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Historiker Evans zu „Das Amt“: „Viele Behauptungen greifen zu kurz“

Die Studie „Das Amt“ löst weiterhin Kontroversen aus – Der Historiker Richard J. Evans sagt im FR-Interview, dass die Autoren Akten des Auswärtigen Amtes "in möglichst negativer Weise interpretiert" hätten, ohne wichtige Sekundärliteratur zu berücksichtigen.

Gebäude des Auswärtigen Amtes, Wilhelmstraße 75/76, mit Hakenkreuz-Fahnen um 1935.
Gebäude des Auswärtigen Amtes, Wilhelmstraße 75/76, mit Hakenkreuz-Fahnen um 1935.
Foto: Bundesarchiv/Wikipedia/cc

Professor Evans, in einem Beitrag für die Zeitschrift „Neuere Politische Literatur“ haben Sie eine 20-seitige Rezension zu dem Buch „Das Amt“ verfasst. Ihr Resultat lautet: Das Buch ist zutiefst fehlerhaft. Wie begründen Sie Ihr Urteil?

In dem Buch „Das Amt“ werden wichtige Forschungsergebnisse aus der Sekundärliteratur nicht berücksichtigt. Das hat zur Folge, dass viele der Beiträge in ihren Behauptungen zu kurz greifen. Die für die Kapitel verantwortlichen Historiker haben in die Akten des Auswärtigen Amtes hineingesehen und sie dann in möglichst negativer Weise interpretiert, ohne die Ergebnisse der Forschung hierbei hinreichend zu berücksichtigen. So wird in der Entscheidung zur Vernichtung der europäischen Juden die Rolle des Außenamtes viel zu hoch eingestuft. Der Grund ist der, dass sie Hinweise in den Akten zur Beteiligung des Außenamtes gefunden haben, ohne sie entsprechend zu gewichten und mit der Rolle anderer Instanzen zu vergleichen. Dabei wurde all dies bereits sehr gründlich erforscht. Aber man blickt in die Fußnoten des Buches und sieht, dass diese Forschungen vielfach nicht zitiert werden.

Die vier Historiker Frei, Conze, Zimmermann und Hayes verteidigen sich, man habe ja ältere Arbeiten von Browning oder Döscher herangezogen. Außerdem sei „der“ Forschungsstand objektiv doch gar nicht definierbar.

Es geht hierbei nicht um den Forschungsstand zur Geschichte des Außenamtes an sich, sondern zum Beispiel um den weitergehenden Forschungsstand zu Fragen wie etwa den Judenboykott von 1933, der Pogrome vom November 1938 und viele andere ähnliche Bereiche, zu denen es eine riesige Forschungsliteratur gibt, die aber in vielen Fällen in dem Buch „Das Amt“ nicht berücksichtigt werden.

Wo hätte man das Buch stärken können?

Zur Sache
Richard J. Evans

Richard J. Evans ist Professor für Moderne Geschichte in Cambridge und Autor des Standardwerkes „Das Dritte Reich“.

Die Studie „Das Amt ist an dieser Stelle mehrfach diskutiert worden, angefangen mit Hans Mommsens Rezension „Das ganze Ausmaß der Verstrickung“ (16.11.10). Fortgesetzt wurde die Auseinandersetzung am 31.3.11 („Die Aktivisten im Amt“). Ihren Kritikern antworteten E. Conze, N. Frei, P. Hayes und M. Zimmermann am 4.5.11 („Zauberwort Differenzierung“). (fr)

Es geht hier nicht nur um eine akademische Kritik, dass die Fußnoten nicht lang genug gewesen sind. Sondern die fehlende Literatur führt dazu, dass gewisse Positionen nicht genügend gestützt werden konnten. Es hatte einen eindeutigen Effekt auf die Interpretation der Quellen. Es hat zu einer Tendenz der Forscher geführt, die aktive Teilnahme des Amtes am Holocaust so zu überzeichnen, so dass es in manchen Fällen als Motor des Holocaust dargestellt wird. Und das stimmt nicht. Auf der anderen Seite wird die Teilhabe des Amtes an den Verbrechen des Nationalsozialismus zu eng gefasst. Im Buch konzentrieren sich die Autoren auf die Verbrechen gegen die Juden. Aber sie hätten wesentlich stärker auf andere durch das Außenamt mitbegangene Verbrechen eingehen müssen wie der Entfesselung des Krieges oder dem Raub des Kulturguts europäischer Nationen und viele andere Punkte.

Der Historiker Conze nannte das Amt eine „verbrecherische Organisation“, hatte er trotzdem recht?

Ja, das kann man sagen. Ich bedaure, dass in einem Bericht des „Spiegel“ nur meine kritischen Bemerkungen zu dem Buch aufgenommen wurden und nicht auch die positive Seite meiner Rezension. Ich wollte eine ausgewogene Rezension schreiben, daher rührt auch die Länge von 20 Seiten. Ich wollte das ganze Buch gründlich auswerten und finde, dass es trotz der vielen Fehler und Mängel in der Forschung und der Interpretation doch bewiesen hat, dass das Außenamt als solches und auch die Mehrheit der Mitarbeiter und Diplomaten an vielen Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligt waren. Insofern kann man durchaus sagen, dass das Außenamt eine verbrecherische Organisation war. Das Buch hätte natürlich viel weiter gehen können und meiner Meinung nach sollen. Denn ein Hauptpunkt der Anklage bei den Nürnberger Prozessen war die Entfesselung des Krieges 1939. Daran war das Außenamt beteiligt. Das kommt in dem Buch aber kaum vor.

Wie sieht es mit der Frage der Kontinuität des Personals aus? Ist die Ablösung Neuraths durch Ribbentrop eine Zäsur für das Amt, wie es die Diplomaten behauptet haben und worin ihnen der Forschungsbericht widerspricht?

Sicher hat Ribbentrop nach und nach mit der Expansion des Personals des Außenamtes viele neue Leute eingebracht. Sie haben eine immer größere Rolle gespielt. Aber das heißt nicht, dass die alten Diplomaten, die schon in der Weimarer Republik, teilweise seit dem Kaiserreich im Amt waren, sich dagegen gewehrt hätten oder Widerstand geleistet haben. Sie wurden eher von der nationalsozialistischen Ideologie ausgehöhlt. Nicht nur die neuen von Ribbentrop eingebrachten Leute waren an den Verbrechen beteiligt, sondern auch viele der alten Diplomaten. Es gab nur wenige, die Widerstand geleistet haben. Sie waren zudem fast völlig isoliert.

Welches sind die besten Kapitel des Buches?

Ich halte jene Kapitel für die besten, welche die frühe Nachkriegszeit behandeln. Sie zeigen sehr genau und sehr überzeugend, wie die Legende vom Außenamt als Hort des Widerstandes aufgebaut wurde.

Wie war es mit der Beteiligung am Holocaust, die ja in dem Buch eine große Rolle spielt? Das Außenamt hatte zeitweilig mehr als 6000 Mitarbeiter, wie viele waren am Holocaust beteiligt?

Das ist sehr unterschiedlich und differenziert zu beurteilen. Sie wussten natürlich alle, was geschah. Aber die Aufgabe des Außenamtes bestand darin, das Deutsche Reich in seinen Beziehungen zum Ausland zu vertreten. Die Diplomaten in Kroatien oder der Slowakei haben eine andere Rolle gespielt als etwa in den dem Deutschen Reich eingegliederten Gebieten wie Polen oder die Ukraine.

Warum gab es eine Beteiligung am Holocaust, gab es im Amt einen latenten Antisemitismus?

Mehr als latent. Ich beginne meine Rezension mit dem Beispiel des Diplomaten Kurt Prüfer. Ich tue dies deshalb, weil seine Tagebücher – die er nach dem Krieg stark redigiert hat – im Buch nicht erwähnt werden, wahrscheinlich deshalb, weil sie nur auf Englisch veröffentlicht sind, obwohl sie die Argumentation des Buches im Grunde gestärkt hätten. Er wird von dem amerikanischen Historiker Hayes in dem Buch erst gar nicht erwähnt. Ein weiteres Beispiel für die fehlende Berücksichtigung der englischsprachigen Forschung. Kurt Prüfer steht für viele der alten Diplomaten, die mehr als einen latenten Antisemitismus pflegten. Es waren Aristokraten oder Männer aus dem Bildungsbürgertum, die mit der Weimarer Republik sehr unzufrieden waren. Sie glaubten, dass die Revolution und der Bolschewismus Teil einer jüdischen Verschwörung waren und sie begrüßten die nationalsozialistische Machtergreifung. Es gab verschwindend wenige der hochrangigen Diplomaten, genau genommen nur einen, die ihr Amt 1933 aufgegeben haben. Die anderen haben sich angepasst oder die Machtergreifung der Nazis begrüßt. Hitler versprach, eine starke Außenpolitik zu verfolgen und Deutschland groß zu machen oder den Versailler Vertrag zu revidieren, all dies wurde sehr begrüßt.

Wie sehen Sie Debatte um das Buch? Ist die Diskussion nicht nur wissenschaftlich, sondern auch politisch motiviert?

Es gibt eine politisch motivierte Kritik. Etwa in der Replik des Historikers und einstigen Mitarbeiters des Außenamtes Rainer Blasius in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Kritik von Johannes Hürter vom Institut für Zeitgeschichte aber scheint mir nicht politisch motiviert zu sein. Ich bedaure, dass die Herausgeber des Buches dieses verteidigt haben, indem sie ihre Kritiker persönlich angegriffen haben. Die Fehler, die sich in dem Buch finden, machen es jedoch jenen leichter, die das Auswärtige Amt rehabilitieren wollen.

Wie ist es mit der These der

Selbstgleichschaltung des Amtes, aufgrund des Wettbewerbs der NS-Institutionen. Kann sie aufrecht erhalten bleiben?

Sicherlich sollte man den Terror und den Druck des Regimes nicht unterschätzen. Man musste wissen, dass jeder, der sich der Politik der Nationalsozialisten widersetzen würde, zumindest das Amt verlieren würde. Andererseits waren die höheren Beamten des Außenamtes keine einfachen Arbeiter und mussten daher in solch einem Fall zum Beispiel nicht die finanziellen Konsequenzen der Arbeitslosigkeit befürchten, wenn sie sich den Anweisungen der Nationalsozialisten widersetzt hätten. Die Beschreibung der Selbstgleichschaltung ist sicherlich gerechtfertigt. Wie gesagt hatten sie das Dritte Reich begrüßt und sahen darin eine Möglichkeit, die Außenpolitik nach ihrem Willen zu gestalten. Der Beweis ist darin zu finden, dass fast niemand im Außenamt seinen Posten aufgegeben hat.

Kann man denn sagen, ohne Mitwirkung des Außenamtes hätte es keinen Holocaust gegeben?

Nein, nein, nein. Die treibende Kraft war die SS und natürlich Hitler selbst. Sie waren es, die die Politik der Diskriminierung, Vertreibung und Vernichtung der Juden vorangetrieben hatten. Wenn sich die Diplomaten des Außenamtes widersetzt hätten, dann hätten die Nationalsozialisten andere gefunden, die mitgemacht hätten. Das Außenamt hatte hierbei keine zentrale Stellung inne. Es ist ein Problem des Buches, dass die Rolle des Amts in manchen Bereichen als zu zentral dargestellt wird. Auch die These der Hauptverantwortung des Außenamtes für die Nürnberger Antisemitismus-Gesetze ist nicht haltbar, wie im Buch behauptet wird. Hier zeigt sich schon wieder eine der Konsequenzen, wenn der Blick in die Sekundärliteratur unterbleibt.

Interview: Michael Hesse

Datum:  8 | 7 | 2011
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