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03. Mai 2010

"Topographie des Terrors": Aus der Mitte der Gesellschaft

Eine insgesamt 15-jährige Baugeschichte ist zu Ende gegangen: Das Gelände des Dokumentationszentrums "Topographie des Terrors". Foto: Axel Schmidt/ddp

Michael Wildt, Professor für Geschichte mit Schwerpunkt Nationalsozialismus im Gespräch mit der FR über die Entstehung des Dokumentationszentrums "Topographie des Terrors" in Berlin.

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Zur Person

Michael Wildt ist Professor für Deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts mit Schwerpunkt im Nationalsozialismus an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er veröffentlichte jüngst zusammen mit Frank Bajohr: Volksgemeinschaft. Neue Forschungen zur Gesellschaft des Nationalsozialismus, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2009.

Herr Wildt, die Geschichte der Ausstellung "Topographie des Terrors" ist älter und kaum weniger wechselvoll als die des Holocaust-Mahnmals. Was macht die Topographie zum besonderen Gedenkort?

Da sind vor allem zwei Punkte zu nennen. Der erste betrifft die Entstehung der Topographie des Terrors aus einer Bürgerinitiative heraus. Sie ist ja vor allem von dem Verein Aktives Museum forciert worden, der auf die Brache in der Stadt aufmerksam gemacht hat, die nicht zuletzt beim Berliner Senat als kostbares Immobilien-Filetstück galt. Mit einer damals spektakulären Spatenaktion wurde darauf hingewiesen, dass sich dort die Terrorzentrale des NS-Staates befand.

Michael Wildt ist Professor für Geschichte des 20. Jahrhunderts mit Schwerpunkt Nationalsozialismus.
Michael Wildt ist Professor für Geschichte des 20. Jahrhunderts mit Schwerpunkt Nationalsozialismus.
Foto: Axel Schmidt/ddp

Zweitens handelt es sich um einen der wenigen Orte des Tätergedenkens. In der Gedenkstättenlandschaft ist das nach wie vor ungewöhnlich. Auch wenn die KZ-Gedenkstätten mittlerweile stets auf die Täter eingehen, sind es selbstverständlich zunächst einmal Opfergedenkstätten. Sich aber auch der Täter zu erinnern, ist in einer Gesellschaft, in der es so viele Täter gab, schwierig. In dieser Hinsicht war die Topographie des Terrors immer auch eine Ausstellung des Anstoßes.

Mit der Fertigstellung der Topographie kommt in der bundesrepublikanischen Gedenkkultur ohne Zweifel etwas zum Abschluss. Teilen Sie die vielfach geäußerte Befürchtung einer Schlussstrichmentalität?

Nein, das teile ich schon aufgrund meiner Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit Studierenden nicht. Es gibt nach wie vor große Fragen zum Nationalsozialismus. Nehmen Sie das Beispiel der Umwandlung einer zivilen Gesellschaft in eine aggressive Volksgemeinschaft. Oder betrachten Sie die Kollaboration der Einheimischen in vielen besetzten Gebieten. Der Massenmord wäre ohne die Beteiligung von lettischen, französischen, ungarischen Polizisten und anderen gar nicht möglich gewesen. Die deutsche Herrschaft war nur durch die Mitarbeit vieler in den besetzten Ländern aufrechtzuerhalten.

Das wiederum wirft Fragen nach den Motiven dieser Zusammenarbeit auf. Welche Gründe gab es für Litauer, Ukrainer, Rumänen etc., sich zu beteiligen? Die Forschung dazu beginnt gerade erst. Und auch hinsichtlich des Gedenkens steht eine angemessene Repräsentation von Opfergruppen noch aus. Für die verfolgten und ermordeten psychisch kranken, behinderten Menschen oder Hunderttausende von Zwangssterilisierten gilt es, einen entsprechenden Ort der Erinnerung zu schaffen.

Im West-Berlin der sechziger und siebziger Jahre gab es so gut wie kein Bewusstsein dafür, dass die Nazi-Verbrechen aus der Mitte der Stadt heraus geplant worden waren. Auf dem Gelände gab es eine Übungsfläche für das Autofahren ohne Führerschein. Sehen so die Akte des Verdrängens aus?

Ja, so sehen sie wohl aus. Es gibt ja auch andernorts ähnliche Beispiele. In Hamburg war dort, wo sich die 1938 abgebrannte große Synagoge befand, lange ein Parkplatz. Der Fachschaftsrat Chemie der Hamburger Universität machte schließlich darauf aufmerksam, dass das ja wohl nicht die angemessene Darstellung des Ortes sein könne. Heute ist der Parkplatz verschwunden und ein dort eingelassenes Mosaik erinnert an den Standort der Synagoge.

Das Berliner Autodrom auf dem Topographiegelände hat so gesehen tatsächlich mit der Verdrängung der Tätergeschichte zu tun. Mitten in der Stadt heißt ja auch: mitten in der Gesellschaft. Die Täter waren ausgebildete Akademiker, promovierte Juristen, Historiker, Zeitungswissenschaftler usw., also Angehörige einer normalen bürgerlichen Elite, die die Verbrechen geplant und begangen haben. Es fiel nicht leicht, sich dieser Täter, eben mitten aus der Gesellschaft, zu erinnern.

Was später folgte, waren Irrwege des politischen Planens und Verwaltens und führte zum Abriss der bereits im Bau befindlichen Gebäudetürme des Architekten Zumthor. Das spricht auch nicht gerade für eine gelernte Lektion gedenkpolitischen Bewusstseins.

Ja, deshalb wäre es auch sehr schön, wenn die Entstehungsgeschichte der Topographie gleichfalls in der Ausstellung dargestellt würde. Denn diese Auseinandersetzung ist ja Teil der Erinnerungspolitik und des Umgangs mit dem Nationalsozialismus.

Sie haben sich in Ihren Arbeiten immer wieder mit den Tätern der nationalsozialistischen Verbrechen auseinandergesetzt. Wird in der Topographie des Terrors etwas sichtbar, was typisch für den NS war oder ist es mit den Planungszentralen anderer Gewaltherrschaften vergleichbar?

Ich finde wichtig, dass die NS-Gesellschaft dargestellt wird, nicht nur die Institutionen des Terrors, sondern die Beteiligung einer ganzen Gesellschaft, auf ganz unterschiedliche und vielerlei Weise, an den Verbrechen. Das Profitieren auch vieler kleiner Leute vom Raub jüdischen Vermögens bis hin zu dem Machtgefühl, das selbst Arbeiter haben konnten, wenn sie Zwangsarbeiter unter sich kommandieren konnten. Die Loyalität, die Bereitschaft mitzumachen von großen Teilen der deutschen Gesellschaft, die Volksgemeinschaft, ist noch kein Thema einer Ausstellung gewesen. Das fehlt in Berlin.

Die bundesrepublikanische Gedenkpolitik gilt inzwischen als internationales Vorbild für die Aufarbeitung historischer Desaster. Was lässt sich daraus lernen, was kann man besser machen?

Was die deutsche Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte geprägt hat, ist nicht zuletzt das Vergehen von Zeit. Die Aufarbeitung verlief keineswegs so vorbildlich, wie wir sie heute erinnern. Im Deutschen Bundestag sind beschämende Reden gehalten und scheußliche Bemerkungen über die Opfer gemacht worden. Diesbezüglich wird heute einiges verklärt. Wir haben einen langen und konfliktreichen Weg hinter uns, der den Verfolgten Anerkennung und Entschädigung gebracht und schließlich auch die Täter in Erinnerung gerufen hat. Deutschland ist somit weniger ein idealtypisches Vorbild als vielmehr ein lehrreiches Beispiel.

Die gedenkpolitische Debatte war zuletzt von der Auseinandersetzung um die Vertriebenenstiftung dominiert. Was bedeutet die Debatte für eine künftige gedenkpolitische Orientierung?

Die ganze Diskussion und die Dominanz des Bundes der Vertriebenen in der Stiftung zeigen den Rückfall in deutsche Begrenztheit. Der Aufbruch vor wenigen Jahren, die Vertreibungen und ethnischen Säuberungen im 20. Jahrhundert in einer europäischen Stiftung mit einer europäischen Perspektive aufzuarbeiten, sind mit dem jetzigen Modell vertan. Gerade angesichts der guten Noten, die Deutschland international für seine Aufarbeitung der NS-Vergangenheit bekommt, bedeutet dies einen fatalen Rückschritt.

Interview: Harry Nutt

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