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18. Dezember 2013

„Wetten, dass..?“ in Augsburg: Rassistisch auf mehreren Ebenen

 Von 
Auslöser der Debatte: Die Stadtwette bei "Wetten, dass...?" am vergangenen Samstag.  Foto: dpa

Die Stadtwette der Wetten, dass...?-Ausgabe vom vergangenen Samstag hat eine Debatte über Alltagsrassismus in Kultur und Medien ausgelöst. Unsere Autorin fordert, dass People of Colour endlich Gehör finden müssen.

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Vielleicht wird es bald eine Sternsinger-Debatte geben. Eine Diskussion also, in der eine (vornehmlich schwarze) Minderheit hinterfragen wird, ob es das rassistische Stilmittel schwarzer Schminke im weißen Gesicht braucht, um aus einem Kind einen heiligen König Kaspar zu machen. Eine (vornehmlich weiße) Mehrheit wird diese Praxis mit Verweis auf die lange Tradition des Brauchs verteidigen. Überraschend wäre an dieser Debatte höchstens der Furor, mit dem sie geführt wird. Doch selbst der hat schon Tradition.

Denn Debatten über Rassismus in Medien und Kulturbetrieb häufen sich in jüngster Zeit. Erstaunlicherweise führen sie aber bislang kaum zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit individuell wie gesellschaftlich tief verankerten rassistischen Worten und Bildern, Handlungsmustern und Mechanismen. Das aktuellste Beispiel vom Wochenende etwa, als in der ZDF-Unterhaltungsshow „Wetten, dass ...?“ zwei Marionetten der Augsburger Puppenkiste die Zuschauer zum „Blackfacing“ aufriefen, offenbarte erschreckend drastisch, dass offenbar nicht ein einziger der Sendungsverantwortlichen sich vorab mit der problematischen Geschichte des Schwarzschminkens und der daran wiederholt geäußerten Kritik schwarzer Menschen beschäftigt hatte.

Und das, obwohl der Stadtwettenaufruf gleich auf mehreren Ebenen klar rassistisch war. Gesucht wurden 25 Paare, verkleidet als Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer und „Jim sollte natürlich schwarz geschminkt sein. Schuhcreme, Kohle, was auch immer.“ Dass es auch schwarze Augsburger gibt: nicht mitgedacht. Dass Schuhcreme und Kohle auf das rassistische Klischee des schmutzigen Schwarzen verweisen: geschenkt. Dass beim Schwarzschminken stets das „Blackfacing“ US-amerikanischer Minstrel-Shows des 19. Jahrhunderts als Konnotation mitschwingt: unbekannt oder egal.

Im Zweifel irrelevant

Jeder dieser Punkte für sich alleine genommen ist ausgesprochen ärgerlich. Denn Blackfacing, erst jüngst von einer UN-Gruppe am Beispiel der holländischen Vorweihnachtsfigur „Zwarte Piet“ bemängelt, wird seit Jahren auch hierzulande thematisiert. 2009 etwa, als der Journalist Günter Wallraff für eine Dokumentation sein Gesicht schwarz färbte, um Rassismus am eigenen Leibe zu erfahren, wiesen Rassismusexperten wie die Autorin Noah Sow sehr deutlich darauf hin, dass es auch schwarze Menschen gibt, die man zu ihren Rassismuserfahrungen hätte befragen können.
Vor rund zwei Jahren schlossen sich Aktivisten zum Bündnis „Bühnenwatch“ zusammen, um anlässlich eines Blackfacing-Vorfalls am Berliner Schlossparktheater nicht zuletzt auch auf den Umstand hinzuweisen, dass schwarze Darsteller in deutschen Theaterensembles unterrepräsentiert sind und selten besetzt werden, schon gar nicht in nicht als schwarz markierten Rollen.

Und erst ein Jahr ist es her, dass in den Feuilletons eine erbitterte Debatte darüber tobte, ob rassistische Begriffe aus Kinderbuchklassikern wie Preußlers „kleiner Hexe“ gestrichen werden dürfen. Der ARD-Literaturkritiker Denis Scheck zeigte damals – in offenkundiger Kenntnis der rassistischen Muster, derer er sich bediente –, dass er die von schwarzen Menschen geäußerten Forderungen nach verletzungsfreier Sprache nicht nur falsch fand, sondern gewillt war, sie ins Lächerliche zu ziehen, als er in Blackface im Fernsehen erschien.

Eine solch gezielte Provokation aber braucht es gar nicht, damit Rassismen ihre Wirkung entfalten. Für Menschen, die in diesem Lande täglich als Fremde markiert und behandelt werden, ist es im Zweifel irrelevant, ob die ihnen durch Blackfacing, Schimpfworte oder Nicht-Repräsentation im Kulturbetrieb zugefügten Verletzungen aus der Naivität des scheinbar nichtwissenden „Wetten, dass ...?“-Teams heraus zugefügt werden, mit der Intention des aufklärerischen Wallraffs oder in der böswilligen Absicht des bekennenden Rassisten.

Fragen der Definitionshoheit

Die weiße Mehrheitsgesellschaft – und damit auch Medien und Kulturbetrieb – aber muss sich die Frage gefallen lassen, ob sie ernsthaft an einer Überwindung von Rassismus interessiert ist, auch dann, wenn er noch nicht sein extremstes Gesicht in Form rassistischer Morde gezeigt hat, sondern im banalen Gewand eines schwarz beschmierten Gesichts daherkommt. Und wenn sie es nicht will, wird sie es lernen müssen, denn die Debatten werden bleiben. Sie sind Ausdruck dessen, dass unsere Gesellschaft sich wandelt und damit auch die Definitionshoheit darüber, was deutsche Kultur ausmacht.

Jene Stimmen, ob von Schwarzen, Muslimen oder anderen People of Colour erhoben, die bislang vornehmlich in „Shitstorms“ im Internet verpuffen und von der Mehrheit der Journalisten abgewehrt werden, müssen Gehör finden, wenn Debatten sich nicht weiter im Kreis drehen sollen. Sie werden sich ohnehin Gehör verschaffen, wenn Institutionen, Redaktionen, Ensembles in ihrer Zusammensetzung endlich annähernd der diversifizierten Gesellschaft entsprechen. Bis es soweit ist, wäre schon ein erster Schritt damit getan, sich über Rassismus zu informieren. Zum Beispiel, indem man jenen, die davon betroffen sind, einfach mal zuhört.

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