"Was für ein grauenhaftes Erlebnis", sagte ich und hielt mich an dem weißen Gitterzaun fest.
"Ja, das war es", sagte er ruhig. "Aber richtige Angst bekam ich erst, als ich Deng Xiaopings Ansprache im Fernsehen sah: Im Ausland heißt es, dass wir das Feuer eröffnet haben. Das gebe ich zu. Aber die Behauptung, wir hätten mit Panzern wehrlose Bürger überfahren, ist eine schändliche Verleumdung.' Mir stellten sich die Nackenhaare auf. Ich war ein lebender Augenzeuge. Was, wenn sie eines Tages kämen und mich holten? ... Zwei Jahre lang traute ich mich abends nicht aus dem Haus. Ich sprach mit niemandem über das, was passiert war. Fast jeden Tag kamen Polizisten, um mich zu verhören, aber keiner von uns erwähnte jemals die Panzer. Zu jedem Jahrestag am 4. Juni kamen Polizisten mit Matratzen und Kissen und machten es sich in meinem Schlafzimmer gemütlich - um zu verhindern, dass ich mit ausländischen Journalisten sprach."
Als die Sonne unterging, setzten wir uns in ein Restaurant. Ich starrte hinaus auf die dunklen Mauern von Zhongnanhai und dachte an die hohen Regierungsbeamten, die sich dort in ihren Luxusvillen im Kreis der Familie zum Abendessen an den Tisch setzten, ihre Katzen und Hunde zu Füßen.
Plötzlich drehte Liu Hua sich zu mir und sagte: "Diese verdammten Kommunisten! Mit welchem Recht haben sie mir meinen Arm genommen? Wenn sie sich nicht für ihre Taten entschuldigen und den Opfern Entschädigung anbieten, gehe ich vor Gericht!"
Bewahren Sie alles Beweismaterial und Ihre medizinischen Unterlagen gut auf", riet ich ihm. "Der Tag der Abrechnung kommt bestimmt." Es wundert mich immer wieder, wie viel Vertrauen die chinesische Bevölkerung in das Rechtssystem hat. In einem Staat, der kein Rechtsstaat ist, besteht unsere einzige Waffe im Kampf für Gerechtigkeit in der Kraft unserer Überzeugung.
Ohne solche Augenzeugen würden die Gräueltaten immer mehr in Vergessenheit geraten. In nur 20 Jahren ist die Tiananmen-Generation, die Menschen in aller Welt zum Aufstand gegen Tyrannei inspirierte, aus unserem Gesichtsfeld verschwunden. Lehrer, Eltern, Fernsehjournalisten und Armeen von Zensoren haben eine ganze Generation taub gemacht. Nun liegt es an tapferen Überlebenden wie Liu Hua, Chen Guang und vielen anderen, wie zum Beispiel Ding Zilin, die Begründerin der Gruppe "Mütter von Tiananmen", die Erinnerung an die Toten zu bewahren und für die Wahrheit zu kämpfen.
Manche, die am 4. Juni starben, taten es bei vollem Bewusstsein. Sie liefen absichtlich in das Gewehrfeuer, und vielleicht war dann ihr letzter Gedanke: Schlimmer kann es nicht werden; danach kommt das Licht. Die versklavten Körper entschieden sich zu fallen, so dass Millionen nach ihnen sich wieder in Freiheit über die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit erheben können. Der einzige Grund für Selbstaufopferung besteht darin, die Unterdrücker dazu zu zwingen, mit der Last ihrer Schuld zu leben.
Vor 20 Jahren, eine Woche vor dem Tiananmen-Massaker, hatte mein Bruder in meiner Heimatstadt Qingdao einen Unfall und fiel ins Koma. Am 28. Mai verließ ich Peking, um ihn zu besuchen. (Wäre ich in der Hauptstadt geblieben, hätte ich auch unter den Toten sein können.) Mein Bruder lebt heute in einem Pflegeheim. Er kann essen, trinken und schlafen, aber er hat keine Gefühle und keine Selbstachtung. Er kann nicht sprechen, aber er kann vor dem Fernseher sitzen und lachen, bis ihm die Tränen kommen. Manchmal starrt er auch stundenlang nur an die Decke. Er hat keine Kontrolle über sein Leben - genauso wenig wie das chinesische Volk. Und doch ist das letzte Mal, als ich ihn besuchte, etwas Außergewöhnliches passiert. Ich gebe ihm oft Stift und Papier und schaue, was er dann zeichnet. Manchmal sind es nur Quadrate und Kreuze; manchmal schreibt er meinen Namen oder den Namen seiner ersten Freundin. Diesmal jedoch zeichnete er ein Pferd, das über ein offenes Feld galoppiert. Obwohl die Striche unsicher waren, war das Bild doch viel ausdrucksstärker als alles, was ich jemals zeichnen könnte. Für einen kurzen Augenblick sah ich einen schwachen Lichtstrahl auf seiner Brust, und ich wusste, dass es noch Hoffnung gab.
© 2009 Ma Jian
Übersetzung: Andrian Widmann
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen