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30. Oktober 2013

"Nok. Ein Ursprung afrikanischer Skulptur": Die andere nigerianische Kultur

Die Nok-Figuren gehören zur ältesten Figualkunst im subsaharischen Afrika.  Foto: Barbara Voss / Monika Heckner

Kein Wort über Öl. Keine breiten Männer in schwarzen Anzügen und mit Sonnenbrillen. Hier ist endlich einmal von einem anderen Nigeria die Rede. 1928 fand man an einem Ort namens Nok einen Terrakotta-Kopf - und eine Kultur. Das Frankfurter Liebieghaus stellt sie vor.

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Es gab einen britischen Archäologen, der Terrakotta-Arbeiten aus dem nigerianischen Nok sammelte, der die Arbeiter in den Zinnminen instruierte, die Stücke nicht wütend zu zerschlagen, wenn sie statt auf das kostbare Metall auf die hart gebrannten Grimassen stießen. Der Engländer Bernard Fagg (1915-1987) war lange der einzige Archäologe, der sich um die Stücke und die Fundstätten kümmerte.

Die Sammler aber rissen sich bald weltweit um die Stücke. Es tauchten immer mehr von ihnen auf. Weniger in Nigeria als in London, Paris und New York. Heute gibt es Nok-Figuren in allen großen Museen. Es gibt keine Galerie afrikanischer Kunst, die nicht auch Nok-Figuren anbietet. Ein vollständig erhaltener Krieger ging bei einer Auktion in Cannes vor ein paar Jahren für 89.000 Euro über den Tisch. Einen der lang gezogenen Köpfe bekommt man ab 30.000 Dollar. Da ist ein hübscher Markt entstanden, bei dem weitgehend die Nachfrage das Angebot erzeugt zu haben scheint.

Seit 2005 gräbt ein Archäologenteam der Frankfurter Universität unter der Leitung von Professor Peter Breunig in einem 15 mal 20 Kilometer großen Gebiet. Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützen Frankfurter Wissenschaftler suchen nicht nach weiteren Terracotta-Figuren. Sie erforschen den Lebensraum der afrikanischen Kultur, die diese Kunstwerke hervorgebracht hat. Die Archäologen interessieren sich mehr noch als für die im Rest der Welt Staunen erregenden Plastiken für die Eisenindustrie der Nok-Kultur. Es könnte sein, dass man es hier in der Mitte Afrikas mit der ältesten Eisenproduktion der Menschheit zu tun hat.

Die Nok-Kultur wurde zunächst auf die Zeit zwischen 500 vor und 200 nach Christi Geburt datiert. Inzwischen muss man, nach den Ergebnissen der Frankfurter Forscher davon ausgehen, dass sie von 1500 vor bis zur Zeitenwende blühte. Vor Ort geht ihr nichts Vergleichbares voran. Ihre Träger scheinen eingewandert zu sein. Möglicherweise flohen sie vor einer Versteppung der Sahelzone in den Süden. „Das sind alles Spekulationen“, erklärt Peter Breunig. Er weiß, wie wichtig Spekulationen sind. Aber für die Forschung. Das Publikum sollte man nicht damit belästigen.

Dabei fällt dem Publikum natürlich angesichts dieser Figuren kaum etwas anderes ein, als anzufangen zu spekulieren. Sie bringen einen auf Gedanken. Sie setzen Fantasien frei. Die schmalen Gesichter mit den riesigen Augen. Das sind Tote! Denkt der Betrachter und erinnert sich an die Ahnenkultfiguren, denen er überall in Afrika begegnet.

Tatsächlich scheint es in jeder Hütte mehrere von ihnen gegeben zu haben. Hütte? Ja, die Archäologen haben keine Paläste gefunden, keine Tempelanlagen. Eine schriftlose Kultur, von der sich nicht viel mehr als Geschirr, Steinbeile, Verhüttungsöfen für die Produktion von Eisen, gerade mal eine Handvoll Objekte aus Eisen und eben die berühmten Nok-Terrakotta-Figuren erhalten haben.

Wie soll man aus so wenig zum Beispiel schließen auf die Gesellschaftsform? Auf soziale Gefälle, das Verhältnis der Geschlechter oder gar auf religiöse, weltanschauliche Vorstellungen? Ein eher aussichtsloses Unternehmen, es sei denn, man überlässt sich ganz der Fantasie.

Die begleitet die Wiederentdeckung der Nok-Kultur von Anfang an. Bernard Fagg erzählt, dass ihm ein Minenarbeiter eine Terrakotta-Figur gezeigt hatte. Sie sei seit Generationen im Besitz der Familie, werde als Glücksbringer verehrt und habe einen Ehrenplatz zusammen mit anderen Figuren vor der Hütte. Später stellte sich heraus, dass der „Besitzer“ der Figur sie nur ein paar Monate zuvor tatsächlich vor seine Hütte gestellt hatte, weil er hoffte, sie würde auf die Bewohner der Siedlung großen Eindruck machen und so würde er vielleicht deren Chief werden können.

Als das nicht funktionierte, versuchte er, sie Bernard Fagg zu verkaufen. Was Fagg erzählt, erinnert sehr an manche aufklärerische Erklärung zur Entstehung von Religion. Denn hätte es geklappt, wäre in der Mitte des 20. Jahrhunderts in Nigeria womöglich ein lokaler Nok-Kult entstanden. Aus politischem Geltungsdrang.

Die Ausstellung im Liebieghaus zeigt – von der Abteilung Fälschungen abgesehen – nur Dinge, die in den vergangenen acht Jahren von dem Team um Peter Breunig ausgegraben wurden. Jedes der Stücke hier ist echt, und jedes Stück ist legal. Schon das macht die Ausstellung einzigartig. In Zukunft wird man von der Frankfurter Ausstellung aus auf die Nok-Arbeiten blicken müssen.

Da ergibt sich schon einmal eines sehr klar: Eine unbeschädigte Nok-Figur ist keine. Ihre Zerstörung war Teil des Verwendungszwecks der Figuren. Die Archäologen haben Gruben mit Hunderten von Bruchstücken gefunden. Selbst wenn man alle Stücke zusammensetzte, blieben Lücken. Die Figuren waren bewusst zerstört, und es war dafür gesorgt worden, dass man sie nicht wieder zusammensetzen konnte. Sie sollten wohl nicht wiederbelebt werden können.

Der sich seinen Spekulationen gerne überlassende Betrachter kommt möglicherweise zu dem Schluss, dass entweder die Ahnenbilder eines ganzen Clans von einem anderen Clan vernichtet wurden oder aber, dass wir es mit Clans zu tun haben, die womöglich in regelmäßigen Abständen eine Götterdämmerung feierten und sich von ihren Ahnen befreiten. Schließlich wird bei uns auch das Geschirr zerbrochen, wenn die Tochter ihre Familie verlässt und durch ihre Heirat eine neue Epoche beginnt.

Im Liebieghaus steht die Nok-Terrakotta zwischen den antiken Sammlungsstücken. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als zu vergleichen. Wir merken bald, dass es keine Anknüpfungspunkte gibt. Sie stellen allerdings auch keine Gegenpositionen dar. Das macht die Zusammenstellung dann doch eher unergiebig.

Ausgrabung in Nigeria. - Die Ausstellung im Frankfurter Liebieghaus ist bis zum Februar 2014 zu sehen.  Foto: Barbara Voss / Monika Heckner

Bis der Betrachter sich daran erinnert, dass Linnaeus einmal schätzte es gäbe wohl 10.000 Pflanzenarten. Inzwischen sind 310.000 erfasst worden und es wird damit gerechnet, dass man auf etwa 350 000 kommen wird. Zu Linnaeus’ Zeiten dachte man sich die Weltgeschichte als die Geschichte von nicht einmal einem Dutzend Kulturen, die diesen Namen verdienten. Von Sumerern, Hethitern, von der Induskultur hatte Linnaeus nie etwas gehört. Von der Nok-Kultur wissen wir erst seit nicht einmal einhundert Jahren.

Was liegt alles noch unbekannt allein zwischen Ägypten und Nigeria? Was zwischen Theben und dem Kap der Guten Hoffnung. Wir blicken von der Athena des Myron auf einen Nok-Kopf, und mit einem Mal wird uns deutlich, wie klein die Welt war, in der wir aufwuchsen. Es war eine Welt, die führte von den Pyramiden über die Bibliothek von Alexandria, über Sumer und Akkad nach Phönizien weiter nach Griechenland und Rom.

Weit, weit weg lag schon Persien und fast unbekannt Indien. China schien eine andere Welt. Afrika gab es nicht. Amerika wurde interessant erst durch die europäische Besiedlung. Wir sprachen vom Zeitalter der Entdeckungen. Dabei waren alle Flecken dieser Erde längst entdeckt. Nur eben nicht von den Europäern. Geschichte gab es erst, wenn sie ankamen.

Heute leben wir in einer Welt. Die Schönheit der Athena ist uns nicht wirklich näher als die langestreckte, pferdeähnliche Eleganz der Nok-Köpfe. Wir haben uns an der Glätte der Antike und ihrer Verarbeitung in der unendlichen Folge von europäischen Klassizismen sattgesehen. Wir begehren neue Reize. Da kommen uns ganz alte gerade recht.

Während wir durch die Nok-Ausstellung gehen und sie als Fenster in die Vergangenheit betrachten, nutzen womöglich Künstler sie dazu, das Kunstwerk der Zukunft zu schaffen. Ein Werk, das uns unseren Tod und den derer, die wir lieben, zeigt, das am Ende aber dem Tod keine Macht einräumt und die Kunst, die ihn beschwört, zerstört.

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