Kommt es manchmal vielleicht doch auf die Größe an? Während alle Welt von Graphic Novels redet und davon, wie diese das Medium Comic in neuen erzählerischen Tiefen ausloten können, startet der amerikanische Superhelden-Verlag DC Comics ein komplett gegensätzliches Experiment. "Wednesday Comics" heißt das wöchentlich erscheinende Heft, das nicht in die Tiefe geht, sondern in die Breite und Höhe. (Der Titel der Serie leitet sich von dem Tag ab, an dem in den USA traditionell die neuen Comic-Hefte in die Läden kommen.)
Von außen wirkt es wie ein normaler Superhelden-Comic. Superman und Batman sind auf dem Cover zu sehen, neben weniger bekannten Figuren des Verlages wie Deadman oder Kamandi, "the last boy on earth", wie der Untertitel sicherheitshalber verrät. In Wirklichkeit aber ist das scheinbar handliche Heft ein Faltbogen. Klappt man ihn aus, hat man ein Comic-Heft im Tageszeitungsformat.
Wednesday Comics, DC Comics, 64 bzw. 16 Seiten, 3,99 Dollar.
Es ist dann sechzehn Seiten dick. Fünfzehn Comic-Episoden sind darin enthalten, jede füllt eine ganze große Seite. Jede Geschichte ist auf Fortsetzung angelegt. Natürlich erinnert die Aufmachung nicht nur zufällig an klassische Comicbeilagen in amerikanischen Tageszeitungen. Solche Beileger waren vor allem bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts en vogue. Sie dienten der ganzen Familie als Unterhaltung an drögen Sonntagnachmittagen - ehe das Fernsehen die Mischung aus lustigen und ernsten, romantischen und abenteuerlichen Comics zunehmend obsolet machte.
Klassiker wie "Prinz Eisenherz" entstanden für diese Beilagen. Heute sind für ein so großes Format gestaltete Comics ausgestorben. Zwar publizieren diverse Tageszeitungen noch Sonntagsbeilagen. Aber enthalten sind in der Regel auf Briefmarkengröße komprimierte winzige Strips und Witzbildchen, kaum noch große, opulente Comics.
"Wednesday Comics" ist eine Hommage an vergangene Zeiten. Angesichts etwa der "Wonder Woman"-Episode des Zeichners Ben Caldwell wird klar, dass hier sehr bewusst mit dem Format umgegangen wird. Der hat seine Geschichte in unzähligen kleinen, verfrickelten Bildern gestaltet, die in atemberaubender Fülle die ganze Riesenseite vollstopfen. Das ist gleichzeitig ironischer Kommentar auf heutige Comic-Sonntagsseiten wie auch künstlerisches Spiel mit dem Format - kleiner gedruckt wäre diese Geschichte unlesbar.
Ein umfassender Eindruck von Größe
Auch wenn nicht alle Zeichner so experimentierfreudig sind wie Caldwell - manch ein Beitrag ist einfach nur eine hochgezogene normale Comicseite - hinterlassen die fünfzehn Seiten "Wednesday Comics" doch den umfassenden Eindruck von Größe. Nicht einmal der teilweise lausige Druck auf dem schlechten Papier, von dem nicht klar ist, ob es eine Hommage an früher oder eine wirtschaftliche Maßnahme ist, kann ihn zerstören.
Es ist, als hätte man jahrelang nur fern gesehen - und würde plötzlich das Kino entdecken.Darum ist "Wednesday Comics" ein Aufsehen erregendes Heft. Wenn auch mit einem bitteren Beigeschmack angesichts des aktuellen Zustandes der amerikanischen Comicszene. Die ist in ihrer tiefsten, weil umfassendsten Krise seit Jahrzehnten. Nicht nur Superhelden leiden unter schwindenden Verkaufszahlen, sie sind seit Jahresanfang im freien Fall. Zuletzt mussten die Disney-Comics, hierzulande weiterhin Millionen-Seller, unter der allgegenwärtigen Rezession Federn lassen.
Ähnlich schlimm sieht es bei den Tageszeitungen aus. Waren Comicstrips in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts häufig ein die Auflage stark beeinflussender Faktor und Zeitungszeichner umworbene Megastars, so sind die Strips in Zeiten des Zeitungssterbens oft das erste, was aus Platzgründen wegrationalisiert wird - zusammen mit den Künstlern.
Der letzte Walzer auf der Titanic
Gedruckt wird in der Regel nur noch die hundertste Wiederholung von "Calvin & Hobbes", die tausendste Wiederholung der "Peanuts" oder von "Garfield". Neue Talente haben auf dem radikal schrumpfenden Markt der Zeitungsstrips praktisch keine Chance mehr. "Wednesday Comics" ist damit so etwas wie der letzte Walzer auf der Titanic.
Superstars wie Neil Gaiman ("American Gods", "Sandman"), Dave Gibbons ("Watchmen") oder das für seine radikale Krimiserie "100 Bullets" bekannte Team Brian Azzarello & Eduardo Risso erwecken für einen Moment eine ausgestorbene Kunstform wieder zum Leben. Das enthusiastisch herausgerufene "Look!" einer der Figuren im Beitrag "Strange Adventures" des Zeichners Paul Pope ist dabei ebenso als Ruf nach Aufmerksamkeit zu verstehen wie jene Sergio-Leoneske-Nahaufnahme zweier Augen, mit der Azarello & Risso ihre Batman-Geschichte gleich auf dem Cover von "Wednesday Comics" beginnen.
Wird es nützen? Die Tageszeitung USA Today wird zumindest den "Superman"-Comic aus den Heften zwölf Wochen lang publizieren. Die erste Folge in der gedruckten Auflage. Alle folgenden nur noch online.
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