Glaubt man der Bibel, so wäre eigentlich verflucht, wer das palästinensische Handelszentrum Jericho nach dessen Zerstörung durch die Israeliten noch einmal aufbaute. In der ostdeutschen Prignitz aber steht noch heute ein Jerichow, und gebaut wird dort sicher eine ganze Menge.
"Auch wenn es nur einen Supermarkt gibt in diesen Orten im Osten mit der hohen Arbeitslosigkeit", erklärte Regisseur Christian Petzold am Wochenende bei einer Vorpremiere in Köln, "dann gibt es doch fast immer einen Baumarkt. Die Leute bauen dann eben einen zweiten Wintergarten an den ersten."
Hier hat sich der Türke Ali in Petzolds Geschichte mit harter Arbeit eine einsame Heimat erworben - nebst einer Frau, die er, wie er selbst am Ende beklagen wird, für Geld gekauft hat (sie ist als Ex-Straftäterin hoch verschuldet). "Es sind die Männer, die dieses Heimat-Building betreiben", so Petzold. "Dafür brauchen sie das Geld und die Frau."
Den vier offiziellen Filmversionen von James M. Cains klassischer Dreiecksgeschichte "Wenn der Postmann zweimal klingelt" hat der Berliner Filmemacher eine inoffizielle hinzugestellt. Kein Copyright-Wächter wird Einspruch erheben: Jede Wirtschaftskrise, die etwas auf sich hält, braucht ihre eigene Version des zeitlosen Krimis um das Dreieck Neid, Lust und Gier.
Benno Fürmann spielt den in seinem Gemüt eher kindlichen Angestellten eines türkischen Imbissbuden-Unternehmers. Ein Blickkontakt reicht ihm, um eine fatale Affäre mit dessen von Nina Hoss gespielter, attraktiver Ehefrau zu entfachen, die in einen Mordkomplott münden wird.
Mehr als dieser Plot, gewiss um etliche Jahrtausende älter als Tay Garnetts Hollywoodfilm von 1946, interessiert Petzold der wirtschaftliche Aspekt. Doch die drei Figuren sind Funktionsträger, sie existieren nur als Repräsentanten der ihnen zugewiesenen Rollen. Sie könnten gar nicht anders handeln, weil sie die literarische Erfindung auf einige wenige Eigenschaften verkürzt.
Anders als die in Bezug auf die Abhängigkeitsverhältnisse einer globalisierten Wirtschaft vieldeutige Parabel, in der sie agieren, fehlt ihnen der Deutungs-Überschuss. Und anders als Lana Turner im "Postman" verfügt die darstellerisch famose Nina Hoss eben nicht über den unverhofften Glamour der Frau von nebenan. Sie wirkt so reizlos in ihrer Härte, dass man nicht versteht, was ihr Tauschwert innerhalb des hier gezeigten Wirtschaftssystem sein soll. Wie in "Yella" wirkt sie leblos wie ein Geist, sie ist eine Wiedergängerin, die - ebenso wie Benno Fürmanns Figur - auf ihr wirkliches Leben wartet.
Trailer "Jerichow"
In diesem Schwebezustand liegt allerdings eine suggestive Melancholie, die Petzold einmal in einer hinreißenden Inszenierung auflöst: Da erscheint Fürmann plötzlich wie ein zweiter Schatten schützend hinter seiner Geliebten.
Doch gerade weil Petzold virtuoser als je zuvor mit den Kinomitteln Licht und Bewegung arbeitet, treibt er seinen Bildern die sonst so befreiende Leere aus. Es scheint, als wollten die Bilder in den warmen Farben der "Blauen Stunde" ausmalen, was den Figuren manchmal fehlt.
Tatsächlich hat Petzold den elegantesten Film seiner Karriere gedreht. Aber Eleganz gehörte nie zu den Schönheiten seiner Arbeiten. Die fanden ihren Stil eher in der Verweigerung gegenüber jedem äußeren Ästhetizismus.
Jerichow, Regie: Christian Petzold. Mit Nina Hoss, Benno Fürmann, Hilmi Sözer. D 2008, 93 Minuten.
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