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"Die Klasse": Differenzen im Schulzimmer

Laurent Cantets Film nimmt Immigrantenkinder ernst.

Auch der französische Schulalltag ist nicht immer aufbauend.
Auch der französische Schulalltag ist nicht immer aufbauend.
Foto: Verleih

Am Anfang gibt es Kekse und Artigkeiten. Die Lehrer einer Schule im 20. Bezirk von Paris, einem sozialen Brennpunkt, begrüßen einander zum neuen Schuljahr. Ein paar Wochen später hat der Alltag alle wieder fest im Griff. Nur François, der Französischlehrer, verweigert sich der Abstumpfung des Alltags, wo eine Tasse Kaffee wichtiger erscheint als das Schicksal der Migrantenkinder.

François beharrt darauf, dass der Unterricht nicht unter den Ablenkungsmanövern seiner 15-jährigen Schüler leidet. Plätze einnehmen, das Revier lautstark markieren, um die Überlegenheit der eigenen Kultur rangeln, die zwischen arabisch und afrikanisch, muslimisch und emanzipiert alles ist, bloß nicht französisch: das kostet Zeit. Doch der vierzigjährige Lehrer versteht es auch, Reibereien in ein lebendiges Lehrstück zu verwandeln. Toleranz, Selbstbehauptung, sexuelle Orientierung, das notwendige Einhalten von Grenzen, all das kommt zur Sprache, während es vermeintlich um Autoritätskonflikte geht.

Er ist selbst ein Lernender. Wenn Esmeralda, eine Schülerin mit tunesischen Wurzeln, betont, nicht sonderlich stolz auf ihre französische Staatsbürgerschaft zu sein, dann hat das auch etwas damit zu tun, dass sie im Lehrplan nicht vorkommt. Die Beispiele, die François wählt, um Satzstrukturen zu erläutern, beziehen sich auf einen gewissen "Bill". Ein weißer Name, empört sich Esmeralda, so hieße doch hier niemand. Um sie herum sitzen Khoumba und Nassim, Cherif aus Algerien, Wei aus China, der verschlossene Souleymane aus Mali, und die paar Gesichter mit heller Hautfarbe scheinen auch nicht mit Bill aus dem Land der Sicherheit verwandt zu sein.

Kein Abstraktionsvermögen, könnte man urteilen, doch Laurent Cantets Film "Die Klasse" sieht das anders: Von sich selbst abzusehen, das muss man sich leisten können. Diesen Jugendlichen mangelt es nicht an Phantasie oder Aufmerksamkeit. Sie richten sie nur auf etwas anderes, auf latenten Rassismus oder die Verkennung ihrer Wirklichkeit.

Vielleicht ist das Wort "köstlich" schwerer zu definieren, wenn man es von Cheeseburgern ableiten muss. Trotz formaler Defizite, trotz der bisweilen unbegründet scheinenden Auflehnung gegen den einzigen Lehrer, der sich Mühe gibt, beschwört der Film nicht das Bild einer unempfänglichen Jugend herauf.

Nach der Lektüre des Tagebuchs von Anne Frank fordert François die Schüler auf, ein Selbstporträt zu schreiben. Da gäbe es nichts zu berichten, sagen einige lakonisch, auch könne man nicht ohne Gesichtsverlust sein Privatleben enthüllen. Plötzlich entsteht eine hoch philosophische Debatte über das Phänomen der Scham. Er schäme sich, sagt Wei, Sohn illegaler Einwanderer, für Gleichaltrige, die vor gar nichts Respekt hätten.

So ein Satz, der ist doch erfunden? Weit gefehlt. Wie alle anderen Schüler der tatsächlich existierenden Françoise-Dolto-Schule, hat auch der Darsteller des Ausnahmetalents Wei in diesem elektrisierenden Experiment eines fiktiven Dokumentarismus improvisiert, eigene Ansichten und Gesten in den Film einfließen lassen.

Basierend auf einem Buch und Drehbuch des Lehrers und Journalisten François Bégaudeau, der obendrein den engagierten Französischlehrer spielt, hat Laurent Cantet "Die Klasse" als Black Box entworfen, als Mikrokosmos, in dem sich reale Selbstverortung und die verdichteten Szenarien der Kunst mischen. Dieser komplexe, für alle Beteiligten selbstkritische Balanceakt hat dem Film 2008 in Cannes die Goldene Palme eingetragen.

Auch die Lehrer sind wunderbar echt erfunden. Ebenso ihr Bemühen, einen sinnvollen Umgang mit Strafen zu entwickeln, den "gefährlichen Eindruck von Straflosigkeit" zu vermeiden und jenen eine Chance zu lassen, die sich unter dem Druck ehrgeiziger, ahnungsloser oder des Französischen nicht mächtiger Eltern an ohnmächtige Rebellion verschwenden. "Ich glaube", so François Bégaudeau in einem Interview mit Phillipe Mangeot, "entsprechend einer Tradition im französischen Film gibt es in ,Die Klasse' keinen wirklich ganz Schuldigen."

Das gilt auch für den Lehrer François, der sich in einem hilflosen Moment im Ton vergreift und einen folgenschweren Konflikt auslöst. Das Differenzierungsvermögen der Angegriffenen ist ein Beweis für den Erfolg, den François' Hartnäckigkeit hat. "Die Klasse" spielt in einem Klassenzimmer. Aber die Welt kann von dieser Selbstbeschränkung lernen.

Trailer "Die Klasse"

Die Klasse, Regie: Laurent Cantet. F 2008, 128 Minuten.

Autor:  HEIKE KÜHN
Datum:  15 | 1 | 2009
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