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25. September 2014

"The Loveliest Girl in the World": Verletzte Engel

 Von 
Mira Alanne: „Die Fotosession hat meine Vorstellung von innerer und äußerer Schönheit verändert.“

Die Finnin Miina Savolainen hilft traumatisierten Mädchen mit einem Fotografieprojekt, das Gefühl der Machtlosigkeit zu überwinden.

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Die Mädchen lernte Miina Savolainen vor 20 Jahren bei ihrer Arbeit in einem Kinderheim in der finnischen Hauptstadt Helsinki kennen. „Ihre Eltern hatten sie vernachlässigt und misshandelt. Oft steckten dahinter Akohol- und Drogenprobleme oder psychische Erkrankungen“, berichtet die Finnin. Sie ist gerade in Frankfurt zu Besuch wegen ihrer ersten Ausstellung in Deutschland mit dem Titel „The Loveliest Girl in the World – Maailman ihanin tyttö“. Anlässlich des finnischen Ehrengastauftritts während der Buchmesse haben das Kulturamt Frankfurt am Main, das Frauenreferat sowie der Verein Kunst in Frankfurt die Künstlerin eingeladen.

„Es ist schwierig, die Mädchen mit Worten zu heilen“, sagt Miina Savolainen, „denn häufig sind die Kinder auch sprachlich verletzt worden.“ Aus dem Wunsch heraus, diesen Mädchen zu helfen sich selbst zu lieben, begann sie schließlich die Heimkinder an Orten zu fotografieren, die sie selbst aussuchten. „Vor allem sie selbst sollten sich auf diesen Bildern als liebenswerte Geschöpfe sehen“, sagt die Fotografin, Kunst- und Sozialpädagogin. Zudem möchte Savolainen ihnen vermitteln, dass das, was mit ihnen passiert ist, nicht ihre Schuld ist.

Insbesondere die Rolle des Fotografen sei in diesem Prozess eine andere als sonst üblich: Denn die Mädchen werden nicht so gezeigt wie Außenstehende sie sehen, „sondern so, wie sie selbst gesehen werden wollen“. Die zuvor unbeachteten Kinder wurden dabei von Anfang an in die künstlerischen Prozesse einbezogen.

Die Mädchen tragen auf den Aufnahmen meist lange Kleider, manchmal auch Engelsflügel, und stehen verlassen in weiten, magischen Naturlandschaften. Sie sind umgeben von Schnee und zugefrorenen Wasserfällen, jahrhundertealten Bäumen, Seen, Felsen, Steinbrüchen. „Manche Betrachter müssen weinen, wenn sie die Bilder sehen“, erzählt Savolainen. Denn die Traurigkeit und Zerbrechlichkeit der Frauen sei an ihren Augen ablesbar.

Miina Savolainen, geboren 1974 in Finnlands Hauptstadt Helsinki, ist Fotografin und Sozialpädagogin.

In Finnland sorgte Savolainens Fotoprojekt für große Aufmerksamkeit, aber auch in Spanien, Italien, Ungarn, USA und Kanada sind die rund 120 ausgewählten Aufnahmen bereits ausgestellt worden. Und als nächstes soll es nach Peking gehen.

Doch die von ihr entwickelte therapeutische Methode der „empowering photography“ gibt Savolainen mittlerweile auch an andere Sozialarbeiter und Ärzte in Finnland weiter. Rund 3000 Teilnehmer habe sie bereits im Auftrag des Gesundheitsministerium oder von Universitäten geschult. „Es geht darum zuzuhören und sich in die Welt der Klienten zu begeben.“ Die Methode eigne sich auch, um die Machtkämpfe zwischen dem Helfer und seinem Klienten zu umgehen – „die häufig auftreten, wenn der Klient sich nicht so entwickelt, wie der Betreuer es will“, so Savolainen. Von professioneller Distanz, bei der Gefühle keinen Platz haben, hält sie dagegen wenig. Für Savolainen geht es um die Sichtbarmachung des Menschen in einer liebevollen und wertschätzenden Weise. „Diese Fähigkeit ist meiner Meinung nach übrigens das größte Geschenk, das eine Mutter ihrem Kind machen kann.“

Das Projekt mit den Mädchen, „die es nicht gewohnt sind, so viel Beachtung geschenkt zu bekommen und oft Angst hatten, fotografiert zu werden“, habe rund zehn Jahre gedauert. Savolainen ist mit den Mädchen mehr als 200 000 Kilometer gereist, um passende Orte zu finden, sie haben die Kleider gemeinsam ausgesucht und tausende Fotos geschossen. „Wir sind auf Bäume geklettert und haben sogar im Schneesturm oder bei minus 33 Grad Celsius draußen Aufnahmen gemacht“, berichtet die Fotografin, die eine enge Beziehung zu den mittlerweile erwachsenen Frauen aufgebaut hat. „Wir sind wie Schwestern.“

„The Loveliest Girl in the World“, Fotografieprojekt von Miina Savolainen und zehn Mädchen eines Kinderheims, Frankfurt, Ausstellungshalle 1A, Schulstraße 1, Eröffnung: 25. September um 19 Uhr, bis 19. Oktober, Di-Fr 14 bis 20 Uhr, Sa-So 14 bis 18 Uhr

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