Der Drehbuchautor Christopher McQuarrie über einen - noch - unsichtbaren Film.
Stauffenberg - Verräter fürs Vaterland
Stauffenberg - Verräter fürs Vaterland
Geboren wird er am 15. November 1907 als Spross einer schwäbischen Adelsfamilie. Seine Eltern sind Alfred Schenk Graf von Stauffenberg, der letzte Oberhofmarschall des Königs von Württemberg, und Caroline geb. Gräfin von Üxküll-Gyllenband - hier Stauffenberg (links im Bild) mit seinen Eltern und Brüdern in Lautlingen, ca. 1923. Sein Bruder heiratet später die bekannte Fliegerin Melitta Gräfin Schenk von Stauffenberg. Beide werden nach dem Attentat verhaftet, Melitta wegen ihrer kriegswichtigen Aufgaben jedoch bald wieder entlassen. Die restliche Familie landet im Konzentrationslager.
Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand
In den Anfangsjahren zählt Stauffenberg zu den Hitleranhängern, spricht sich bei der Reichspräsidentenwahl 1932 für ihn statt für Hindenburg aus. Im Bild steht Graf von Stauffenberg ganz links in Hab-Acht-Stellung. In der Mitte begrüßt Adolf Hitler einen Flieger-General - rechts im Bild mit Mappe in der Hand der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel. Doch das Attentat auf Hitler ändert alles: Claus Schenk Graf von Stauffenberg hat als Stabschef beim Befehlshaber des Ersatzheeres Zugang zu den Besprechungen im Führerhauptquartier.
Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Er schmuggelt eine mit Sprengstoff gefüllte Aktentasche in die Baracke auf der Wolfsschanze, in der Hitler eine Besprechung abhält. Kriegsverletzungen hatten Stauffenberg zum Invaliden gemacht - unter Zeitdruck kann er mit den verbliebenen drei Fingern an einer Hand nur eins von zwei Sprengstoffpaketen scharf machen.
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Hitler überlebt das Attentat - die Verlegung der Besprechung in eine Baracke statt einen Bunker lässt die Kraft der Detonation zu schwach ausfallen. Noch in der Nacht wird der Vater von fünf Kindern - eines wird erst sechs Monate später geboren - von den Nazi-Schergen gemeinsam mit seinen Mitverschwörern im Bendlerblock erschossen. Sein Name ist seither untrennbar mit dem Widerstand verbunden und dem misslungenen Attentat auf Hitler.
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Das Attentat ist als Auftakt zum Staatsstreich unter dem Deckmantel der "Operation Walküre" geplant worden, die eigentlich innere Aufstände niederschlagen helfen soll. Stauffenberg hatte den Plan gemeinsam mit General Friedrich Olbricht, Oberst Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim (hier im Bild mit Stauffenberg) und Henning von Tresckow ausgearbeitet. Stauffenberg war am Ende zwar Gegner von Hitlers Diktatur - aber kein starker Befürworter von Demokratie. Die Widerständler wollten nur die Rechte und Freiheiten von 1933 wieder herstellen.Stauffenbergs Motive für das Attentat sind bis heute umstritten.
Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Die schwangere Ehefrau Stauffenbergs wird nach seinem Tod in ein Konzentrationslager deportiert, wo 1945 das fünfte Kind der Familie, Constanze, zur Welt kommt. Stauffenbergs Kinder werden zunächst in ein Heim gesteckt und später nationalsozialistisch denkenden Familien zur Adoption gegeben. Das Bild zeigt Stauffenberg im Jahr 1940 mit seinen Kindern Berthold, Franz-Ludwig und Haimeran.
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Für Stauffenbergs Frau, Nina Gräfin Schenk von Stauffenberg, hat ihr Neffe Ludwig Freiherr von Lerchenfeld in diesem Jahr einen Gedenkstein aufgestellt. Die geborene Freiin von Lerchenfeld war 2006 im Alter von 92 Jahren gestorben. Erst wenige Jahre vor ihrem Tod war sie bereit, über die schrecklichen Ereignisse nach dem gewaltsamen Tod ihres Mannes, die Zeit im Konzentrationslager Ravensbrück, zu sprechen.
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Bevor er sich gegen Hitler stellte war Stauffenberg auf Feldzügen in Polen, Frankreich und Afrika. Er wird schwer verwundet, verliert eine Auge und die rechte Hand. Die Verbrechen des NS-Regimes im Osten und die Judenverfolgung machen aus einem treuen Staatsdiener einen Feind des Diktators Hitler. Eine Ausstellung im Bendlerblock in Berlin informiert über sein Leben.
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Die Geschichte des Hitler-Attentäters, der vom treuen Offizier zum Verräter in den Augen der Nationalsozialisten wurde - er selbst hätte Untätigkeit als Verrat an seinem Gewissen betrachtet - hat die Filmemacher zu mehreren Dokumentar- und Spielfilmen animiert. Zuletzt spielte Tom Cruise (rechts) in Valkyrie Claus Schenk Graf Stauffenberg (links) und löste damit heftige Diskussionen wegen seiner Mitgliedschaft in der Scientology-Sekte aus. Die Dreharbeiten am Originalschauplatz Bendlerblock waren erst nach einigen Kontroversen möglich.
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In "Die Stunde der Offiziere" spielte Harald Schrott (links) den Grafen - das undatierte Szenenbild des ZDF-Films zeigt das Eintreffen im Führerhauptquartier Wolfsschanze in Ostpreußen.
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Im Fernsehfilm "Stauffenberg" spielte Sebastian Koch den Hitler-Attentäter (2. von links) - Axel Milberg trat als Generaloberst Fromm und Christopher Buchholz (rechts) als Berthold Graf von Stauffenberg auf, der Bruder von Claus. Dazwischen - ohne Uniform - der Regisseur Jo Baier.
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"Mein Onkel und seine Mitstreiter waren Helden", sagt Otto Philipp Schenk Graf von Stauffenberg, ein Neffe von Claus Schenk Graf von Stauffenberg.
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2004 besuchte der Sohn von Stauffenberg die Ruinen der Wolfsschanze im Nordosten Polens, wo sein Vater versucht hatte, die Hitler-Diktatur gewaltsam zu beenden.
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Im Bendlerblock in Berlin-Tiergarten wird heute noch der Männer gedacht, die den Versuch Hitler zu stürzen, hier mit dem Leben bezahlten. Regelmäßig werden Blumen am Ehrenmal niedergelegt. In ehemaligen Diensträumen ist die Ausstellung Gedenkstätte Deutscher Widerstand untergebracht.
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Zu seinem 100. Geburtstag am 15. November 2007 veranstalteten die 10. Panzerdivision aus Sigmaringen und die Marktgemeinde Jettingen-Scheppach einen großen Zapfenstreich zum Gedenken an den Widerstandskämpfer Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg an dessen Geburtsort im Schloss von Jettingen.
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Fackelträger stehen vor dem Schloss Jettingen beim Zapfenstreich.
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Bis zum 20. Juli 1944 ist Claus Schenk Graf von Stauffenberg ein verdienter Offizier der Wehrmacht. Er gilt als mutiger Soldat, entschlossener Christ und intelligenter Mensch, erzählt sein Neffe, Ludwig Freiherr von Lerchenfeld. Als Sohn eines schwäbischen Oberhofmarschalls entstammt er gehobenen Verhältnissen und entscheidet sich trotz seiner Begeisterung für Literatur für eine Militärkarriere.
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Diesen Donnerstag startet der lang erwartete Stauffenberg-Film "Walküre" in den deutschen Kinos. Allerdings leider nicht komplett: Ein vierminütiger Trailer fasst erstmals Mini-Schnipsel aus dem gesamten Filmverlauf zusammen, nachdem ein kürzerer, düsterer Werbeclip bereits für allerhand Internet-Spekulationen gesorgt hatte. Nun sieht alles heller aus: Man sieht Soldaten in Afrika, fast wie in "Lawrence von Arabien".
Der Trailer ist alles, was geladene Journalisten gestern in Berlin zu sehen bekamen von dem dort gedrehten Historienfilm, dessen Kinostart jüngst abermals verschoben wurde - auf den 22. Januar. Zur Überbrückung hat man jetzt einen der beiden Drehbuchautoren eingeladen. Eine ganze Stunde stand Christopher McQuarrie gestern für ein FR-Gespräch zur Verfügung - um über einen Film zu sprechen, den man noch immer nicht sehen darf. Der 40-jährige ist ein Spezialist für das Spiel mit verborgenen Informationen: Vor acht Jahren gewann er den Oscar für das meisterlich arrangierte Rätselraten in "Die üblichen Verdächtigen".
Durch den Besucher einer Test-Vorführung war zu erfahren, dass die Figuren mit erklärenden Zwischentiteln wie im Stummfilm eingeführt seien - etwas viele komplizierte deutsche Namen für das amerikanische Jugendpublikum. "Das haben wir herausgenommen. Und dann hat plötzlich jeder den Film verstanden." Welche Bedeutung, frage ich, hat die physische Veränderung des Helden nach seiner Verwundung in Afrika? Im Drehbuch zeigt sich Stauffenberg befremdet vom "gruselig funkelnden Glasauge" - und bevorzugt die Augenklappe. Ist dies nicht ein typisches Comic-Motiv? Der Held verändert seine Physis - und wird dadurch eine Art Phantom?
"Nein", stellt McQuarrie richtig. "Der wahre Stauffenberg trug das Glasauge unter seiner Augenklappe. Er fürchtete, es mit seinen drei verbliebenen Fingern zu zerbrechen. Allerdings: Was mich faszinierte, war, dass jemand in der Lage war, sein Auge in die Hand zu nehmen und sich selbst ins Auge zu blicken. Für mich symbolisiert es sein Gewissen."
Aber ist das nicht erst recht ein mystisches Element, würdig eines Doktor Mabuse? "Bevor Sie es sagten, ist mir das gar nicht aufgefallen. Wir hatten einfach Angst, seine Behinderungen könnten zum Handlungsmotiv werden wie in einer gewöhnlichen Rachegeschichte. Das wäre die amerikanische Motivation, so eine Geschichte zu erzählen." Wird vielleicht der politische Mystizismus des Stefan-George-Kreises, in dem Stauffenberg verkehrte, durch einen anderen ersetzt? "Nein, die Deutschen kennen diesen Dichter, aber wir wollten für ein breiteres Publikum erzählen, so haben wir das weggelassen. Auch wollten wir in Bildern erzählen, nicht durch Text."
Geht es dann im Gegenteil um die Illustration von Geschichte wie in der Eichinger-Produktion "Der Untergang"? Um die Nachreichung fehlender Bilder? "Ja, nein, ich bin schon detailversessen, aber was wir wirklich wollten, war ein Ereignis, eben den 20. Juli, darzustellen. Und wie es sich in der Zeit vorbereitet. Aber wir wollten nicht das definitive Bild dieser Ereignisse zeigen. Es werden natürlich auch Zuschauer kommen, die genau sehen wollen, was wir alles falsch gemacht haben (lacht). Den ,Untergang' finden wir allerdings ganz toll." Wäre es vielleicht eine Option gewesen, statt eines Multimillionenfilms diese Ereignisse als Kammerspiel in den Diskussionen der Widerständler zu erzählen? "Ja, ich hatte zuerst einen viel kleineren Film vor Augen. Ich hätte nie gedacht, dass so ein gewaltiger Film daraus würde. Aber dazu gehört eben die starke Ikonographie dieser Zeit."
Aber warum eigentlich? Diese immer gleichen Bilder der Hakenkreuzfahnen? Besteht nicht die Gefahr, dass man in Bildern, die man schon zu kennen scheint, irgendwann gar nichts mehr sieht? "Das heutige Publikum soll sehen, was die Attentäter täglich sahen. Wie das Regime sich dargestellt hat - mit überwältigenden Bildern."
Warum aber gleich - wie im Trailer zu sehen - eine Totale aus der Vogelperspektive mit Fahnenmeer, genau wie bei Leni Riefenstahl? Nun rutscht McQuarrie heraus, was wohl jeder Künstler einem Kritiker entgegenhielte, der sein Werk nicht kennt.
"Bitte halten Sie Ihre Meinung darüber zurück, bis Sie das im ganzen Film gesehen haben", bittet der Autor - und liefert dennoch eine technische Erklärung: "Rein praktisch ist das ein "establishing shot", der das Groß-Deutschland-Wach-Batallion einführen sollte wie es am 15. Juli angetreten war. Es sollte nicht "Triumph des Willens" nachahmen." Aber pardon, hätte das nicht Leni Riefenstahl genauso gesagt über ihren Propagandafilm? Diese Vogelperspektive ist nur ein "establishing shot"?
"Jetzt müssen wir aber über die Wirkungsabsicht reden", verteidigt der Autor auch seinen Regisseur. "Sie müssen das im Kontext sehen. Aber warum lächeln Sie eigentlich?" Na, weil die Situation so absurd ist. Ich möchte den Film sehr gerne sehen, aber er wird immer mysteriöser, je länger wir darüber reden. Es ist, als spekulierten wir über einen lange verschollenen Stummfilm. Jetzt endlich lacht auch McQuarrie. "Normalerweise macht man einen Film, bringt ihn heraus, und dann wird er beurteilt. Aber im Zeitalter des Internets wird ein Film schon vorher nach Gerüchten beurteilt."
Doch wie sollte ein Gespräch mit dem Autor eines unsichtbaren Films hier wohl Klarheit schaffen? Nach einer Stunde Interview schwirren nicht weniger, sondern mehr Phantasien über diese "Walküre" durch die Flure des Berliner Regent-Hotels.