König Arthur ist ein einsamer Recke. Gefolgt von seinem Diener Patsy, der wie im Monty-Python-Film von 1974 das Pferdegetrappel mit Hilfe zweier Kokosnuss-Hälften simuliert, sucht er den Heiligen Gral. Zunächst aber sucht er ein paar Freunde. Besonders wählerisch ist er nicht, eine Tafelrunde würde er wohl für jeden schmeißen: kaputte Typen wie den unbeirrten Lancelot, dem das Schwert locker sitzt, ohne dass er das bemerkt, oder Robin, der sein Herz wohl in der Hose trüge, wäre sie nicht schon voll. Nur Sir Galahad ist der richtige Mann am richtigen Platz: Als dauergewellter Poser und Womanizer mit schmetterndem Tenor repräsentiert er jene Welt, die Eric Idle, immer noch aktiver Textchef der längst aufgelösten Monty-Python-Truppe zu parodieren angetreten ist: die Welt des Musicals.
Oder, genauer gesagt, das, was seit Andrew Lloyd Webber daraus geworden ist: Dramatische Operetten, in denen selbst Tabaluga, Lili und das Saturday Night Fever nicht ohne Tremoli und Bühnendonner über die Rampe kommen. War die Gralssuche im Kultfilm "Die Ritter der Kokosnuss", dem das Bühnenstück in vielen Szenen wörtlich folgt, noch in 86 Minuten zu bewältigen, dauert sie im Kölner Musical Dome drei Stunden mit Pause. Schuld sind an die zwanzig neue Songs, die Idle mit John Du Prez zu Papier brachte.
Viele davon sind so hinreißend wie irgendetwas, das den Pythons zwischen dem "Flying Circus" und ihrem Abschiedsfilm "Der Sinn des Lebens" eingefallen ist. Allein die pseudo-folkloristische Eröffnungsnummer "Finnland", die nur auf Grund eines Hörfehlers gesungen und getanzt wird, denn der von Alfred Biolek verkörperte "Historiker" meint natürlich "England". Oder "The Song That Goes Like This", in deutscher Fassung "Das Lied, das jeder liebt": eine hemmungslose Parodie auf jene schmalzigen Duette, wie sie im Genre obligatorisch sind.
Schon am Anfang ist man überrascht, wie gut sich manche Lieder in das historische Gag-Manuskript integrieren ließen. Eine kurze Filmszene wie jene, in der ein Leichentransport von Pestopfern nur kurz von der Lebendigkeit seines Transportguts aufgehalten wird, wird durch eine perfekte Song-and-Dance-Nummer enorm gesteigert. Allerdings klingt das "Not yet dead" der steppenden Leiche, der ein Chor von Toten den würdigen Background liefert, auf Deutsch nur halb so lustig: "Noch nicht hin": Das lässt sich auch ganz allgemein über den Charakter von Karlheinz Freyniks Übersetzung sagen. Wenigstens ist den Witzen das Leben nicht ganz ausgetrieben.
Wie immer im Franchise-Geschäft des Musical-Imports wird die Originalinszenierung kopiert. So kommt man auch in Köln in den Genuss, eine Regiearbeit von Mike Nichols auf der Bühne zu erleben. Der Regisseur der "Reifeprüfung" betont das Timing in den Dialogen und einer wenig anspruchsvolle Choreographie. Dass er aufs Theatralische setzt, entfernt das Stück vom Film und hat diesen gerade dadurch besonders gut verstanden. Ließ Filmemacher Terry Gilliam seine Truppe im Schlamm echter Wälder baden, dann auch, um den Look des Actionkinos seiner Zeit zu parodieren. Nun ist das Objekt der Parodie die Bühne, und es gilt, ihre Konventionen erst einmal zu erobern, bevor man sie erdolcht.
Allerdings meinen es Idle und Du Prez dann doch zu gut mit dem zahlenden Musicalpublikum, um es völlig vor den Kopf zu stoßen. Wenn der Komponist den wackeren Lancelot in einer Song-and-Dance-Nummer als Homosexuellen outet, stiehlt er frech bei dem späten Zarah-Leander-Klassiker, "Er heißt Waldemar und hat blondes Haar. . .". Kalte Füße jedoch bekamen Idle und Nichols bei einer der schönsten Nummern des Originals: Zum Höhepunkt müssen die Ritter ein Musical im Musical aufführen, sehen sich dazu jedoch außerstande, weil ihnen die jüdischen Mitwirkenden fehlen: "We won't succeed on Broadway if we ain't got any Jews". Am Ende der Nummer, die eine Hommage an die Bedeutung jüdischer Künstler ist, senkt sich im Original ein gewaltiger Davidstern über die Bühne. Mike Nichols, der als Jude 1939 mit seinen Eltern vor den Nazis floh, scheute die mögliche Assoziation mit dem Holocaust und strich den Davidstern. Aus unerklärlichen Gründen wurde auch der Text umgeschrieben. In der deutschen Fassung ist allein vom fehlenden jüdischen Geld die Rede. Das immense Erbe jüdischer Broadwaykünstler jedoch aufs Finanzielle zu reduzieren, ist fatal und nicht witzig. Das Kölner Premierenpublikum sagte keinen Mucks und applaudierte erleichtert, als es ein philosemitischer Witz endlich aus seiner Anspannung befreite: Da bekennt sich Arthurs Diener nach langem Zögern zum Judentum: "Manches sagt man in Gegenwart schwerbewaffneter Christen besser nicht."
Zur längst vergessenen Glanzzeit des Broadway in den zwanziger bis vierziger Jahren waren lustige Musicals die Norm. Der letzte Überlebende dieser Zeit war George Burns, der 1996 hundertjährig starb. Sein Stammtisch mit den Marx Brothers, Al Jolsen, Danny Kaye und Edward G. Robinson muss der lustigste Ort der Welt gewesen sein. Burns hieß eigentlich Nathan Birnbaum. Es waren Juden, die den Broadway so witzig machten.
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