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21. Januar 2013

„Der geteilte Himmel“: Luftballon, sprich!

 Von Dirk Pilz
Matthias Reichwald (Manfred Herrfurth), Lea Ruckpaul (Das Mädchen Rita Seidel) in „Der geteilte Himmel“. Foto: dpa

Der Versuch einer Korrektur: Tilman Köhler hat in Dresden Christa Wolfs „Der geteilte Himmel“ inszeniert.

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Lieber Herr Regisseur Tilman Köhler, liebe jubelnde Dresdner, liebe Menschen aus Ost und West: und jetzt? Wie kommen wir weiter? Müssten wir nicht im Jahr 24 danach wagen, auch anders, vielleicht neu zu erinnern, genauer im besten, skeptischer in jedem Fall? Ich meine, ja. Ich meine, die Zeit, in der es wichtig, womöglich auch richtig war, die Gefühle gegen die Tatsachen zu verteidigen, neigt sich ihrem Ende zu.

Im Westen beginnt sich, langsam, die Ahnung durchzusetzen, dass eben auch dieses Westdeutschland mit den Ereignissen von 1989 versunken ist; und im Osten heben sich, langsam, die Nebel aus Selbstmitleid und Trotz, die Schleier aus Vergangenheitssehnsüchten und Verklärungserzählungen. Die Erinnerungen sind in die Phase kritischer Distanz getreten. Das ist unsere Chance: neu zu fragen, was war und was bleibt. Und das Wir meint dabei: wir alle, die in diesem Land leben, nicht nur, die das Drüben und Hüben erlebt haben. Denn die Geschichte lässt keinen aus – sie betrifft alle. Deshalb: Wie kommen wir weiter? Dass solche Fragen hier stehen, ist diesem Dresdner Abend zu danken.

Es wird Christa Wolfs frühe Erzählung „Der geteilte Himmel“ gespielt. Als Uraufführung gibt sich diese Inszenierung aus; doch das ist nicht richtig. Die Uraufführung fand im November 2001 an der Berliner Volksbühne statt, unter der Regie von Sebastian Hartmann, mit Cordelia Wege in der Hauptrolle. Das war ein ironisch-bissiger DDR-Abrechnungsabend damals, scharf und schroff. In Dresden dagegen jetzt: vorsichtiges Abschreiten der Erinnerungslandschaften.

Die Bühne: eine Plattform, die sich zur Hochschräge aufrichten wird. Der Bühnenhimmel: nicht geteilt, sondern ein Tuch. Es ist die Leinwand für Videostimmungsbilder (Bäume, Sonne, Schornsteine) und Gefühlsprojektionsfläche (Hass, Verzweiflung, Sehnsucht). Es ist der entvölkerte Horizont für eine Liebesgeschichte zwischen Rita und Manfred. Sie ist die junge, angehende Lehrerin, die sich im Waggonbauwerk Arbeitserfahrungen holt, er ist der seelisch gealterte Chemiker, dem die Alltagserfahrungen lauter Anlässe zur Zerknirschung bieten. Es ist eine Geschichte, die in der nicht mehr unschuldigen DDR spielt: nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953, kurz vor dem Mauerbau 1961. Eine Liebe ohne Happy End: Manfred geht in den Westen, Rita bleibt. Am Ende von Wolfs Erzählung steht die Mauer, ist das Land geteilt und ihre Rita sagt: „Das wiegt alles auf: Dass wir uns gewöhnen, ruhig zu schlafen.“

Das sagen sie in Dresden auf der Bühne auch. Aber der Satz klingt nach einer Frage: Wie konnten wir uns gewöhnen, ruhig zu schlafen? Tilman Köhler stellt sie dreifach, aus drei Zeiten heraus – er hat die Rita-Rolle verdreifacht. Am Anfang sitzt Hannelore Koch, seit 40 Jahren im Dresdner Ensemble, auf der Podeststufe und spricht Sätze aus Christa Wolfs letztem Roman „Stadt der Engel“ von 2010: „Warum kann ich immer noch nicht wünschen, mein Leben zu tauschen gegen jenes leichtere, bessere.“ Das war Ritas, das war auch Wolfs Lebensfrage: „Was wäre denn das richtige Leben im Richtigen gewesen.“ Die Roman-Rita hat sich für ein Leben in der DDR entschieden und Christa Wolf ein Leben lang Gründe dafür gesammelt, warum das eine richtige Entscheidung war.

Sie waren verschieden. Deshalb die drei Bühnen-Ritas. Die sehr junge Lea Ruckpaul spielt eine sehr junge Rita, die sich zwischen Manfred und Heimat entscheiden muss. Und wie Ruckpaul ihre Figur von aller pummeligen Naivität frei hält und dennoch unbedingt lieben lässt, wie sie den Kopf seitlich stellt, in das eine Auge Keckheit und in das andere Entschiedenheit schiebt – das gibt dieser Figur Würde, Größe. Annika Schilling dagegen als etwas ältere Rita, die ihre Entscheidung schon gefällt, aber noch vor sich selbst rechtfertigen muss: eine Figur mit Zweifelattacken, Unsicherheiten. Und Hannelore Koch als Rita von heute aus: eine Frau, die ihre eigene Geschichte zwar versteht, aber befragt.

Überhaupt ist es sehr von Vorteil für diesen Abend, dass Köhler das Lieben und Ringen seiner Figuren ernst nimmt, ohne moralische und historische Urteile zu fällen. Dass er mit Matthias Reichwald einen Manfred hat, der nicht nur an der DDR, sondern am Lauf des Lebens generell verzweifelt, dass er in Ahmad Mesgarha, Philipp Lux und Albrecht Goette Spieler hat, die sich in ihre DDR-Figuren hineinzudenken verstehen, ohne diese verteidigen zu müssen. Köhler schält aus der Vorlage eine Lebenskrisengeschichte heraus, die nicht auf Ost und West und Himmelsrichtungen geeicht ist, sondern auf das Großexistenzielle .

Dennoch. „Der geteilte Himmel“, die Erzählung, die 1963 mit seltsam verklärenden Grafiken von Willi Sitte erschien, vier Jahre nach Uwe Johnsons Roman „Mutmaßungen über Jakob“, gegen den Christa Wolf ankämpfte, ihn teilweise ab- und umschrieb, ist literarisch betrachtet nicht sonderlich von Belang; Johnsons Buch ist im Vergleich weitaus stärker. Wolfs Erzählung ist durch ihre Rezeptionsgeschichte bedeutend, weil sie zur Kompensationsliteratur wurde, mit der sich bestens die Gefühle gegen die Wirklichkeit verteidigen ließen. Dieses Buch wollte an Illusionen glauben machen, wollte verkünden, dass der DDR-Sozialismus trotz Mauerbaunoch zu retten sei. Es glaubten viele offenbar. Aber warum? Wie ging das zu?

Das sind heute die entscheidenden Fragen, und Tilmann Köhler stellt sie. Er lässt in seinen zwei Stunden lauter Luftballons platzen, er treibt die Illusionen auf den Verpuffungspunkt, die Figuren über die Grenzen ihrer Gefühle hinaus – in jene zugige Gegend, in der das Erinnern seine wollige Harmonie, seine Selbstschutzwärme verliert.

Wir werden uns künftig eben dort aufzuhalten haben, wenn wir wissen wollen, was war und was bleibt – auch das legt diese Inszenierung nahe. Und wie weiter jetzt? Es hieße vielleicht, genauer, skeptischer zu erinnern, nicht nach den (geplatzten) Illusionen zu fragen, sondern nach der Sehnsucht, ihnen glauben zu wollen.

Staatsschauspiel Dresden, 21., 30. Januar, www.staatsschauspiel-dresden.de

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