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22. Januar 2013

„Positionen“-Festival: Frankfurt ist Science Fiction

„Der Römerberg ist ein gigantisches Set, Non-Plus-Ultra-Disneyland“, sagt der Künstler Mike Bouchet, rechts. Links: Städelschul-Rektor Nikolaus Hirsch.  Foto: Sascha Rheker

Das Frankfurter Positionen-Festival bringt die unterschiedlichsten Künstler zusammen. Wir haben mit zwei von den Machern, Mike Bouchet und Nikolaus Hirsch, über das Festival, das Thema Geld und den Marktplatz Frankfurt gesprochen.

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Die Positionen

Mike Bouchet, geboren 1970 in Castro Valley, Kalifornien, lebt seit 2004 in Frankfurt. Die Schirn Kunsthalle zeigte 2010 unter dem Titel „Neues Wohnen“ eine seiner Installationen.

Nikolaus Hirsch, Jahrgang 1964, Architekt und Kunsttheoretiker, ist seit Herbst 2010 Rektor der Städelschule.

Die Frankfurter Positionen finden alle zwei Jahre statt und dauern diesmal bis zum 10. Februar. In der Stadt sind, vom LAB über den Mousonturm bis zum Portikus, 19 neue, eigens für die Positionen in Auftrag gegebene Werke zu sehen oder zu hören.

„Currencies and Collectives“ ist am kommenden Samstag, 26. Januar, von 15 Uhr an für die Dauer von sieben Stunden im Frankfurt LAB, Schmidtstraße, geplant. Wissenschaftler, Architekten, Designer, Künstler sollen beitragen zu Fragen auch kultureller Stadtentwicklung in Gegenwart und Zukunft.

www.frankfurterpositionen.de

Die Frankfurter Positionen – das Festival für neue Werke, das am Freitag begonnen hat – bringen gern unterschiedliche Genres zusammen. Typisch dafür ist die Veranstaltung „Currencies and Collectives“, die am Samstag im Frankfurt LAB stattfindet. Schon die Liste der Beteiligten ist außergewöhnlich, darunter etwa der Soziologe Richard Sennett und die australische Lifestyle-Marke P.A.M. Wir sprachen mit dem Künstler Mike Bouchet, der gerade den Raum für die Veranstaltung baut. Der Kalifornier lebt seit Jahren in Frankfurt. Außerdem dabei war Nikolaus Hirsch, Rektor der Städelschule, Teilnehmer und gemeinsam mit Clémentine Deliss einer der Erfinder des Projekts.

„Currencies and Collectives“ heißt die Veranstaltung, für die Sie den Raum bauen. Eine solche Veranstaltung hat es, so weit ich sehen kann, noch nicht gegeben, halb Konferenz, halb Theater. Was meint der Titel?

Mike Bouchet: Zunächst: Ich mag an diesem Projekt seine Schichten, dass es mir erlaubt, die Dinge kompliziert zu machen. Ich mag Verwicklungen. „Currencies“ bedeutet für mich nicht nur Währung. Das Wort „current“, Strömung, klingt stark mit, vorbeiflutendes Material, wie ein Strom. Ich mag an Kunst, dass sie ein alternatives System von Currencies herstellt. Und darum geht es in dieser Arbeit. Ich mag die Idee des Austauschs, die verschiedenen einander sehr fremden Währungen, die es in unserer Gesellschaft gibt. Was ist das für eine Bedeutung, die wir einer Währung, einem Wert, einer Sache geben? Hier in Frankfurt schwingt natürlich auch die traditionelle Bedeutung „Währung“ stark mit. Ich bin ein großer Fan des riesigen Euro-Zeichens vor dem EZB-Gebäude, weltweit eine meiner Lieblingsskulpturen.

Wie das?

Bouchet: Es bringt die Sache auf den Punkt.

Sie meinen, es macht klar, worum es allen geht?

Bouchet: Nein, es zeigt einen Gedanken. Das Zeichen stellt einen Raum zum Filmen her. Es ist von einer PR-Agentur aufgestellt worden, damit man „Frankfurt“ filmen kann. Was mich auch bei unserem Projekt interessiert: einen Raum kreieren, um Dinge aufzuführen, die man filmen kann. Diese Filmräume etwa zeigen den Wert, den unsere Gesellschaften der Unterhaltung geben, auch eine „Currency“. Wenn man fragt, wer der größte Künstler unserer Zeit ist, werden viele Leute etwa Chuck Lorre sagen, der Erfinder von „Two and a Half Men“ und „Big Bang Theory“.

Die Geldwährung spielt also nicht die zentrale Rolle?

Nikolaus Hirsch: Nein, es geht gerade darum, unterschiedliche Währungen zu zeigen. Es gibt zum Beispiel auch symbolisches Kapital. Wir wollen Austausch auf den unterschiedlichsten Ebenen herstellen und fragen: Was verbindet diese scheinbar inkompatiblen ökonomischen, kulturellen, sozialen und politischen Währungen? Können wir wirklich zusammenkommen und über Dinge verhandeln? Gibt es ein gemeinsames Kollektiv oder unterschiedliche, kaum miteinander verbundene Kollektive? Diese Fragen versucht die Konferenz auch durch das experimentelle Format einer performativen Konferenz zu reflektieren.

Haben Sie schon eine Antwort?

Bouchet: Nein, das wollen wir ja herausfinden.

Was für einen Raum bauen Sie für die Veranstaltung?

Bouchet: Es wird ein Performanceraum mit ein paar Sets und mehreren Kamerateams. Da ist das sehr kosmopolitische Schlafzimmer...

... das bedeutet?

Bouchet: Sexy, urban..., so ein Manhattan-Loft. Dann das Büro eines Kunsthändlers. Ein Café. Ein Laden. Das Büro einer Galerie mit einer Art Viewing Room. Eine Talk-Show-Bühne.

Und die Besucher sind Zuschauer oder Teil der Veranstaltung?

Bouchet: Das Publikum ist das Publikum in einem Live-Studio.

Aber es kann sich frei bewegen?

Bouchet: Ja, Sie können sich ansehen, was Sie wollen. Ein offener Raum.

Hirsch: Es werden drei Ebenen miteinander verbunden. Erstens die simultan sichtbaren, aber nicht gleichzeitig bespielten Filmsets. Zweitens die chronologisch ablaufenden Vorträge verlaufen. Drittens die „social choreography“, die der Choreograf Richard Siegal mit Tänzern herstellen wird. Auch das Publikum wird choreografiert sein. Das führt zur Frage der Produktion: Was geschieht, wenn sich verschiedene Modelle der Produktion kreuzen? Wir hoffen, dass sich ein neues, kritisches Format ergibt.

Bouchet: Das ist es, was mir Vergnügen macht, was mich anzieht: Dinge zusammenbringen, die nicht von selbst zusammengehören, vor allem high und low. Und was mich dabei besonders anzieht sind Dinge, denen eine besondere Bedeutung gegeben wird. Meine Hoffnung ist, dass diese seriösen, ernsten Lesungen in den Sets eine neue Bedeutung annehmen, neuen Wert bekommen. Es ist dabei nicht der intellektuelle Standpunkt, der mich interessiert.

Hirsch: Für akademische Menschen ist das zunächst einmal eine Horrorvorstellung.

Bouchet: Und ich finde diesen Horror vor populärer Unterhaltung höchst interessant.

Haben Sie irgendwelche Meinungen zu den üblichen Konferenzen oder Redeformaten?

Bouchet: Meistens schlafe ich zunächst einmal ein. Es ist das Format, das langweilig ist, nicht der Inhalt. Das Format schließt die Leute aus. Das ändern wir hier, wir beziehen die Leute ein. Wenn in New York oder Los Angeles ein Zeichen steht, hier wird gefilmt, rennen die Leute dort hin. Sie wollen es sehen. Genauso wie sie Studiogäste sein wollen. Es ist ein wunderbares Theater, das da dauernd stattfindet. Ich mag das.

Die Mischung setzt voraus, dass die Konferenzteilnehmer ihren Part ganz ernst nehmen.

Bouchet: Ja. Und dazu gibt es mehrere Möglichkeiten, dass etwas anderes passieren kann als sonst.

Hirsch: Dieses Zusammenbringen, von dem Mike Bouchet spricht, ist das, worum es bei den Frankfurter Positionen überhaupt geht. Im Fall von „Currencies und Collectives“ ist die Frage nach dem kulturellen Ort des Gemeinsamen und des Austauschs besonders ausgeprägt.

Nimmt die Veranstaltung besonders auf Frankfurt Bezug?

Hirsch: Frankfurt ist ein Marktplatz, kein Regierungssitz. Es ist eine der Städte, in denen politische Macht nicht die Hauptrolle spielt. Es besteht aus der Idee von Austausch unterschiedlichsten Währungen, von Currencies wie Kunstobjekte, intellektuelle Debatten, soziale Codes und hartes Geld. Frankfurt ist transitorisch, eine Durchgangsstation. Es gibt hier die Messe, die Börse, den Flughafen. Das ist für mich eine besondere Qualität Frankfurts. Die Realität von Ökonomie ist uns hier viel näher als beispielsweise in Berlin. Insofern ist es kein Zufall, dass die Veranstaltung hier stattfindet. Die Frage von „Currencies and Collectives“ passt in die globale Stadt Frankfurt. Wir wollen fragen: Was ist die gemeinsame Währung der Leute, die hier sind, etwa von Künstlern und Bankern. Was verbindet sie? Auch in diesem Sinn finde ich Mike Bouchets Plädoyer für die Euro-Skulptur großartig.

Es soll ja beim Umzug der Europäischen Zentralbank entsorgt werden.

Bouchet: Wem gehört es eigentlich? Es wäre großartig, wenn man es bekommen könnte.

Sie stammen aus Kalifornien und haben in New York gelebt. Warum leben Sie nun in Frankfurt?

Bouchet: Meine Frau lebt hier. Der Fluss der Ideen hier ist sehr zeitgenössisch. Ich bin nah dran, ich kann viele Ausstellungen sehen. Man hat die Masse an Input zeitgenössischer Kunst. Außerdem bin ich Science-Fiction-Fan, und Frankfurt ist reine Science Fiction. Warum macht niemand einen Sci-Fi-Film hier?

Verglichen mit amerikanischen Städten ...

Bouchet: ... ist Frankfurt viel mehr Science Fiction, weil alles Fake ist. Der Römerberg ist ein gigantisches Set, Non-Plus-Ultra-Disneyland.

Hirsch: Die physische, bauliche Struktur von Los Angeles ist älter als jene von Frankfurt. Geht hier etwas kaputt, wird es häufig neohistoristisch rekonstruiert.

Bouchet: Die Gesellschaft ist hier ebenfalls Science Fiction. Sie hat etwas Fließendes, der Einfluss von Leuten, die kommen und gehen. Es ist sehr international. Die Stadt hat keine Schwere, keine Bunkermentalität. Ich mag das.

Hirsch: Das ist eine der interessanten Fragen, die wir auf der Konferenz stellen: Kann sich aus dieser offenen, aber zunehmend fragmentierten und transitorischen Gesellschaft eine neue zeitgenössische Identität ergeben? Eine Identität, die über die klassischen, meist aus dem 19. Jahrhundert stammenden Identitäts- und Kulturmodelle hinaus geht. Die Frage ist: Wie kann man die Leute, die kommen und nach zwei Jahren wieder gehen, trotzdem involvieren? Sind sie Teil von „Collectives“? Und wenn ja: Was ist ihre „Currency“?

Empfinden Sie sich als Teil der Frankfurter Gesellschaft, Herr Bouchet?

Bouchet: Ich bin involviert, ich mache Ausstellungen hier, und meine Kinder gehen hier in die Schule. Aber ein anderer Teil von mir ist nicht lokalisierbar, der ist überall. Da bin ich gespalten. Ich fühle mich zu Hause hier und könnte überall leben. Aber ich mag das hier.

Das Gespräch führte Peter Michalzik.

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