Selten wird dem sich sonst so kühl gebenden Hamburger so warm ums Herz, wie wenn er mit dem Zug die Elbbrücken überquert und er nun langsam in einem weiten Bogen auf seine Stadt zu fährt: In aller Breite liegt ihm die Stadt zu Füßen, die Silhouette mit den Hafenkränen, den Kirchtürmen und dem Fernsehturm formt ein ergreifendes Bild, bevor der Zug noch einmal Fahrt aufnimmt und mit Schwung in den Hauptbahnhof einfährt.
Es könnte jedoch sein, dass demnächst der Blick aus dem Zugfenster nicht mehr ganz so unbeschwert ausfällt. Denn langsam rückt ein Ort ins Bewusstsein der Hanseaten, der sich einst in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofs und damit des Innenstadtkerns erstreckte: das Gelände des ehemaligen Hannoverschen Bahnhofs mit seinen Gleisen, lange Hamburgs zentraler Güterbahnhof.
Von hier aus wurden ab Mai 1940 bis zum Februar 1945 in 20 Transporten 7692 namentlich bekannte Juden sowie Sinti und Roma aus Hamburg in die Ghettos, KZs und Vernichtungslager von Lodz, Minsk, Riga, Theresienstadt und Auschwitz deportiert. Nur wenige hundert Menschen haben das überlebt.
Als 1955 das Hauptportal des im Krieg beschädigten Bahnhofs abgerissen wird, schildert die Hamburger Tagespresse dies allein aus Sicht des Sprengmeisters und berührt mit keinem Wort die Deportationsgeschichte des Ortes. Auch in den folgenden Jahrzehnten tut man alles, um sich letzter Spuren zu entledigen. Bis heute ist man geneigt, entschuldigend zu erklären, das Gelände sei Teil des Freihafens gewesen, daher abgesperrtes Gebiet, trotz guten Willens nicht erreichbar und somit wie von selbst und vor allem ohne Zutun der Hamburger in Vergessenheit geraten - tatsächlich ist der Ort immer zugänglich gewesen.
Erst als im Laufe der 90er Jahre mit der Alltagsforschung der Blick immer stärker auf das Lokale gelenkt wird und als zweites Thema sich zunehmend die Frage nach den Gründen und Mechanismen der Verleugnung des Holocaust als eine eigenständige stellt, rückt der Deportationsort langsam wieder ins Erinnerungsfeld. Es dauert noch ein wenig, dann stellt man hastig wenigstens eine Gedenktafel auf: 2005.
Das nun mit vergleichsweise hanseatischem Eiltempo das einstige Bahnhofsgelände in einen Gedenkort umgewandelt werden soll, liegt jedoch nur bedingt am Druck der wenigen Überlebenden, ihrer Angehörigen und Verbände sowie historisch Interessierter.
Vielmehr ist diese Entwicklung der Hafencity zu verdanken, in dessen drittem und letztem Bauabschnitt der Ort nun mal liegt: Überraschend offensiv hat sich die zuständige HafenCity GmbH der Thematisierung des Ortes angenommen - dabei dürften nicht zuletzt die Erfahrungen in Hamburg-Altona auf den Grundfesten eines ehemaligen jüdischen Friedhof ein Einkaufszentrum zu errichten, was weltweite Proteste bescherte, für eine diesmal weitschauende und vorbeugende Bebauungspolitik gesorgt haben.
Im Detail soll das ehemalige Bahngelände in einen Gedenkpark umgewandelt werden, was sich aber aufgrund langfristiger Mietverträge mit örtlichen Speditionen auf 2017/18 verzögert. Zuvor wird ab 2012/2013 am Rande des Platzes ein Dokumentationshaus eingerichtet werden - es wäre bundesweit das erste an einem Deportationsort. Derzeit bereitet eine Ausstellung die noch weitgehend ahnungslosen Hamburger auf diese Entwicklung vor - es ist die erste überhaupt in der Stadt, die sich dem Schicksal seiner einstigen deportierten Bürger widmet.
Mit besonderem Wohlwollen wurde auch registriert, dass gerade die Verantwortlichen der HafenCity dafür gesorgt haben, dass an den aktuellen und den kommenden Feinplanungen für Park und Haus die Vertreter der Jüdischen Gemeinde, des Auschwitzkomitees, aber auch der Roma und Sinti Union (RCU) beteiligt sind.
Doch sind noch einige Fragen offen: Wie deutlich und wie konfrontativ in seiner Aussage wird der Park letztlich ausfallen, der zu einem Areal gehört, in dem sich die hanseatische Oberschicht städtebaulich neu zu erfinden sucht? Was ist mit anderen Orten, deren Geschichte(n) nun nach und nach auch einer breiteren Öffentlichkeit vertraut werden dürfte: Etwa das ebenfalls zur HafenCity gehörende Gelände des einstigen Frachtschuppens C., in dem damals die Sinti und Roma in Erwartung der Deportationszüge tagelang eingesperrt und drangsaliert wurden, oder das das bei den Hamburger so beliebte alsternahe Kaufhaus Alsterhaus' Waren im Ghetto von Lodz produzieren ließ. Und wird das künftige Dokumentationszentrum finanziell und personell gut genug ausgestattet sein, um fundiert arbeiten zu können?
Dass Hamburgs Kultursenatorin Karin von Welck als eine Befürworterin des künftigen Gedenkortes gerade den Kahlschlag ihrer Vorgängerin Dana Horáková unter den Hamburger Geschichtswerkstätten höchstens abgemildert, aber keinesfalls rückgängig gemacht hat, ist in der Hamburger Historikerszene, ihren Unterstützern, aber auch bei den wenigen Überlebenden und ihren Angehörigen nicht vergessen.
Kunsthaus Hamburg: bis zum
26. April im Kunsthaus Hamburg.
Zur Ausstellung ist im Metropol Verlag ein Katalog erschienen.
www.deportationsausstellung.
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