Bei "Rheingold" hatten Wolfgang Bozic, sein Orchester, aber auch die Protagonisten ebenso enttäuscht wie die revuehaften Bilder von Barrie Kosky, mit denen er mehr auf ein Spiel mit Tabuverletzungen setzte, als die Exposition für einen großen Wurf zu liefern. Als Wagner-Orchester vermochten Bozic und seine Musiker auch jetzt nicht in die Schlacht um den Walkürenfelsen zu ziehen. Nicht nur die Bläser waren erstaunlich eigenwillig. Es dauerte lange, bis es jene betörend traurigen und sensibel gemischten Orchesterklänge gab, die man in einem Haus wie Hannover bei einem ambitionierten Ringprojekt erwarten darf.
Diesmal überzeugte immerhin das Sängerensemble. Selbst die paar Buhs für Khatuna Mikaberidzes Fricka waren allenfalls auf die allzu ungefähre Artikulation ihres Deutschs zu beziehen, nicht aber auf die dunkle Leuchtkraft ihrer Stimme oder ihre szenische Präsenz. Vincent Wolfsteiner gehört mit seinem Siegmund sogar in die Gruppe konditionsstarker Wagnertenöre, die obendrein über darstellerisches Potenzial verfügen. Dass die Ensemblemitglieder Kelly God als emotional entflammte Sieglinde, Albert Pesendorfer als machtvoller Hunding und Brigitte Hahn als kultiviert klangschöne Brünnhilde überzeugen würden, war ebenso zu erwarten wie die Fähigkeit des Hauses, die Walküren eindrucksvoll zu besetzen. Als Gast rundete der nicht zu dunkle Bassbariton Robert Borck als nobel eloquenter Wotan das Ensemble ab.
Auf der Bühne wird bei jeder Gelegenheit gerannt: Um das Ledersofa in Hundings schlicht bürgerlichem Bungalow (Bühne Klaus Grünberg). Vor einem grauen Vorhang und hinter einem Geländer, an dem ein mit Personenschutz joggender Wotan Pausen einlegt, um nebenbei zu regieren.
Im Hunding-Bungalow, in den Siegmund in Jeans und T-Shirt (Kostüme: Klaus Bruns) über die Terrassentür eindringt, muss sich der Hausherr bei Kosky derart daneben benehmen, dass es nicht mehr zur bürgerlichen Umgebung passt. Der Ober-Proll, der das Fastfood vom Asiaten mitbringt und seine Frau durchprügelt, passt allerdings ebenso wenig zum archaischen Ehrenmann, der dem Todfeind für die Nacht Gastrecht einräumt. Wenn dann aber das Wunderschwert wie ein Neugeborenes von Siegmund aus einer metaphorischen Deckenvulva (oder eiternden Wunde?) gefingert wird, dann übertreibt Kosky ebenso effektversessen, wie er beim Wonnemond das musikalisch aufscheinende Wunder völlig unterspielt. Für sich genommen überzeugend sind die von Siegmund und Sieglinde beglaubigten Traumata als Verfolgter und Misshandelte.
Der zweite Akt ist eine szenische Nulllösung. Wenigstens einen Hauch von Bezug zum "Rheingold" liefert dann die Walkürenfelsen-Tankstelle, an der geisterhaft Autos vorbeiziehen. Vom Leder-Outfit der Biker-Brünnhilde vorbereitet, mag man das als eine Art Albtraum sehen. Hier vergnügt sich die außer Kontrolle geratene, mit Statistinnen aufgestockte, männerklatschende Mädchengang an ein paar nackten Männerleichen. Obwohl Wotan für den großen Feuerzauber selbst einen Eimer Benzin um die zwischen den Zapfsäulen schlafende Brünnhilde ausgießt, entzündet er am Ende doch nur die Fackel in der Hand seiner Wunschmaid. Bleibt man bei dem Bild, dann fliegt hier, früher oder später, alles in die Luft. Vielleicht passiert aber auch gar nichts. Ein Großer Knall oder die Banalität einer erloschenen Fackel - das wären dann die Koordinaten für die Fortsetzung dieses Rings.
Überhaupt ist das eigentliche Problem dieses Ring-Projekts, dass Kosky der große Deutungsbogen nicht zu interessieren scheint. Er nimmt sich einzelne Szenen vor und lotet sie assoziativ aus. Der gemeinsame Nenner ist dabei - bis jetzt jedenfalls - mehr szenischer Überaktionismus oder auch das Misstrauen in Wagners Theater-Instinkt als die schlüssige Idee. Mittlerweile glaubt man ihm sogar, dass er mit dieser Methode, wie geplant, die Götterdämmerung (in Hannover und in Essen) gleich zwei Mal hinbekommt. Mehr oder weniger.
Staatstheater Hannover: 30. Mai. www.staatstheater-hannover.de
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