über Osteuropa verhängt wurde.

Das frühere Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Foto: rtr

Zur Bezeichnung der Vernichtung der europäischen Juden haben sich die Begriffe „Holocaust“ und „Auschwitz“ durchgesetzt. Mit seinem Buch „Bloodlands“, das im vergangenen Herbst auf deutsch erschienen ist, rekonstruiert der amerikanische Historiker Timothy Snyder die Politik des Massenmordens, wie sie von Stalin und Hitler zwischen Anfang der 1930er und Mitte der 1940er Jahre über Osteuropa verhängt wurde. Wegen dieses Vergleichs zwischen dem stalinistischen und nazistischen Terror stellt sich erneut die Frage nach der Singularität des Holocaust.

Herr Snyder, warum musste „Bloodlands“ geschrieben werden?

Der Gegenstand des Buches ist die größte moralische und demographische Katastrophe in der modernen europäischen Geschichte. Zu keiner anderen Zeit, weder vorher noch nachher, wurden so viele Menschen vorsätzlich getötet. Wir alle scheinen die Bedeutung des Holocaust verstanden zu haben, wir alle wissen von dem stalinistischen Terror. Was wir aber oftmals nicht verstehen, ist, dass diese schrecklichen Verbrechen zum größten Teil an demselben Ort und zur gleichen Zeit geschahen, nämlich auf dem Gebiet zwischen Berlin und Moskau, zwischen 1933 und 1945, als Hitler und Stalin an der Macht waren.

Sie haben auf eine Fülle von Quellen in osteuropäischen Sprachen zurückgegriffen. Wie viele Menschen starben in den „Bloodlands“? Waren es Soldaten oder Zivilisten?

Betrachten Sie die Sowjetunion und das gesamte Nazi-Reich zusammen, vom Atlantik bis zum Pazifischen Ozean. In dieser enormen Ausdehnung des Territoriums hat die Politik der Deutschen und der Sowjets die Ermordung von ungefähr 17 Millionen Menschen zur Folge gehabt. Von diesen 17 Millionen wurden ungefähr 14 Millionen, folglich die überwiegende Mehrzahl, in den relativ engen Grenzen der „Bloodlands“ getötet: in dem heutigen westlichen Teil Russlands, der Ukraine, Weißrussland, den baltischen Staaten und dem größten Teil Polens. Die Zahl von 14 Millionen ist nicht allein wegen ihrer immensen Größe in absoluten Zahlen von besonderer Wichtigkeit, sondern weil sie den Großteil der totalen Vernichtung repräsentiert. In den „Bloodlands“, in denen sich die Nazi- und die Sowjetherrschaft überlappten, geschah etwas Besonderes. Die Menschen waren Zivilisten oder Kriegsgefangene. Würden die Zahlen von militärischen Opfern mitgezählt, würde dies die Zahl noch verdoppeln. Die Opfer waren überproportional Juden. Der Holocaust geschah in den „Bloodlands“, 5,4 Millionen Juden wurden durch deutsche Politik getötet.

Zur Person

Timothy Snyder, Jahrgang 1969, ist Historiker und lehrt an der Yale-Universität osteuropäische Geschichte. Mit seinem Buch „Bloodlands“ (dt.: Verlag C. H. Beck) rekonstruiert der Holocaust-Forscher die Vernichtungspolitik Stalins und Hitlers in Osteuropa. Gemeinsam mit Ian Kershaw erhält Snyder im März den „Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung“.

Starben die meisten vor dem Krieg oder während des Krieges?

Das Morden kann in drei Phasen unterteilt werden. Zwischen 1933 und 1938 war die UdSSR praktisch für alle Opfer verantwortlich. Mehr als vier Millionen sowjetische Bürger ließ man bewusst verhungern oder sie wurden im Zuge des Großen Terrors von 1937-38 erschossen. Zwischen 1939 und 1941, als die UdSSR und Nazi-Deutschland Verbündete waren, erreichte der Nazi-Massenmord die gleichen Dimensionen wie der sowjetische, nämlich Zehntausende pro Jahr und zusätzlich Hunderttausende Deportierte. Nach dem deutschen Überfall auf die UdSSR war die deutsche Politik verantwortlich für die überwiegende Mehrzahl der Tötungen, die im Holocaust, dem Hungertod von sowjetischen Kriegsgefangenen und „Vergeltungsmaßnahmen“ gegen Zivilisten vorgenommen wurden.

Waren die Lager das Schlimmste an dem mörderischen System?

Die Lager sind von zentraler Bedeutung für unsere Vorstellung von den Verbrechen, und sie waren grausame Einrichtungen. Mehrere Millionen Menschen starben in den Lagern. Aber die Lager waren nicht grundsätzlich als Instrumente des Massenmords errichtet. Die Opfer, von denen mein Buch handelt, ließ man verhungern, sie wurden erschossen oder vergast, in der Regel nicht sehr weit von dem Ort entfernt, wo sie lebten. Die Geschichte der Lager ist eine verwandte Geschichte. Der sowjetische Terror schickte die Hälfte seiner Opfer in Lager und die andere Hälfte von ihnen in Todesgruben. Auschwitz war ein Lager, bevor es zu einer Todesfabrik wurde. Jedoch war die große Mehrheit dieser 14 Millionen Menschen niemals in einem Lager. Auch die überwiegende Mehrheit der im Holocaust ermordeten Juden sah nie ein Lager. Das Bild von den Lagern, so schrecklich es ist, schirmt die Augen vor der Realität des gezielten, direkten Mordes ab.

Sie stellen die NS-Verbrechen in einen Zusammenhang mit den Gräueltaten Stalins, müssen wir die Massenverbrechen des 20. Jahrhunderts neu bewerten?

Es ist wichtig, damit anzufangen, was die Menschen bereits denken. Das Hauptproblem der europäischen Geschichte ist, auch wenn es eine starke Rhetorik für das Gegenteil gibt, dass immer noch sehr stark in nationalen Kategorien gelehrt und gelernt wird. Daher denken viele Menschen, dass man den Holocaust einfach als jüdische Geschichte oder einfach als deutsche Geschichte verstehen könne. Aber die nationale Geschichtsschreibung hat Schwächen, und zwar sehr tiefgehende. Nationale Geschichte kann Fragen stellen wie: Warum wurden wir Opfer? Oder warum waren wir Täter? Aber sie gibt darauf keine Antworten, zumindest keine vollständigen. Eine weitere sehr wirkungsmächtige Weise unseres Denkens über Geschichte wird in Begriffen von „Rechts“ und „Links“ vollzogen. Die Nazis waren angeblich das eine und die Sowjets das andere, und so stellen wir sie in unseren Köpfen als entgegengesetzte Pole vor. Natürlich waren ihre Ideologien sehr unterschiedlich, wie auch ihre Systeme. Aber diese polaren Gegensätze erzeugen nur große Emotionen und tragen wenig zum Verstehen bei. Was mich beunruhigt, ist, wie wenig sich die Art, wie wir über Geschichte denken, geändert hat. Wir gehen automatisch dazu über, sie in nationalen oder politischen Linien zu verstehen, auch wenn sie wenig Sinn zu machen. Bedenken Sie folgendes: Jeder, der in den Bloodlands lebte, erfuhr sowohl die Nazi- als auch die Sowjet-Herrschaft – so lange er lebte. Jeder, der überleben wollte, stellte Vergleiche zwischen den beiden Regimen an. Und jeder Historiker, der jüdische Zeugnisse oder andere Primärquellen gelesen hat, weiß dies. Es handelt sich also nicht um eine Verbindung, die ich mache, es ist eine, die niemand übersehen sollte. Sie findet sich in den Quellen.

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Datum:  11 | 2 | 2012
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