Wenige Tage, ehe Sigmund Freud am 4. Juni 1938 nach London emigrieren musste, fotografierte Edmund Engelmann - nicht ohne Gefahren für sich selbst - die Wohnung in der Wiener Berggasse. Das Guckloch in der Eingangstür, das Türschild des "Prof. Dr. Freud", die berühmte Couch (mit einem weißen Kopfkissen darauf), Schreibtisch und Stuhl. Viele Jahre später bekam der US-amerikanische Künstler Robert Longo ein Buch mit diesen stillen, sorgsamen Aufnahmen geschenkt, noch einige Jahre später, im Jahr 2000, entstanden die Kohlezeichnungen seines "The Freud Cycle". Die er wiederum abfotografierte und als digitale Pigmentdrucke auflegte.
Vom Verschwinden und von drohender - oder auch: bereits vergangener - Gewalt handeln viele Werke des 1953 in New York geborenen bildenden Künstlers. Es gibt von ihm dramatische, spektakuläre Bilder von Atombomben. "Bodyhammer" heißt ein anderer seiner Zyklen, es sind Graphit-und-Kohle-Zeichnungen von Handfeuerwaffen, "Superheroes" ein weiterer: Fotografien, die unter anderem einen furchtbar muskelbepackten Ninja zeigen oder einen "arktischen" Batman.
Das "Art Foyer" der DZ-Bank in Frankfurt, dessen Ausstellungen überwiegend mit Werken aus der bankeigenen, beachtlichen Foto-Sammlung bestritten werden (von der ein Teil ans Städel ging), eröffnete jetzt neu. In größeren, schöneren Räumen und mit Robert-Longo-Arbeiten aus drei seiner Werkzyklen: "Freud", "Monsters (Waves)" und "Men in the Cities". Luminita Sabau, Leiterin der Kunstsammlung der DZ-Bank, möchte diese erste Ausstellung in den neuen Räumen als programmatisch verstanden wissen. Dafür, wie unser Sehen von Massenmedien beeinflusst ist. Und wie wir das Fragmentarische - nicht zuletzt wegen eben dieser modernen Bildästhetik - gewöhnt sind, es automatisch ergänzen.
Robert Longos Bilder sind in der Tat fast immer ein Konzentrat, sie zoomen auf ein Detail oder auf die geballte Kraft eines Moments. Die Freud'sche Wohnung, wie sie Engelmann dokumentierte, hat er weiter reduziert: Von der Tür mit dem Guckloch ist nur noch ein leuchtender, metallspiegelnder Kreis auf schwarzem Grund geblieben, von der Couch mit dem Kopfkissen nur noch das weiße Quadrat des Kissens. Erst unser Wissen um Freud lässt die Couch entstehen, sie wird dazu geliefert durch unsere Hinter-Gedanken.
"Of Men and Monsters" ist die Ausstellung im Art Foyer betitelt: Alle drei Zyklen handeln sowohl von Menschen als auch von Monstern - gerade weil Personen in ihnen so eklatant abwesend sind. Aber man weiß um die Nazimonster in der Freud'schen Wohnung. Um den alten Mann, dem sie lange vertraute Lebenshülle war. Um die Surfer, die vielleicht schon unter den (ebenfalls nach Fotografien gezeichneten) Monsterwellen begraben sind - die "Dragon's Head" heißen, "Götterdämmerung" oder "Godzilla". Longo hat sie so auf ihren Furor reduziert (und das im Großformat), dass man glaubt, ihr ominöses Fauchen und Brüllen zu hören.
Vielleicht noch ein wenig fieser ist die Foto-Serie "Men in the Cities". Darin stehen Männer und Frauen, jeweils einzeln, auf Dächern und sind in Bewegungen festgefroren, die sich auf zweierlei Art deuten lassen: Diese Personen tanzen ekstatisch oder - sie werden gerade von einer Kugel getroffen. Da entscheiden wir dann plötzlich über Leben und Tod.
Art Foyer, DZ-Bank, Frankfurt: bis 9. Mai. www.dzbank.de
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