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"Diener zweier Herren" in Frankfurt: Liebeshändel wie geträumt

Andreas Kriegenburg inszeniert Goldonis "Diener zweier Herren" im Bockenheimer Depot: Zweieinhalb Stunden des Vergnügens an einer leichtfüßigen, aber nie leichtfertigen Aufführung. Von Peter Iden

Wie im Hula-Hoop-Reifen: Darsteller Roland Koch; hinten Vera Tscheplanova.
Wie im Hula-Hoop-Reifen: Darsteller Roland Koch; hinten Vera Tscheplanova.
Foto: Sebastian Hoppe

Schon wieder eine schöne Bescherung im zum Glück des Publikums ganz und gar erneuerten Frankfurter Theater. Zweieinhalb Stunden des Vergnügens an einer leichtfüßigen, aber nie leichtfertigen Aufführung, durchzogen von eigenwillig schwebenden und doch kontrolliert in Form gehaltenen Phantasien. Dargetan von einem Ensemble, das mit seiner Spielfreude und vielfältigen Begabungen sehr für sich einnimmt. Alles ist hier Eroberung: Wieder entdeckt und gewonnen werden das Bockenheimer Depot als Spielort, Bühnenbild von Harald Thor und Kostüme von Katharina Kownatzki als wesentliche Elemente des Theaters, und mindestens zu Teilen eine der berühmtesten Komödien der dramatischen Literatur.

Dabei ist Carlo Goldonis "Der Diener zweier Herren" ein schwieriges Stück. Das liegt an der bis heute gegebenen Differenz zwischen deutschen und italienischen Ausdrucksformen, im Alltag wie auf der Bühne. Gleichsam ein für allemal hat Giorgio Strehlers berühmte Inszenierung diesen Abstand vor Augen geführt. Vor allem Marcello Moretti und Ferrucccio Soleri, die mit unglaublicher Beweglichkeit den Harlekin Truffaldino dargestellt haben, haben die Geschichte der Rezeption des Stücks sehr bestimmt.

Die durch Strehler und seine Schauspieler geschaffene Barriere lässt sich so einfach nicht wegdenken. Auch nicht für Andreas Kriegenburg, der die Komödie nun in Frankfurt inszeniert hat. Natürlich kennt er das Problem des übermächtigen italienischen Vorbilds, lässt sogar vor der Szene, die bei Strehler ein Höhepunkt war, dem Teller-Akt Truffaldinos, der zwei Parteien zugleich ein mehrgängiges Essen serviert, expliziert darauf hinweisen - jedoch gelingt es ihm, es derart intelligent zu umspielen, dass aus der Not eine Tugend wird.

Die Bühne bildet einen zum Publikum hin offenen Trichter, viele Stufen auf den steil abfallenden Seiten, weiße Luftballons über dem drehbaren Bühnenboden. Es verteilt sich ein Trupp von Schauspielern, Männer und Mädchen in hellfarbenen Kostümen. Einige versuchen sich mit Akkordeon, Posaune und Gitarre unaufdringlich musikalisch. Sie verständigen sich in fremden Sprachen, auf englisch, ungarisch, russisch, dänisch. Und sie spielen rätselhafte Kurzszenen von trauriger und übermütiger Art. Es entsteht eine wehmütig grundierte, offen träumerische Stimmung. Man kann an Fellinis "Die Stimme des Mondes" denken. Valery Tscheplanowa, begabt für plötzliche Wechsel des Ausdrucks, singt einschmeichelnd wie Katie Melua.

Das ist weit von Goldoni. Wollen die denn gar nicht beginnen mit dem Stück? Da wird Roland Koch, bis dahin ein Beweger des Präludiums, zum Kaufmann Pandolfo, der mit Thomas Huber, nun der widerspenstige Doktor Lombardi, über die Heirat seiner schönen Tochter Rosaura verhandelt. Das Mädchen ist zwischen zwei Männer geraten, einer ist umgekommen, taucht nun aber in Gestalt seiner in Männerkleider gesteckten Schwester Beatrice (Bettina Hoppe) wieder auf. Sie will den von ihr geliebten Florindo finden (Sascha Nathan, der deutsch spricht mit dem melodischen Tonfall eines Ungarn), der der Mörder ihres Bruders sein soll.

Mitten in diesem Durcheinander wird Truffaldino der Diener Beatrices und Florindos zugleich, bringt die beiden so zusammen und findet auch selber eine Braut, Blandina (Henrike Johanna Jörissen). Mathis Reinhardt kehrt an seinem Truffaldino kaum den um jeden Preis seinen Vorteil suchenden Egomanen hervor. Eher spielt er einen, der sich bewusst ist der Gefahren, die ihm drohen können. Der Kopf bestimmt ihn mehr als seine physische Behendigkeit.

Für die Szene der doppelten Bewirtung, die Truffaldino alles abverlangt, vermeidet die Aufführung die Konkurrenz mit Strehler. Auf einem Steg quer durch den Trichter der Bühne referieren die Schauspieler mehr, als dass sie spielen würden, was vorgeht. Auch sonst wird die Handlung mehrmals unterbrochen durch hinzu erfundene, genau gearbeitete, phantastische Einschübe. Am Ende hat das Züge eines Albtraums. Wen alle versöhnt scheinen, die Liebenden einander gefunden haben und Truffaldino am Ziel ist, wird, abweichend von Goldoni, Pandolfo plötzlich erstochen. Alle Widersprüche gelöst? Das Leben geht anders.

Bockenheimer Depot, Frankfurt: 12., 13., 15., 19., 22., 26. und 31. März, 2., 5., 7., 10. und 11. April.

Autor:  Peter Iden
Datum:  10 | 3 | 2010
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