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09. Januar 2009

"Horror! Horror!": Die Toten von Gaza

 Von Abdelwahab Meddeb
Die aufgebahrte Leiche eines neunzehnjährigen Palästinensers am 1. Januar 2009.  Foto: dpa

Dies ist das Grauen in seiner ganzen menschlichen Obszönität: Die Ereignisse in Gaza lassen den Schrei von Kurtz wiederaufleben, eine Kreatur, die Joseph Conrad schuf: "Horror! Horror!"

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Zur Person

Abdelwahab Meddeb, 1946 in Tunesien als Sprößling einer Familie von Islamgelehrten geboren, ist heute einer der renommiertesten Intellektuellen Frankreichs. Er bekennt sich selbst zum Islam und versteht sich als eine aufgeklärte Stimme aus der arabischen Welt, die auch nach Europa hineinwirkt. Auf Deutsch erscheinen seine Bücher (zuletzt "Zwischen Europa und Islam") im Heidelberger Wunderhorn Verlag.

Diese Jahreswende, das waren traurige Tage. Die Trauer ging von den Ereignissen in Gaza aus, welche die unrühmlichsten Seiten des Menschen ausstellen. Vor mir erscheint in aller Nacktheit das Grauen vor dem, wozu Menschen fähig sind.

Das Grauen vor jenen, die sich in unerträglicher Weise als Opfer stilisieren.

Das Grauen vor jenen, die den elektronischen Krieg mit seiner Abstraktion dazu nutzen, die Kriegführenden von der Schuld an dem Tod zu bewahren, den sie verbreiten.

Das Grauen vor diesem Krieg selbst, denn obwohl er angeblich so präzise ist in der Programmierung seiner Ziele, sind doch jedesmal Kinder und Unschuldige unter seinen Opfern.

Das Grauen vor der Hamas, die mit vielfachen Provokationen und dem Abschießen schwacher Raketen, die nur geringen Schaden anrichten, einen Waffenstillstand gebrochen hat.

Sie wusste, dass dies einen furchtbaren Gegenschlag auslösen würde, und hat doch keinerlei Vorkehrungen dagegen getroffen: Am gleichen Tag, an dem Israel seinen Angriff ankündigte, feierte eine Polizeischule der Hamas den Ausbildungsabschluss von 150 Polizisten. So wurde dem Gegner eine willkommene Zielscheibe geboten, die dieser nicht verfehlte; ein Raketenangriff tötete sechzig der einhundertfünfzig Absolventen.

Das Grauen vor Israel, das die lächerlichen palästinensischen Raketen zum Vorwand nimmt, um mit einer wütenden Strafexpedition zu antworten, und sich dabei auf unangemessene hochtechnologische Mittel verlegt, gegen einen Feind, der nur über archaische Mittel verfügt. Ich sage bewusst lächerliche, schwache, archaische Raketen, die nur geringen Schaden anrichten, denn es genügt ein Blick in die Statistik, um dies zu bestätigen: In den letzten Jahren haben Tausende der von der Hamas abgeschossenen Raketen nur einen Toten und etwa zwanzig Verletzte gefordert. Ich selbst bin offenbar von diesem Grauen angesteckt, wenn ich zu meiner Argumentation auch schon solche makabren Aufrechnungen heranziehe.

Das Grauen vor den Reden Nazrallahs, der Ägypten anprangert, weil es den Grenzübergang von Rafah nicht öffnet, was die Sinai-Halbinsel zu einem palästinensischen Unterschlupf machen und den Kriegsschauplatz ausweiten würde.

Das Grauen vor demselben Nazrallah in seiner Fernsehansprache zu Beginn der israelischen Bodenoperationen. Er forderte die Kämpfer der Hamas auf, möglichst viele der israelischen Soldaten zu töten, um so, nach seinen Worten, erneut einen "göttlichen Sieg" zu erringen, der ebenso zu einer Tatsache würde wie der bereits errungene, zu einem "göttlichen" erklärte "Sieg" in dem Krieg, der im Sommer 2006 den Libanon in Schutt und Asche legte.

Das Grauen vor Ägypten, das sich auf den Rechtsstatus beruft, um seine Untätigkeit zu verschleiern: Internationale Abkommen bestimmen in der Tat, dass der Grenzübergang in Rafah nur benutzt werden darf, wenn dies die palästinensischen Behörden gemeinsam mit Vertretern der EU kontrollieren, außerdem muss Israel seine Zustimmung geben. Aber die Hamas hat nach ihrem Putsch die palästinensischen Behörden aus Gaza vertrieben, was dazu führte, dass die EU ebenfalls ihre Vertreter abzog.

Das Grauen davor, wie manche arabische Staaten - darunter Ägypten, Saudi-Arabien, die Emirate - sich gegenseitig darin überbieten, medizinisches Personal nach Rafah zu schicken und sich dabei die palästinensischen Verwundeten geradzu wegschnappen, um ihre Ohnmacht zu kompensieren und sich am Ende doch noch ein gutes Gewissen zu sichern.

Das Grauen vor der schockierenden Fatwa selbsternannter Experten des islamischen Rechts, die dem ägyptischen Offizier, der von palästinensischen Kugeln getötet wurde, den Status des Märtyrers abspricht.

Das Grauen davor, wie Ägypten seinen entweihten Toten feiert, indem es seine Leiche in die Lumpen des Märtyrers kleidet.

Das Grauen vor der rückwärtsgewandten Debatte über den Begriff des shahid, des Märtyrers. Die gesamte arabische und islamische Welt nimmt an ihr teil, dabei handelt es sich um nichts anderes als um Tote und Verletzte in einem Krieg. Sie sind keine Gottgeweihten, sondern Opfer von Menschen, von erbärmlich unfähigen politischen Führern, die nicht einmal über die kleinsten Grundkenntnisse der Kriegstechnik und der Politik verfügen.

Das Grauen vor den arabischen Fernsehanstalten (ich denke insbesondere Al Dschazira), die selbstgefällig, in Großaufnahmen und mit Zooms die blutverschmierten, entstellten, entseelten Gesichter filmen, und deren morbide Montage nur dazu dienen soll, eine arabische Öffentlichkeit zu erregen, die in ihrer Identifikation mit den Palästinensern untröstlich ist.

Diese Medien weichen mit dem Rückgriff auf die emotionale Wirkung einer politischen und strategischen Analyse aus, die aufzeigen müsste, dass ein großer Teil des Übels der Hamas geschuldet ist: ihrem Putsch, ihrer Vermengung von Politik und Religion, ihrem Bestreben, sich als Sündenbock hinzustellen, der unfreiwilligen Theatralisierung ihrer militärischen und politischen Unfähigkeit, sowie der Gewissenlosigkeit, mit der sie ihre Kämpfer und ihre Bevölkerung dem Tod ausliefert. Dieser Tod soll, mit Hilfe des Märtyrerkults, die Legimität aufrecht erhalten, und wird so in ein Mittel zum Sieg verkehrt. Doch diese Inszenierung verdeckt den Horizont der modernen Politik, die auf Absprachen baut, um den Zwang in Grenzen zu halten, und auf Konzessionen, die eine Übereinkunft, wenn nicht gar eine Versöhnung, ermöglichen.

Das Grauen des Märtyrertums fand eine traurige Illustration in dem Entschluss des Hamasführers Nizar Rayan, mit seinen vier Frauen und sechs Kindern in seinem Haus zu bleiben, obwohl er wusste, dass sein Wohnsitz mit Hunderten anderen Zielen auf der Liste der Tsahal stand. Trotz der Warnung beschloss er, mit seiner gesamten Familie auszuharren, um gemeinsam mit den Seinen den Status des Märtyrers zu erlangen. Sein Haus ging dann durch eine der fürchterlichen Raketen hoch, die nach einer horizontalen Flugbahn in rechtem Winkel senkrecht auf das Ziel hinabstoßen und sich über dreißig Meter tief in den Boden bohren, bevor sie explodieren und alles am avisierten Ort in die Luft jagen.

Das Grauen vor Mahmud Az-Zahhar, einem der militärischen Führer der Hamas, der für den dritten Tag der Bodenoffensive den Sieg im Straßenkampf versprach. Dieser Sieg, der nach seinen Worten "kommen wird mit der Erlaubnis Gottes" (bi-izhit-'llah), wird nicht eintreffen, denn der Gott, den er anruft, stellt sich nicht einfach so ein. Er wird sich genausowenig einfinden, wie er bei den schrecklichsten Desastern zugegen war, die jene, die an seine Gegenwart glauben, zu verwirren pflegen, welcher Religion sie auch anhängen. Sie sollten wissen, dass dieser Gott nicht mehr tun würde, als das, was Menschen tun. Und er wird sich wieder in seinem Fernbleiben offenbaren, damit jene, die ihn anbeten, sich an der Prüfung und dem Zweifel messen können, dem sie in der Inbrunst ihres Glaubens ausgesetzt sein werden...

Das Grauen vor dem Technik-Kult, in Entsprechung zum Märtyrerkult, den Zipi Livni illustriert, mit ihrem fast friedvollen Lächeln im Elysée-Palast neben Präsident Nicolas Sarkozy und ihrem Amtskollegen Bernard Kouchner. Das Lächeln politischer Weltläufigkeit, während Kinder und Frauen unter hochpräzisen Bomben sterben. Bei dieser Gelegenheit hat Frau Livni geäußert, die "humanitäre Feuerpause", die ihre Gastgeber vorgeschlagen hatten (und die inzwischen ausgerufen worden ist, Anm. d. Red.), sei gar nicht notwendig. Das Grauen, wieder vor Zipi Livni, die nach der Bodenoffensive ihrer Armee befand, es sei unmöglich, zivile Opfer zu vermeiden, da die Kämpfer der Hamas sich inmitten der Bevölkerung bewegten.

Dieses Grauen steigert noch jenes vor der Hamas und ihrer Strategie, die Bevölkerung als Geisel zu nehmen, was im Zusammenhang mit dem Djihad, dem heiligen Krieg, auf den sie sich beziehen, "ein menschliches Schutzschild" genannt wird.

Das Grauen wird auch durch die israelische Presse nicht gemindert, die im voraus die Wirkungslosigkeit dieses Krieges kritisiert, den sie bereits mit dem Libanonkrieg gegen die Hisbollah vergleicht. Einige Chronisten sind wirklich der Meinung, dass das Ziel des Krieges (die Auslöschung oder zumindest die Schwächung der Hamas) nicht erreicht werden wird. Tatsächlich verlangte die Niederlage der Hamas einen ganz anders gearteten Krieg, nämlich den Krieg der Ideen und der ideologischen Auseinandersetzung, der leider kaum begonnen und noch lange nicht gewonnen ist.

Das Grauen vor der tschechischen Erklärung, die im Namen der Europäischen Union abgegeben wurde, und die behauptete, Israel könne sich auf das Recht der Selbstverteidigung berufen, was es von jedem Kriegsverbrechen reinwaschen würde.

Das Grauen, das auf das Konto von George W. Bush geht (vielleicht das letzte, das er auf sein Doppelmandat von acht Jahren geladen hat), da er die Operationen mit "Schutzmaßnahmen" in Verbindung brachte und damit Israel von jedem Verdacht ausnahm.

Die Ereignisse in Gaza lassen den Schrei von Kurtz wiederaufleben, eine Kreatur, die Joseph Conrad schuf. Mit dem Schrei lässt er seinen Roman " Herz der Finsternis" enden: "Horror! Horror!"

Es ist offenkundig, von der Kolonialzeit bis zur Globalisierung, vom 19. bis zum 21. Jahrhundert, dessen erstes Jahrzehnt wir bald beenden, ist es immer dieser Horror, den die Menschen miteinander teilen. Obszön ist die Zurschaustellung des Grauens, mit dem Thanatos gekrönt und Eros abgesetzt wird; die dem Todesprinzip den Vorzug gibt und das Lebensprinzip in den Hintergrund drängt, die den Verzicht und die Zurückhaltung als Bedingungen für Zivilisation ausschaltet, um das Heraufziehen der instinktgeleiteten Barbarei zu beschleunigen, die mit dem Primat, den sie der Gewalt einräumt, Tod sät und bevölkerte Gegenden in Friedhöfe verwandelt und in Ruinen.

Übersetzung: Beate Thill

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