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31. März 2012

"Only revolutions": Ich bin die Anarchie

 Von Dirk Pilz
Mark Z.Danielewski:Only Revolutions. Übersetzt von Gerhard Falkner und Nora Matocza. Klett Cotta, Stuttgart 2012, 360 S., 24,95 Euro  

Einstürzende Sinnbauten: Mark Z. Danielewskis Todes- und Sexfuge „Only revolutions“.

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Dies ist eine Liebesgeschichte. Liebesgeschichten sind nie langweilig, weil lieben es nicht ist. Meist enden sie allerdings traurig, diese jedoch nicht, und wenn doch, dann erst am 19. Januar 2063, zweihundert Jahre nach ihrem Beginn. So eine schöne Liebe: zweihundert Jahre zweisame Irrsamkeit.

Kurz die Fakten: Es geht um Sam und Hailey, beide sechzehn, wild verliebt und unterwegs quer durch Amerika. Sie passen perfekt zueinander. Sam sagt: „Ich bin der Berg, von dem die Welt heruntersteigt.“; Hailey sagt: „Ich bin die Welt, von der der Berg heruntersteigt.“ Gute Voraussetzungen für ausgiebiges „Spalte vermösen, RundeumRunde“, wie Sam das nennt, immer hinein in eine „Raserei & Stampferei, wo die Begierden der Begierden Erstordnung übersteigen“, wie Hailey das empfindet. Soweit also alles prima.

Dann aber wird’s kompliziert, wie Liebesgeschichten eben sind. Zunächst formal. Denn „Only Revolutions“ des amerikanischen Experimentalschriftstellers Mark Z. Danielewski ist kein gewöhnliches Buch. Es gibt in ihm weder ein Oben noch ein Unten; es gibt auch kein Hinten und Vorn. Man kann es von beiden Seiten lesen. Einmal wird die Geschichte aus Sams, einmal aus Hailey Prespektive erzählt. In den Marginalspalten sind daneben historische Daten versammelt, teilweise fiktionale, teilweise authentische, meist nur lose mit der Hauptgeschichte verwoben.

Gegenläufige Erzählung

Diese wiederum wird von einer gegenläufigen Erzählung gekontert, die auf den Kopf gedruckt ist. Im Hailey-Teil ist hier eine weitere (kummersatte) Sam-Stimme vertreten, im Sam-Teil diejenige Haileys. Die einzelnen Segmente sind mit – wiederum gegenläufig geordneten – Jahreszahlen versehen, die den Zeitraum von 1863 bis 2063 umfassen. Zudem sind sie graphisch voneinander abgesetzt: Die Schrift wird größer bzw. kleiner bis sie sich in der Mitte des Buches auf einer Ebene treffen. Außerdem ist jede Null und jedes „o“ farblich abgesetzt; es sieht aus, als wären die Worte löchrig.

Der Verlag empfiehlt, nach jeweils acht Seiten zwischen Sam und Hailey zu wechseln. Das würde ich nicht empfehlen. Besser ist, man liest jeweils nur eine Seite. Denn die einzelnen Erzählstränge sind streng ineinander gespiegelt. Was für Sam zum Beispiel „Körpergedrechsel“ ist, erscheint für Hailey als „Gekraxel“, als „Unterseiteobenüber“. Man macht viele solche semantischen Entdeckungen, zumal dieses Buch (vielen Dank den beiden hervorragenden Übersetzern Gerhard Falkner und Nora Matocza!) sprachlich allerlei Schönheiten zu bieten hat, sinnenpralle Verben wie schlampumpen, leckknabbern, hexenkesseln und schlammschwallen zum Beispiel.

Und weil man bei der Lektüre immerfort damit beschäftigt ist, das Buch zu drehen und zu wenden, stellen sich für den Leser rasch jene grenzenlösende, horizontsprengenden Schwindelgefühle ein, die Sam & Hailey durch Amerika treiben lassen, übrigens in immer unterschiedlichen, der jeweilgen Zeit entsprechenden Autos (1967: Firebird 400, 1994: Chrysler Concorde).

Und je länger man, Runde um Runde, diesem ewig jungen Liebespaar auf dem Rücksitz hockt, desto tiefer gerät man in den Strudel dieses Romans. Die Worte beginnen zu tanzen, die Sinnzusammenhänge fransen aus, die Sätze rebellieren gegen die Syntax. Alles dreht sich: 360 Seiten hat dieses Buch, 360 Grad ist eine volle Kreisumdrehung, und der Titel „Only Revolutions“ meint keine politischen Umstürze, sondern die „revolutions per minute“, die Umdrehungen pro Minute, in denen die Abspielgeschwindigkeit von Schallplatten bemessen wird: ein Buch wie eine Jam-Session. Mark Z. Danielewski, Jahrgang 1966, gehört mit seiner avantgardistisch hochgetunten Literatur neben David Foster Wallace und Thomas Pynchon unbedingt in den Edelsteinpalast der Gegenwartsliteratur. „Only Revolutions“: ein verrückter, tolldreister, grellkomischer Gedichtroman.

Ich stille jeden Durst

Nicht nur allerdings. „Ich bin die Anarchie. Äxte und Aufstände“, auch das liest man hier. Für diese Figuren gilt: „Kein drunten drunter. Kein droben drüber.“ Das ist, einerseits, eine schöne Beschreibung für die grenzenlose Liebe, die grenzenlose Freiheit verspricht, und, andererseits, eine treffende Charakterisierung einer Liebe und einer Freiheit, die leer, unverbindlich bleibt, so himmel- wie höllenlos: Das Spiel mit den Formen und Schrifttypen, der Syntax, der Semantik ist keineswegs harmlos. „Only Revolutions“ ist Welt-, Liebes- und Höllengedicht zugleich, Todes- und Sexfuge. Alles zusammen, und doch alles getrennt. Dieser Roman treibt die Paradoxien auf die Spitze, bis sie ins Absurde kippen, er tummelt sich an den Rändern des Literarischen, ist so eigenwillig, verwirrend, sinnenzerstiebend wie die Liebe eben ist: „Ich stille jeden Durst. Nähre jedes Verlangen.“

Das ist, natürlich, auch eine Liebeserklärung an die Literatur selbst. Vor fünf Jahren erschien Danielewskis 800-seitiger Debüt-Roman „Das Haus“, ein formal und sprachlich noch anspruchsvolleres, wilderes Buch über das unmögliche Leben in einem Haus, das innen größer als außen ist. Ein echter Schocker voller Querverweise, Fußnoten und Fotos, das den Leser in ein Labyrinth führt, in dem man zu verschwinden droht. Das ist immer Danielewskis literarische Utopie: die Leser in die Literatur hineinverschwinden zu lassen. Er tut dies in einer Weise, die sich einerseits den verschiedensten Traditionen bedient (David Lynch und Heidegger, Dante und Derrida gehören zu seinen Hausheiligen) und andererseits aus der Zukunft zu kommen scheint. Sein Credo ist ein Satz Nietzsches: „Es ist die Zukunft, die unserem Heute die Regel gibt.“

Zugegeben, solche Literatur muss man mögen. Wer sie mag, wird „Only Revolutions“ lieben. Für alle anderen gilt, wozu Danielewski schon im „Haus“ ermunterte: „Wenn ihr was findet, was euch ärgert – blättert halt einfach drüberweg. Es ist mir völlig wurscht, wie ihr das ganze Zeug hier lest.“

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