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„Dame, König, As, Spion“ im Kino: Der Agent mit der Hornbrille

Mit dem Agententhriller „Dame, König, As, Spion“ hat Tomas Alfredson die Vorlage von John Le Carré famos neu verfilmt. Das liegt zu einem Teil auch an Gary Oldman, der in der Retro-Kulisse als Agent Smiley brilliert.

        

Gary Oldman (l.) und John Hurt als Agenten.
Gary Oldman (l.) und John Hurt als Agenten.
Foto: dapd

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Einsamer Wolf trifft es ganz gut: Allein und lautlos streicht George Smiley durch das London des Jahres 1973, wobei der hochgewachsene Mann im Trenchcoat beeindruckend farblos wirkt. Ja, er verschmilzt fast mit seiner Umgebung, was wohl eine der Einstellungsbedingungen für einen Agenten ist.

        

Männer von beeindruckender Farblosigkeit, offenbar eine Einstellungsbedingung für Agenten. Rechts Gary Oldman in der Rolle des George Smiley.
Männer von beeindruckender Farblosigkeit, offenbar eine Einstellungsbedingung für Agenten. Rechts Gary Oldman in der Rolle des George Smiley.
Foto: dapd/Studiocanal

Seine Einstellung beim britischen Geheimdienst liegt indes Jahrzehnte hinter Smiley, nun befindet er sich quasi im Ruhestand, nicht ganz freiwillig, aber es gab einen Kaderwechsel nach der „Budapest-Affäre“. Jüngere kamen ans Ruder. Skeptische Blicke richtet George Smiley in dem Agenten-Thriller „Dame, König, As, Spion“ durch die Gläser seiner großen Hornbrille auf eine Welt, die ihn unversehens wieder benötigt.

Denn der fehlgeschlagene Coup in Budapest soll noch einmal aufgerollt werden: Dort wollte einer aus dem Ostblock überlaufen, doch das Ganze endete mit einer Schießerei und Toten. Offenbar gibt es einen „Maulwurf“ in der obersten Etage des britischen Geheimdienstes, Verrat war im Spiel. Nun soll George Smiley der Sache nachgehen.

Wer ist der Verräter?

Er ist immer noch einer der Besten. Er markiert die Tür immer noch unsichtbar, um bei seiner Rückkehr sofort zu merken, ob jemand ins Haus gelangte während seiner Abwesenheit. Vier Männer kommen als Verräter in Frage: Percy Alleline (Toby Jones), der neue Chef des als „Circus“ betitelten Geheimdienstes, dazu noch Bill Haydon (Colin Firth), Roy Bland (Ciarán Hinds) oder Toby Esterhase (David Dencik).

Das waren jetzt ziemlich viele Namen und Verwicklungen. Und es werden noch mehr in diesem famosen Intrigenspiel aus dem Kalten Krieg, von dem der Schriftsteller John Le Carré in dem Roman „Tinker, Tailor, Soldier, Spy“ erzählt. In der fabelhaften Kinoadaption des Buchs durch den schwedischen Regisseur Tomas Alfredson spielt Gary Oldmann den George Smiley und tritt damit ein schweres Erbe an: Kein Geringerer als Alec Guinness verlieh zu Ende der 1970er-Jahre dem verdienten Agenten ikonische Züge in einer legendären BBC-Fernsehserie.

Damals war der Kalte Krieg noch in vollem Gange. Aber was soll ein Publikum von heute mit der Geschichte anfangen, in der drei Geheimdienste – der von Großbritannien, den USA und der Sowjetunion – eine duale Weltordnung festigen, indem sie jeweils mit den Schwächen im System des Gegners arbeiten? Diese Zeit der Spulen-Tonbandgeräte im Abhörraum, der schrill in leeren Räumen klingelnden Telefone und der Lederaktentaschen, die ein Leben lang hielten, ist endgültig vergangen.

Und doch interessiert man sich als Zuschauer für George Smiley, jenen gediegenen Mann im Hintergrund, der nie wirklich zu handeln scheint und doch die Handlung bestimmt.

Lange Einstellungen und nostalgisches Agentenflair

Das liegt zu einem Gutteil an Gary Oldmans ebenso machtbewusster wie diskreter Darstellung, aber auch an der Inszenierung: Tomas Alfredson hat keine 290 Minuten wie die BBC-Serie. Aber ihm gelingt es, in gut zwei Stunden eine umfassende Atmosphäre von Unsicherheit und Misstrauen zu beschwören durch sich verengende Perspektiven und in tastenden, langen Einstellungen. Deren ungeheure Eleganz kontrastiert dann seltsam mit der Palette aus Braun- und Grautönen, die den Film grundieren, mit den nackten Glühbirnen, die harte Schatten werfen und dem generellen Eindruck von Schmuddeligkeit. Ist es das, was Smiley wahrnimmt durch seine Hornbrille, die wie ein Bollwerk der Distanz auf seiner Nase sitzt?

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Alfredsons Film hat einen ganz eigenen, bezwingenden Rhythmus. Oldmans Smiley ist so still und wachsam, wie die Inszenierung auf billige Thrills verzichtet. Ganz unterschiedliche Fragmente und Facetten einer Geschichte fügen sich unaufgeregt ineinander, fast als folgten sie irgendeiner Mechanik tradierten Agenten-Handwerks. Der Generationenwechsel im „Circus“ meint hier eben auch einen Wechsel der Arbeitsprofile und Selbstbilder .

Es ist der Beginn einer Epoche, in der man aus ästhetischen, nicht aus ideologischen Gründen Verrat begeht. Alfredson Film beweist, wie triftige ästhetische Entscheidungen die einstige politische Aktualität einer Geschichte transzendieren können – deswegen vermag sie immer noch zu fesseln. Es fehle nunmehr an solider „Intelligence“, heißt es einmal seitens der Alten. Nichts sei mehr originell, beklagt einer der Weggefährten Smileys, und die einstige Kaderchefin, Connie Sachs (toll: Kathy Burke), beschwört die guten alten Zeiten. „Damals war Krieg!“, entgegnet Smiley. Doch selbst das war besser.

Berechtigte, reflektierte Nostalgie

Berechtigte, reflektierte Nostalgie ist ein Schlüsselwort im Blick auf diesen Film. John Le Carré selbst spielt einen der Partygäste bei der Weihnachtsfeier in der Zentrale des Geheimdienstes. Gesungen wird die sowjetische Nationalhymne; es ist eine hübsche Frivolität. Heute verleiht sie jeder Party den gewissen Retro-Touch.

Dame, König, As, Spion (Tinker Tailor Soldier Spy) GB/Frankr./Dtl. 2011. Regie: Tomas Alfredson, Drehbuch: Bridget O'Connor, Peter Straughan, nach der Buchvorlage von John Le Carré, Kamera: Hoyte van Hoytema, Darsteller: Gary Oldman, Colin Firth, Tom Hardy, Ciarán Hinds u.a.; 127 Minuten, Farbe. FSK ab 12 Jahre.

Autor:  Anke Westphal
Datum:  1 | 2 | 2012
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