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"Willkommen bei den Sch'tis": Nuscheln, kuscheln, lachen

Ein Nest in Nordfrankreich als Fundgrube menschelnder Klischees: Die Komödie von Dany Boon feiert den putzig-infantilen Humor.

Wenigstens aus Sicht der Südfranzosen ist die Nord-Pas-de-Calais genannte Region eher ein Ausläufer Sibiriens als Teil der großen französischen Nation. Nach allem was man gehört hat, liegt die jährliche Durchschnittstemperatur in der dortigen unwirtlichen Gegend um den Gefrierpunkt und die gewohnheitsmäßig betrunkenen Einwohner haben ihre Höhlen gerade erst zu Gunsten städtischer Siedlungen verlassen.

Und was diese Wilden aus der Sprache aller Sprachen gemacht haben! Wahrscheinlich auf Grund der ständigen Trunkenheit nicht fähig sich klar zu artikulieren, vernuscheln und verhöhnen sie den göttlichen Klang des Französischen zu "Sch'timi". Der Ruf könnte also schlechter nicht sein, und kaum ein richtiger Franzose, Extrem-Urlauber und Abenteurer einmal ausgenommen, wäre je auf die vollkommen absurde Idee gekommen, einmal selbst in diese jämmerliche Gegend zu reisen, die nach dem Niedergang der Bergbauindustrie tatsächlich zu den ärmsten des Landes gehört.

Doch plötzlich ist alles anders. Der lokale Tourismus boomt und jeder beansprucht einen Sch'ti als Freund. Diese Wandlung verdankt sich einem einzigen Film, Dany Boons "Willkommen bei den Sch'tis". Weit über 20 Millionen Franzosen wollten sehen, was der populäre Stand-up-Comedian, Schauspieler und Regisseur über seine vorurteilsbelastete Heimat zu sagen hat. Mit seiner Liebeserklärung hat er die misstrauischen Landsleute ganz offensichtlich mehr als bekehrt, die romantische Komödie wurde zum erfolgreichsten Film der französischen Kinogeschichte überhaupt. Es ist eben doch, wie Dany Boon im Film behauptet: "Ein Fremder, der in den Norden kommt, weint zweimal: wenn er ankommt und wenn er wieder fährt." Eine Erfahrung, die nunmehr auch im Kinosessel zu machen ist.

Bis Philippe Abrams (Kad Merad) diese Einsicht wird gewinnen können, dauert es indes noch ein Weilchen. Vorerst befindet sich der aus der Provence stammende Postbeamte auf dem Weg nach Norden. Eine ambitionierte junge Ehefrau und ein gescheiterter Betrugsversuch führten zur Strafversetzung nach Bergues, ein Schicksal, fast zu hart, um es überhaupt auf sich nehmen zu können - die Familie verbleibt im sicheren Inland. Zur Begrüßung geht dann auch wie bestellt ein Unwetter nieder und der unverständlich, wie nach einem Kieferbruch brabbelnde Mann, stellt sich unglückseliger Weise als Postangestellter Antoine (Dany Boon) vor.

Dem Charme erlegen

Natürlich wird es nicht lange dauern, bis Hochmut und Verständigungsprobleme des Fremden fallen und er dem natürlichen Charme seiner Sch'tis erliegt. Das Dasein ist für den Zugereisten jedenfalls mehr als erträglich, gekrönt durch seine beschämte und mitleidsvolle Ehefrau Julie (Zoé Félix), die ihn an den Wochenenden nach allen Regeln der Kunst verwöhnt, wähnt sie ihn doch wochentags in der Barberei. Mithin ein perfektes Arrangement, bis Julie beschließt, an der Seite ihres Mannes zu stehen und ihn nach Bergues zu begleiten…

Das schöne alte Städtchen Bergues (wenige Kilometer von Dünkirchen gelegen) funktioniert dabei ein bisschen wie ein bekanntes gallisches Dorf. Überhaupt erinnern die t überzeichneten Figuren in bester Weise an die "Asterix"-Alben. Was den Drehbuchautoren Alexandre Charlot und Franck Magnier in dem schrecklichen Film "Asterix bei den Olympischen Spielen" versagt blieb, ist ihnen hier gemeinsam mit Dany Boon gelungen: Eine hübsche Geschichte voller bestätigter Klischees, und die nicht unbedingt attraktiven Protagonisten - mal abgesehen von der Dorfschönen (Anne Marivin) - gewinnen dabei die Herzen der Zuschauer.

Natürlich kann man "Willkommen bei den Sch'tis" vorwerfen, alle drängenden Probleme wirtschaftlicher Verworfenheit wegzulieben und unter einer Schicht putzig-infantilen Humors zu vergraben. Aber wer, außer zu Hauf nach Norden strömender Franzosen, erwartet von einem amüsanten Comic-Film schon die Abbildung realer Verhältnisse?

Willkommen bei den Sch'tis, Regie: Dany Boon, Frankreich 2008, 106 Minuten.

Autor:  KATJA LÜTHGE
Datum:  30 | 10 | 2008
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