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"Hirnforschung und Meditation": Erleuchtung als Anfall

Eine Diskussion zwischen Wolf Singer und Manfred Osten im Frankfurter Literaturhaus.

Eine narzisstische Kränkung - Zur Deutung der Hirnforschung im 21. Jahrhundert". Diese Zeile überschrieb eine erstklassige Begegnung im Frankfurter Literaturhaus. Manfred Osten und Wolf Singer unterhielten sich da über "Hirnforschung und Meditation", dem in der "edition unseld" erschienenen Dokument einer Auseinandersetzung des Neurophysiologen Singer mit Matthieu Ricard. Für den buddhistischen Mönch Ricard ist "der Buddhismus eine Wissenschaft des Geistes, die davon ausgeht, dass es im Gehirn eine Plattform der reinen Bewußtheit" gibt. Singer führte beiläufig an, dass Temporallappenepilepsie - im Hinblick auf den hedonistischen Tonus - ähnliche Zustände hervorrufen kann wie Satori-Erlebnisse. Er setzte sich damit nicht grundsätzlich von Ricard ab.

Viele alte Bücher

Auch Osten fand zu einem Dreiklang von europäischer Philosophie, östlichem Denken und neurophysiologischen Einsichten und zitierte Nietzsche: "Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei aus". Überhaupt war von vielen alten Büchern die Rede. Singer hatte sich noch einmal Herrigels "Zen in der Kunst des Bogenschießens" vorgenommen, um nun, vor einem hingerissenen Publikum, dessen Quintessenz (nicht ich schieße, vielmehr schießt es) als prozessuale Gedächtnisleistung "mit lebenspraktischem" Effekt zu deklarieren. Die westliche Hinwendung an die Erforschung der Außenwelt fördere eine Tendenz, "Vorgänge linear zu deuten" und unterminiere insoweit die von den Ricards dieser Welt kontemplativ angestrebte Synchronisation weit auseinanderliegender Hirnareale.

Singer hielt sich mit der buddhistischen Formel auf, dass das Selbst zum Leid führt. Osten kam ihm entgegen, indem er darauf hinwies, dass sich in dieser und jener asiatischen Sprache ein Ich noch nicht mal "grammatisch" konstituieren lässt. Die Rede im Raum war indes vom "selbstbezogenen Ich". Ihm droht eine "affektive Verschattung" der Sicht auf die Dinge. Nach Ricard stellt sich ihm die Welt objektiv falsch dar.

Willensfreiheit als Konstrukt

Im Weiteren erklärte Osten, dass die spektakulärsten Erkenntnisse der Hirnforschung von Philosophen vorweggenommen wurden. Er führte Quellen an, memorierte Goethe: "Der Gedanke der Willensfreiheit ist zu schön, als dass wir ganz darauf verzichten sollten". Zu sprechen kam er, oder war es Singer?, auf Leibseeleexperimente vergangener Zeiten, als man das Gewicht der Seele grausam abzuwiegen versuchte. Dem Auditorium wurde angeboten, die Willensfreiheit der sozialen Realität als Konstrukt zuzuordnen. Osten: "Das brauchen wir fürs Strafrecht". Singer: "Urheber bleibt nach wie vor das handelnde Subjekt". Gleichwohl: Jede Absicht legt im Vorbewussten schon eine Strecke zurück, bevor sie im frontalen Verteilerkasten ihre Egobetriebsnummer erhält.

Zurecht fragte jemand im Anschluss an eine Supervorstellung, was daran kränkend sei. Sollen die Neuronen doch feuern, was das Zeug hält, und warum soll ein Mensch gebenenfalls nicht auch mal anfallartig illuminiert werden?

Autor:  JAMAL TUSCHICK
Datum:  10 | 9 | 2008
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