Als komplexeste Arbeit stellte sich der Videospaziergang "Departures" von plan b heraus. In seinem Verlauf wurden auf dem überdimensioniert wirkenden Flughafen subtil die Realitäten verschoben. Überrascht durch auf dem Monitor herumtollende Jugendgruppen löste man den Blick von dem Monitor, den man auf einem Gepäcktrolley vor sich her trieb, und stellte die in diesem Falle beruhigende die Differenz von Ereignisrealität und Filmrealität fest. Zu einem Ausflug in die nahe Zukunft gestaltete sich der Trip nach Kursdorf. Plan b stellte sich in dem Dorf einen Europa-Ereignispark für asiatische Reisende, bestückt mit arbeitslosen Anhaltinern, vor. Für die Gegenwart suggerierten sie, dass all die anwesenden Reisenden nur Kleindarsteller seien, die einen Flughafen simulierten.
Dem tatsächlichen Geheimnis des Flughafens sind hingegen Stefan Shankland und Erik Göngrich auf der Spur. In ihrer Lounge stellen sie das Logo der World Air aus. Die private Airline transportiert US-Militär und Waffen in alle Krisengebiete. Leipzig/Halle ist ein wichtiges Drehkreuz in Europa. Die Zahl der Transitpassagiere übersteige die des Flughafens Frankfurt/Main um das Dreifache, hat die Aktionsgemeinschaft "Flughafen NATO-Frei" herausgefunden. Da in Leipzig/Halle recht wenige zivile Passagiere umsteigen, muss von einem enormen Militärverkehr ausgegangen werden. Ein Bilderfries, das diese Aktivitäten auf dem alten Terminal A zum Thema hat, wurde von der Flughafendirektion verboten. Auch die Programmzeitschrift, die auf dieses Projekt hinweist, darf nicht verteilt werden.
Auf die Kontingenz von Wahrheit hatte auch das mit Spannung erwartete Fußballprojekt des Schweizers Massimo Furlan aufmerksam gemacht. 90 Minuten lang wiederholte der etwas füllige 43-jährige Konzeptkünstler den Auftritt des seinerzeit 26 Jahre jungen und austrainierten Ballkünstlers Jürgen Sparwasser. Der Magdeburger hatte während der WM 1974 für das sensationelle 1:0 der DDR gegen die favorisierte BRD gesorgt. Furlan hatte sich ein kratzendes blaues Wolltrikot mit DDR-Emblem und der Nummer 14 übergestreift und war im Halleschen Kurt-Wabbel-Stadion die Wege abgelaufen, die sein Vorgänger 34 Jahre zuvor im Hamburger Volksparkstadion - ein wenig schneller und explosiver freilich -zurück gelegt hatte.
Die Qualität von Furlans Darbietung lag allerdings nicht in seinem Laufpensum, auch nicht in seinem von Sparwasser als "korrekt kopiert" gewürdigtem Torerfolg begründet. Vielmehr hat sein Stück "22. Juni 1974, 21 Uhr 03" in den Köpfen der Besucher eine Zeitspanne ausgemessen. Verantwortlich dafür war ein doppelter Radiokommentar: Die Westfassung Heribert Fassbenders und der Ostkommentar von Wolfgang Hempel wiesen zwar viele Gemeinsamkeiten auf. Die Namen der ballführenden Spieler wurden zuweilen auf den Atemzug genau genannt. Auch Termini wie "Ecke", "Flanke", "Angriff" oder "Foul" fielen manchmal zu exakt dem selben Zeitpunkt. Doch häufig wurden die Aktionen in unterschiedlichem Maße verzögert geschildert. Während bei Fassbender die Flanke schon in der Luft war, setzte sich bei Hempel erst noch ein Spieler auf der Außenbahn durch. Wenn bei Hempel hingegen der Ball per Einwurf dem Spiel bereits wieder zurückgegeben war, hielt Fassbender sich noch bei der vorhergehenden Szene auf. Der Radiokommentar - und mit ihnen die geteilte Zuhörerschaft - war einer Wellenbewegung der Zeit ausgesetzt; mal näher dran am Ursprungsereignis, mal weiter weg.
Systemvorteile kristallisierten sich bei einmaligem Parallel-Hören nicht heraus. Auch fand der in späteren Publikationen vielbeschriebene Kalte Krieg zumindest in diesen 90 Radiominuten auf diesen beiden Kanälen nicht statt. Die Kommentare waren sachlich und bar jeder politischen Polemik. Unterschiedliche Realitäten wurden dennoch konstruiert. Gerade als ein heftiger Regenschauer über Halle hernieder ging, erwähnte der DDR-Kommentator "den Sonnenschein im Stadion" - und erinnerte damit an allfällige Beschönigungstendenzen in der real existierenden sozialistischen Medienwelt. Fassbender wiederum war ein echter Fehler unterlaufen. Er hatte die gelbe Karte, die Sparwasser in der ersten Halbzeit erhalten hatte, einem anderen Spieler zugeschrieben. Eine ganz klare Realitätsspaltung war am Ende der Übertragung zu konstatieren: Während im DDR-Rundfunk davon die Rede war, dass das gesamte Stadion die Mannschaft mit "Hoch solln sie leben" feierte, war auf der Westfrequenz jedes Wort verstummt und an dessen Stelle nur ein gellendes Pfeifkonzert zu vernehmen.
Des Kategorienunterschieds von Fußball und Theater wurde man angesichts der Auslastung des Stadions gewiss: Gerade einmal die Ehrentribüne des Viertligistenstadions vermochte "Theater der Welt" zu füllen.
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