Das erscheint doch wohlfeil heutzutage, eine Plattitüde, oder etwa nicht? "Kultur für alle": 30 Jahre sind vergangen, seit der damalige Frankfurter Kulturdezernent und spätere Präsident des Goethe-Institutes, Hilmar Hoffmann, ein Buch unter diesem Titel veröffentlichte. Der Sozialdemokrat formulierte seinerzeit die zentrale Forderung, "möglichst jedem Menschen den organisatorischen Zugang zu und die rezeptive Teilnahme an den verschiedenen Formen der Kultur zu ermöglichen". Drei Jahrzehnte später fällt die Bilanz des bald 85-jährigen Hoffmann selbst ernüchternd aus: Er schätzt, dass etwa zehn Prozent der Bürger in Deutschland regelmäßige Teilnehmer am Kulturbetrieb sind, Museen, Opern- und Schauspielhäuser besuchen.
"Kultur aufs Neue" hat das Frankfurter Kulturforum der SPD, unterstützt vom Bundeskulturforum in Berlin, seine "Standortbestimmung" betitelt, 30 Jahre nach "Kultur für alle". Und Julian Nida-Rümelin, der frühere Staatsminister für Kultur, geht bei diesem Kongress in Frankfurt am Main "den Skandal der Ausschließung vieler" von der Kultur gleich frontal an. Den "puren Zynismus", dass humanistische Ideale "nur für fünf Prozent" der Bevölkerung gedacht seien. Neoliberalismus helfe da ebensowenig wie die Lehren von Marx und Engels. Nein, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie beruft sich auf die Stoiker: "Die Menschen haben die Fähigkeit, ein selbstbestimmtes Leben zu leben".
Und es bleibe nun mal "eine große staatliche Aufgabe", den "Künsten Freiraum zu geben jenseits der Verwertungszwänge". So fordert Nida-Rümelin einen "gigantischen Umbau des Bildungssystems in Richtung Ganztägigkeit". Aber wie realistisch ist das in einer Zeit, in der schon die Kommunen ihre Etats für Kultur zurückfahren müssen, in der Theater geschlossen, Orchester abgeschafft, Schwimmbäder verrammelt werden?
Die Praktiker von der Basis berichten Deprimierendes. "Die Immobilienpreise engen die kulturellen Freiräume ein - die werden verdrängt an die Stadtränder", weiß Ralf Förg vom Filmhaus Frankfurt. Kulturinitiativen müssten heute mehr denn je um ihre Autarkie und Autonomie kämpfen. Willy Praml, der sich seit Jahrzehnten als Theatermacher mit einer privaten Bühne behauptet, ruft zum Protest auf: "Wir brauchen eine neue Ästhetik des Widerstandes!" Beifall. Es gelte, "erst mal das zu zerstören, in dem wir leben". Praml, der in den 70er Jahren in Frankfurt das erste deutsche Lehrlingstheater organisiert hatte, ("Die haben den Schreibtisch von Oberbürgermeister Rudi Arndt angepinkelt"), begegnet auch der Sozialdemokratie mit Misstrauen: "Seid ihr eine Partei, die auch nur Geld verteilen will oder besinnt ihr euch auf euren humanistischen Auftrag?"
Der Medienpädagoge Franz Josef Röll sieht im Internet "eine neue Dimension der Kultur für alle": Kinder und Jugendliche könnten sich dort eigene kulturelle Freiräume schaffen. Doch er erntet heftigen Widerspruch. Die Jugendlichen müssten "sich bewusst werden, dass die Realität nicht in der medialen Vermittlung aufgeht", bekräftigt Nida-Rümelin unter Applaus.
30 Jahre nach der "Kultur für alle" sind die Reformer ernüchtert - und die Praktiker in einen zähen Abwehrkampf verwickelt. "Kein Eintritt für Museen", heißt Hilmar Hoffmanns Plädoyer heute. Die Ärztin Ezhar Cezairli, Sprecherin säkularer Muslime und Teilnehmerin der Islam-Konferenz, formuliert den Anspruch, "über die Kultur die Integration voranzutreiben". Das heißt dann für sie etwa ganz bescheiden, dass Muslime und Christen "gemeinsam Theater spielen". Aber selbst diese Initiativen hätten "Probleme, Räume zu finden".
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