Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | FR-Recherche: Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kultur
Nachrichten, Kritiken, Interviews aus Kultur, Feuilleton, Literatur, Kunst

23. April 2015

„eHealth“ Überwachung: Der neue Geist im Gesundheitswesen

 Von 
Big Brother läuft mit.  Foto: rtr

Mit „eHealth“ wird elektronische Gesundheit versprochen und Überwachung verschleiert. Digitale Medien sammeln gewaltige Datenmengen an, für die sich die Forschung, aber auch der Arbeitgeber interessieren könnte. Ein Kommentar.

Drucken per Mail

Gesundheit ist in der Regel ein wenig erquickliches Thema. Das liegt allein schon daran, dass, wer darüber spricht, zumeist nicht gesund ist oder sich nicht gesund fühlt. Unerquicklich an Gesundheitsthemen ist zudem die hier vorherrschende medizinisch-wissenschaftliche Vernunft mit ihren verdrießlichen, allemal spaßfeindlichen Sollens-Sätzen: Du sollst Dich richtig ernähren, Du sollst Dich richtig bewegen, Du sollst nicht rauchen, trinken oder überhaupt völlen. Und zuletzt, auch das ist kaum erfreulich, kommt die Gesundheit uns allen teuer zu stehen – den Kranken wie den Gesunden, den Kassen und dem Staat.

Muss das so sein? Nein, muss es selbstverständlich nicht. Denn es gibt eine Lösung für all die genannten Gesundheitsprobleme, sie heißt eHealth, ein Name, der mit „elektronischer Gesundheit“ nur unzureichend übersetzt ist und auch schon wieder latent spaßfeindlich daherkommt – Elektronik und Gesundheit, das klingt kaum besser als Stützstrumpf und Rheumapflaster! Doch eHealth schlägt ein neues Kapitel in der Gesundheitsfürsorge auf, nämlich das zur Lifestyle-Medizin, zu einer Spiel-Spaß-Spannung-rundum-sorglos-Medizin, die jede Lebensäußerung im Zeichen frohgemuter Fitness erfasst. Eine Revolution, bei der alle Menschen mitmachen, auch diejenigen, die gar nicht wollen.

Technisch betrachtet geht es um die globale Vernetzung aller Gesundheitsdaten, insofern sie digitalisiert vorliegen, und zwar ganz gleich, ob sie von staatlichen oder privaten Akteuren gesammelt werden, von den öffentlichen Gesundheitsdiensten, von Krankenhäusern und Arztpraxen, von Krankenkassen, Forschungsinstituten oder auch Sportvereinen, von Gesundheitsportalen, Selbsthilfegruppen oder Feierabendjoggern.

All diese Daten sind mal mehr, mal weniger zugänglich, entweder gut geschützt oder frei verfügbar. In jedem Fall aber sind sie ein ungemein wertvoller Datenschatz, den auszubeuten in den letzten zehn Jahren ein Milliardenmarkt entstanden ist. Fitnessarmbänder und Smartwatches mit ihren biometrischen Sensoren sind davon nur der sichtbarste Ausdruck.

Verkäufliche Daten

Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch die jüngste Geschäftsanbahnung zwischen den beiden IT-Giganten IBM und Apple: Mit dem iPhone oder der Apple Watch können Nutzer medizinische Daten wie Herzfrequenz, Kalorienverbrauch, Blutzucker- oder Cholesterinwerte aufzeichnen und damit eine Art digitale Patientenakte anlegen; mittels einer App von IBM werden diese Daten über einem Online-Datenspeicher eingesammelt und in einer eigenen – sie wird ihren Hauptsitz in Boston haben und 2000 Mitarbeiter beschäftigen – ausgewertet.

Diese Datensätze will IBM weitergeben beziehungsweise verkaufen: an Ärzte, Forscher, Versicherungs- und Gesundheitsunternehmen oder an Arbeitgeber, die sich für die physische und psychische Verfassung ihrer Mitarbeiter interessieren.

Lassen wir einmal die naheliegende Bedenken beiseite, IBMs Datenspeicher, die nach dem Supercomputer benannte Watson Health Cloud, wird ihres kostbaren Inhalts wegen zum bevorzugten Angriffsziel aller Hacker auf diesem Planeten. Kümmern wir uns ebenfalls nicht darum, dass mit dem Bostoner Standort der besagten Health Cloud auch das US-Recht – inklusive des Foreign Intelligence Surveillance Act – für die Herausgabe der Daten an amerikanische Behörden gilt.

Zudem sollte uns nicht den Spaß verderben, dass zurzeit mit der neuen EU-Datenschutzverordnung auch in Europa alles für den Abbau des Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung getan wird, übrigens unter maßgeblicher Beteiligung der Bundesregierung.

Nein, jetzt weht ein neuer Geist. Die Frage „Wie geht es dir?“ muss jemandem mit dem Lügendetektor am Handgelenk, vulgo: dem smarten Wearable, nicht mehr gestellt werden. Das weiß die Cloud ohnehin besser. Gesundheit ist kein individueller Zustand mehr, sondern ein soziales Netzwerk-Ereignis. Gesundheit wird nicht länger im Rahmen eines geschützten Arzt-Patienten-Verhältnisses ausgehandelt, sondern zu einem öffentlichen Statement. Der IBM-Manager Michael Rhodin hat das erkannt: „Die Generation, die die Apple Watch kauft, ist interessiert an Daten-Philanthropie.“

Treffender lässt sich der alte Überwachungsstaat-Slogan, dass wer nichts zu verbergen hat, auch nichts zu befürchten habe, wohl kaum in einen Lifestyle-Satz voll sprühendem Hipster-Charme umwidmen.

Ein Gesetz des neuen technischen Zeitalters lautet: Je mehr der Staat sich aus seiner Fürsorgepflicht zurückzieht, desto mehr wächst die Überwachung durch digitale Medien und desto mehr ist der Einzelne gehalten, sich den geltenden sozial- oder medizin-hygienischen Normen zu unterwerfen. Freiwillig, versteht sich – ein Konformismus der Selbstverwirklichung.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus
Anzeige

Anzeige

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Beilage

Literatur-Rundschau

Der Bücher-Herbst 2016

Achtung Holländer! Autor Marc Reugebrink über das schwierige Verhältnis zwischen Niederländern und Flamen.
Die Liebenden: Brigitte Kronauers betörender Roman „Der Scheik von Aachen“ über Liebe, Tod und Schuld.
Die Geister: Nathan Hills grandios komponierter Familienroman ohne Familie.
Die Rassisten: Rebekka Habermas über einen vergessenen Skandal in Deutsch-Togo.

Übersicht - alle Rezensionen der Literatur-Rundschau 2016 auf einen Blick

Komplette Zeitungs-Beilage vom 18. Oktober im PDF-Format.


Dossier als Feed abonnieren
Info

Times mager

Frankfurt ist nicht Offenbach

Von  |
Der ganze Nahverkehrsverbund bietet so etwas wie einen Ballungsraum, der stark prädestiniert ist, sich in den fremden, aber mitfahrenden Menschen hineinzudenken.

Der Kommunikationsspezialist, der in Frankfurts Straßenbahnen, U-Bahnen oder S-Bahnen mitfährt, findet ein ungeheures Textreservoir vor. Und erfährt das wichtigste.  Mehr...

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Kalenderblatt 2016: 6. Dezember

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 6. Dezember 2016: Mehr...

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Videonachrichten Kultur
Kolumne

Briefe des Philosophen Markus Tiedemann richten sich an Menschen extremer Glaubensüberzeugungen. Tiedemann ist Professor am Institut für vergleichende Ethik an der FU Berlin sowie Vorsitzender des Forums Fachdidaktik in der Deutschen Gesellschaft für Philosophie.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick

Anzeige

Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.