Jetzt reden wieder alle über das Wetter und die, so Ritchie Blackmore, "lausige" Nummer "Smoke On The Water". Bekanntlich erzählt das Lied von einem Casinobrand, der Rauch zog über den Genfer See.
Dazu passt, zumindest auf dem weiten Feld des Assoziativen, Gotthard, eine Band aus Lugano, die in der Schweiz ganz groß ist und zurzeit überall vor Deep Purple auftritt.
Auf der Bühne der Frankfurter Festhalle widerlegen die Tessiner jenen Kommentator, der ihnen nachsagte, sie seien "so echt wie Pamela Andersons Busen".
Aber was heißt schon echt, auch die Hauptattraktion des Abends ging aus einer Geschäftsidee hervor, um dann besonders authentisch zu wirken.
Schön, wenn einem die Mechanismen nicht so richtig klar zu sein scheinen und man sich so wahnsinnig echt vorkommt wie diese Freizeitrebellen vor mir.
In der aktuellen DP-Besetzung ergänzen sich Ian Gillan, Ian Paice, Roger Glover, Don Airey und Steve Morse. Gillan ist schon zweimal aus- und dreimal eingestiegen ins Bandgeschehen.
Lustig, das Gerede über seine Stimme, die ständig wiederholte Frage, kann er noch so hoch wie einst oder tut ihm längst alles weh? So könnte man sich auch über eine alternde Diva unterhalten.
Nur Paice war schon ganz am Anfang anno '68 dabei. Ein Zeitfenster öffnet sich zu "Highway Star", dem ersten Lied auf "Machine Head" von 1971, in der LP-Version (mit dem Hinweis auf "Monoabspielbarkeit" auf dem Cover - und der grafischen HörZu-Ecke) 6.05 Minuten lang.
In der prolligen Umgebung meiner Kindheit trug man den Kamm in einer Spezialtasche am ausgestellten Hosenbein. Deep Purple gut zu finden, war im Übrigen schon eine intellektuelle Ansage. Das aktuelle DP-Quintett ist prächtig beieinander, der zigfach ausgezeichnete, amerikanische Gitarrenpilot Morse spielt die Verkleidung von der Hallendecke, egal, was angesagt wird.
Manchmal steht er so allein und grandios da wie Jesus. Das habe ich mir gewünscht: mit 47 noch einmal einen 70er-Jahre-Jugend-Soundtrack vorgetragen zu bekommen.
Ich werde bestimmt nicht mitschreiben, das ganze verbrauchte Rockmusikbeschreibungsvokabular ist dem Ansturm der Altherrenriege eh nicht gewachsen.
"Smoke ...", erster B-Seitentitel von "Machine Head", folgt auf "Highway Star". Deep Purple rehabilitiert den Titel, ungeachtet der Hilflosigkeit eines Publikums, das auf etwas von zehntausend Tanzkapellen Verschlissenes reagiert.
In der Jetztzeit dieser Musik "war man dagegen" (Gillan), heute ist man besser dafür. Deep Purple ist schon lange Mittelstandsmusik. Die Geschäftsidee ist aufgegangen und generiert einen furiosen Mehrwert. Die alten Gefechte zwischen Orgel, Airey sitzt vor einer Hammond-B3 (mit Leslie-Lautsprechersystem), und Gitarre (ehedem Jon Lord vs Blackmore) wiederholen sich zum Schein.
Große Kessel
Ich vernehme "Space Truckin" und denke Kathedralensound. Deep Purple spielt ständig an einer Schnittstelle sakraler und säkularer Musik. Harmonie und Rhythmus begegnen sich am Bass. Da steht ein Verwitterter, Glover sieht aus wie ein vom Galgen geschnittener Pirat.
Paice hält mit einer Pearl 24 Bass Drum dagegen, er spielt mit großen Kesseln. Alle miteinander geben "Into the Fire" zum Besten, und "Strange Kind Of A Woman" und "Black Night" mit einem Hammerintro von Glover ... und zig Sachen, die ich nicht kenne, klassischer Einlagen inklusive. Ich, wir, alle hören Genies bei der Arbeit zu. (Die Reihenfolge der genannten Titel entspricht nicht der Playlist.)
Deep Purple auf Deutschland-Tour: Berlin 11. 11., Oberhausen 13.11., Karlsruhe 14.11., München 15.11., Bamberg 17.11.
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