kalaydo.de Anzeigen

"The Real American": McCarthy und die Droge Demokratie

Für amerikanische Demokraten ist McCarthy der Antichrist, der Stoff, aus dem Sarah Palin gemacht ist. Die Dokufiction „The Real American – Joe McCarthy“ zeigt Aufstieg und Fall eines großen Populisten

Joe McCarthy (John Sessions) und Jean Kerr (Justine Waddell) in einer Szene des Kinofilms.
Joe McCarthy (John Sessions) und Jean Kerr (Justine Waddell) in einer Szene des Kinofilms.
Foto: dpa

Wer kennt ihn nicht, den Joe McCarthy? Der Mann ist ein Mythos geworden, ein Schreckgespenst, eine Person, die hinter ihrem legendären Namen verschwunden ist. Für amerikanische Demokraten ist McCarthy der Antichrist, der Stoff, aus dem Sarah Palin gemacht ist.

In Deutschland bringt man den Senator aus Wisconsin gern in Verbindung mit dem in Wahrheit lange vor seiner Zeit gegründeten „Ausschuss für unamerikanische Umtriebe“ und hält ihn fälschlicherweise für den Mann, der Bert Brecht verfolgte und Charlie Chaplin.

McCarthys Zeit kam jedoch erst später; mit ihm verbindet man die Hetzjagd auf Kommunisten, die in den USA der frühen 1950er-Jahre zahllosen verfemten Bürgern die Existenz kostete, als Mao in China die Volksrepublik gründete und Chruschtschow die Atombombe zündete. Später wurde Joe McCarthy Namensgeber für jegliches Umschlagen der Demokratie in ein paranoides System der Bespitzelung und Verketzerung.

Jetzt holt eine Dokufiction von Lutz Hachmeister den Menschen McCarthy aus der Versenkung in den Mythos zurück. Man sieht einen sympathischen Farmersohn aus Appleton, Wisconsin, einen breitschultrigen, smarten Kerl, der Jura studiert hat, aber in seinem Habitus nie die Herkunft vom platten Land ablegen wird.

Einer, der sich mit seinen Freunden ins Wasser wirft, obwohl er gar nicht schwimmen kann, nur weil er nicht als Versager allein am Schwimmsteg zurückbleiben will. Ein geltungssüchtiger Mann, der gern im Mittelpunkt steht, und als Senator die Droge Populismus entdeckt.

Der Film verfolgt mittels zahlreicher Zeitzeugeninterviews die These, nicht politische Überzeugung, sondern die Eitelkeit habe McCarthy zum Kommunistenjäger gemacht. Gierig nach Applaus macht er sich zum Sprachrohr einer spezifischen american angst. McCarthy wusste genau, dass sich in der Furcht der Amerikaner vor den Kommunisten auch das Unbehagen gegenüber den Eierköpfen an der Ostküste ausdrückt, das Gefühl, von der herrschenden Schicht nicht vertreten, sondern betrogen zu werden.

„Es ist schön, aus Washington zurück und wieder zu Hause in Amerika zu sein“ – mit solchen Sprüchen schmeichelt McCarthy seinen patriotischen Wählern – und führt sie zugleich in die Irre, indem er soziale Gegensätze zum Kulturkampf um das Wesen des wahren Amerikas umbiegt. Seiner Partei, den Republikanern gefällt das, solange die Demokraten in Washington regieren. Aber schon bald werden sich die Verhältnisse umdrehen.

Stinkende Methoden

McCarthy steigert sich immer weiter hinein in seine Rolle als echter Amerikaner im Kampf gegen die fremden Herren im eigenen Land, die potentiell zum Landesverrat neigten. Im Fernsehen erzählt er, wie er als kleiner Bauernsohn die Hühner jagenden Stinktiere erledigte: „Ein Farmersohn lernt früh, dass die übelriechenden Aufgaben von den braven Jungs gemieden werden.“

Dieses Bekenntnis zu stinkenden Methoden ist verblüffenderweise nicht ohne Charme. Packend, wie er die Presse um den Finger wickelt, wie er Journalisten hemdsärmlig zum selbst zubereiteten Essen einlädt – wie gut seine raubeinige Herzlichkeit in einer Umgebung herüberkommt, die von der Steifheit der öffentlichen Sphäre ermüdet ist.

Die Kombination von zeitgenössischen TV-Aufnahmen und Spielszenen erzeugt ein dichtes 50er-Jahre-Gefühl; man spürt, wie das noch junge Fernsehen die Demokratie nervös umformt zum Marktplatz der Sympathien. Spielszenen und Dokumentarisches sind im Film gut verklammert. Dank Maskenbildnerei und Kostümausstattung geht der von John Sessions gespielte McCarthy gut, aber auch nicht allzu bruchlos in sein authentisches Vorbild über.

Hachmeisters Film räumt mit der Legende auf, es sei die liberale Presse gewesen, die McCarthy am Ende gestürzt habe. Tatsächlich zog Eisenhower selbst die Strippen, nachdem der inzwischen von niemandem mehr steuerbare McCarthy nicht nur die Regierung, sondern auch Armee und CIA der kommunistischen Unterwanderung verdächtigte.

Mit Hilfe der Presse griff die CIA zu den bei McCarthy gelernten Methoden und machte ihn zur Zielscheibe einer publikumswirksamen Kampagne. Die Abkehr der Gunst des Publikums vertrug er nicht. Der eigentlich trinkfeste Ire verfiel dem Alkohol völlig und starb 1957 mit 48 Jahren am Säuferleiden, der Leberzirrhose.

The Real American – Joe McCarthy Regie: Lutz Hachmeister, Kamera: Christopher Popp, Hajo Schomerus, Darsteller: John Sessions, Justine Waddell u. a.; 98 Minuten, Farbe. FSK ab 6.

Autor:  Harald Jähner
Datum:  12 | 1 | 2012
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Theatertreffen 2012
Der Ausnahmefall: „Borkman“ an der Volksbühne.

Alles rund ums bedeutendste deutsche Theaterfestival, das Theatertreffen vom 4.-21. Mai 2012 in Berlin.

Anzeige

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Medien
Das Fünf-Sterne-Hotel
Polen und Ukraine im TV 
Reinhard Mirmseker mit Manuela Wolf in der „Wernesgrüner Musikantenschenke“.
Korruption 
Twitter wird für den Erfolg von Kinofilmen immer wichtiger.
Soziale Netzwerke entscheiden über Kino-Erfolge 
Wie beliebt wir in den sozialen Netzwerken sind, hat immer mehr Auswirkungen auf das
Facebook, Twitter und Co. 
Theatertreffen

Video

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen


Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Meistgeklickt
Sängerin Loreen holt mit Euphoria den ESC nach Schweden und siegt in Baku.
Eurovision Song Contest in Baku 
Harry Nutt
Leitartikel zum Eurovision Song Contest 
Ermittler der Spurensicherung der Polizei durchsuchen in Kiel ein ehemaliges Trafohaus auf dem Gelände einer Kfz-Werkstatt.
Einsatz gegen Rockerbande 
 
 
 
 
 
 
 
 
World Press Photo
Das beste Pressefoto 2012: Eine jemenitische Frau hält einen verwundeten Verwandten in ihren Armen.

Beeindruckende Aufnahmen: FR-online.de präsentiert interaktiv die Pressefotos des Jahres.

Anzeige

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.

ANZEIGE
- Informationen finden, um die Main Metropole Frankfurt entdecken und erleben zu können.
- Fragen & Antworten
- Bei HOH finden Sie Hardware, Computer und aktuelle Software zu günstigen Preisen.
- Kauftipps!
Quiz
Dezember 2006.

Thomas Gottschalk hat sich bei "Wetten, dass..." verabschiedet. Er bewegt die TV-Nation. Testen Sie Ihr Wissen.