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"Götterdämmerung": Die Zukunft als spannende Leere

Grandioser Abschluss des Nibelungenrings: Vera Nemirova setzt die Rheintöchter in „Götterdämmerung“ an der Oper Frankfurt in ein greenpeacehaftes Schlauchbot - und lässt sie jung und zornig für den Schutz der Umwelt agieren.

Anja Fidelia Ulrich, Lance Ryan und Gregory Frank in Götterdämmerung.
Anja Fidelia Ulrich, Lance Ryan und Gregory Frank in "Götterdämmerung".
Foto: Monika Rittershaus/ dpa

Den Rhein retten, den Fluglärm abstellen, das Bankenwesen regulieren: In Frankfurt treffen rund um den Willy-Brandt-Platz zurzeit drei soziale Anliegen zusammen. Eines davon hat sich die Oper zu eigen gemacht. Vera Nemirova setzt in ihrer Inszenierung der „Götterdämmerung“ die drei Rheintöchter in ein greenpeacehaftes Schlauchboot und lässt sie, jung und zornig, für den Schutz der Umwelt agitieren. „Rheingold! Hehrer Stern der Tiefe“ steht auf ihrem Schlauchboot, das ist ein Zitat aus dem dritten Aufzug, und natürlich steckt darin auch eine Portion freundliche Ironie.

Intensive Gleichzeitigkeit

Vera Nemirovas Frankfurter „Ring“ ist auf der Zielgeraden angekommen und tut dort, was zu tun ist: er rekapituliert. Er folgt umsichtig den zusammenführenden und richtunggebenden Impulsen, die Wagner in die Musik zur „Götterdämmerung“ eingeschrieben hat. Es ist ein intensives, oft bis zur Gleichzeitigkeit verdichtetes Zusammenfügen heterogener motivischer Impulse in einer musikalisch artikulierten Gedankenwelt. Auf der Szene fordert das noch einmal alles von den Sängern und Darstellern. Und um dem am Ende begeisterten Publikum klar zu machen, was es an seiner Oper in Frankfurt hat, steht diesmal zum Schlussbeifall überraschend nicht nur der beeindruckende Chor (Leitung: Matthias Köhler) auf der Bühne, sondern auch das Orchester: Endlich erlebt es den Beifall nicht nur als akustisches Signal, das GMD Sebastian Weigle in den Graben gestisch weiterleitet.

Die „Götterdämmerung“ ist auch ein wunderbarer Anlass für Schluss-Tableaus. Als all die Götter und die bösen und die naiven Helden gestorben sind, stehen die Menschen und einige ihrer Derivate zusammen auf der Bühne und schauen angespannt nach oben ins Leere. Diese spannende Leere ist die Zukunft. Die Zukunft, sagt Nemirovas Inszenierung, ist ungewiss, weil sie im Verantwortungsbereich der Menschen liegt, einer wenig verlässlichen Spezies: vernunftbegabt, aber lügenhaft; zu moralischen Urteilen fähig, aber keineswegs zum Guten und Richtigen prädestiniert; mit der Chance zum Weitblick ausgestattet, aber ständig in Spontaneitäten, Details und Intrigen verstrickt. Es liegt keine Emphase in diesem Schlusstableau, eher eine angespannte Ratlosigkeit und kollektive Einsamkeit im Kosmos der Ungewissheiten.

Die arbeitsintensive Herstellung dieser Ratlosigkeit war Gegenstand der Ring-Tetralogie, darum ist das Schlusstableau auch eine Versammlung derer, die diese Arbeit fürs Publikum getan haben. Was sich damit auf der Bühne auch konzentriert, ist der Rückblick auf eine eindrucksvolle „Ring“-Sequenz und ihre Darsteller, die zusammen dem Frankfurter Ring den Rang einer Referenz-Inszenierung geben. Anders gesagt: An diesem Niveau, das die Oper Frankfurt hier zeigt, was die Stringenz und Präzision der Inszenierung, die Universalität des Bühnenbildes (Jens Kilian), die Transparenz, Elastizität und Präsenz der Orchesterarbeit (Sebastian Weigle) betrifft, kann sich das deutsche Musiktheater im kommenden Wagner-Jahr orientieren.

Anreicherung durch Ironie

Es ist ein „Ring“, der pathetisch anfing, sich in der Folge mit ironischen Momenten anzureichern unternahm – und im „Siegfried“ vielleicht ein wenig damit übertrieb – und nun in einem stilistischen Aggregatzustand angelangt ist, in dem Diminutive wie die heimeligen Teelichter, die idyllisch den Walkürenfelsen umlodern, oder das 30-Zentimeter-Stockmaß des Rosses Grane freundlich bereichernde Stilbrüche sind. Und es ist ein „Ring“, der sängerisch seinesgleichen sucht, in dem nicht nur jeweils die zwei, drei zentralen Partien bestens besetzt sind, sondern das Ensemble.

In der „Götterdämmerung“ gerinnen viele Motivationen zu schicksalserfüllendem Verhalten, was aus den meisten Figuren – mit zwei Ausnahmen – eher allegorische Erscheinungen macht. Eine Ausnahme ist Brünnhilde. Die Kraft, das Durchhaltevermögen und die schwarze Tragik, mit der Susan Bullock deren dramatisches Gewicht auflud, war der hervorstechende sängerische Beitrag zur „Götterdämmerung“. Anja Fidelia Ulrich wäre in einem anderen Inszenierungskonzept vielleicht eine ebenbürtige Gutrune gewesen, jedenfalls zeigte sie keine Eigenschaften, die sie daran hindern könnten. Gregory Frank war ein statuarisch machtvoller Hagen, eher Schachfigur in einem Spiel, das andere spielen. Lance Ryan war wiederum ein famoser Siegfried, alles andere als ein Sympathieträger und mit einem Ausdruckspotenzial, das gerade auch den bübisch-unverschämten und unsouveränen Anteilen dieser Figur Geltung verschaffte.

Die erstaunlichste Interpretation aber, und das ist die zweite Ausnahme, zeigte Johannes Martin Kränzle. Gunther ist, zwischen den Schwergewichten Brünnhild, Siegfried und Hagen, eher eine Figur der zweiten Reihe. Kränzle zeigte ihn stimmlich überragend differenziert und darstellerisch als einen Mann, der sich vom Dasein als Weichei und Witzfigur zur einzigen psychologisch gestalteten, also theatralisch ergiebigsten Person des Stückes entwickelt.

Ob der Rhein gerettet werden kann, bleibt offen. Dass Hagen und die anderen Alben, dass die Götter und die mit ihnen vielfach verbandelten Helden nicht mehr auf der Erde wandeln, dass also die Welt aus lauter Gunther-Figuren besteht, liefert keine Garantie dafür. Immerhin haben die drei Rheintöchter mit ihrem Schlauchboot überlebt. Das könnte ein gutes Zeichen sein.

Oper Frankfurt: 5., 10., 18., 26. Februar, 3. März. www.oper-frankfurt.de

Autor:  Hans-Jürgen Linke
Datum:  31 | 1 | 2012
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