kalaydo.de Anzeigen

20 Jahre nach dem Massaker: Das Tiananmen-Tabu

Immer noch haben wir keine Kontrolle über unser Leben: Vergessen und Erinnern zwanzig Jahre nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Von Ma Jian

Ein Demonstrant auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989.
Ein Demonstrant auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989.
Foto: rtr

Im Februar dieses Jahres kehrte ich nach China zurück, um für mein neues Buch zu recherchieren. Die Regierung weiß, dass ich im Westen Bücher veröffentlicht habe, darunter auch meinen letzten Roman, "Beijing Coma", über einen Studenten, der auf dem Platz des Himmlischen Friedens erschossen wird, aber man hat mir die Einreise trotzdem erlaubt. Natürlich durchsuchte man am Zoll mein Gepäck, konfiszierte meine Papiere und hält mich unter Beobachtung, und solange ich mich in China ruhig verhalte, kann ich ja kein Unheil anrichten.

Obwohl mein neues Buch nichts mit dem Tiananmen-Massaker zu tun hat, hatte ich im Februar das Gefühl, den Ort sehen zu müssen. Ich fuhr mit dem Taxi hin. Der riesige leere Platz lag unter einer weißen Schneedecke, eingerahmt von hohen smaragdgrünen Koniferen. Ich drehte das Fenster runter, um ein Foto zu machen, aber bevor ich noch den Auslöser drücken konnte, schnauzte mich der Fahrer an: "Machen Sie das Fenster zu! Es gibt ein neues Gesetz! Wissen Sie das denn nicht? Taxis, die am Platz des Himmlischen Friedens vorbeifahren, müssen die Fenster geschlossen halten. Der Platz ist als "politisch sensibel" eingestuft worden.

Zum Autor

Der Schriftsteller Ma Jian, geboren 1953, verließ 1986 China, nachdem einige seiner Werke verboten wurden. Er lebte in Hong Kong, zwischen 1997 und 99 in Deutschland und zog dann nach England. In deutscher Übersetzung gibt es von Ma Jian: "Red Dust: 3 Jahre unterwegs durch China" (Schirmer Graf). Bei Rowohlt soll im September "Peking-Koma" erscheinen. In Englisch erschienen von ihm der satirische Roman "The Noodle Maker" (2004) und die in China verbotene Geschichten- Sammlung "Stick Out Your Tongue" (2006).

2009 jähren sich viele wichtige Ereignisse in China. In diesem Jahr haben wir den 60. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik und den 20. Jahrestag des Tiananmen-Massakers. Die Regierung ist deshalb besonders wachsam. Ich drehte das Fenster hoch und erinnerte mich an die erhobenen Hände, die Spruchbänder und Fahnen. Ich schaute hinaus auf den menschenleeren Platz und hörte die Protestrufe von Millionen, die zum Schweigen gebracht wurden.

An "Beijing Coma" habe ich zehn Jahre gearbeitet. In den ersten Jahren schrieb ich nur wenig. Ein Bild ging mir immer wieder durch den Kopf und hinderte mich am Schreiben: ein Mann, der nackt auf einem eisernen Bettgestell liegt, ein kleiner Vogel auf seinem Arm, ein kalter Lichtschein, der auf seine Brust fällt. Es hat mich zehn Jahre gekostet, um mir selbst über die Kraft und die Bedeutung dieses Lichtstrahls klar zu werden.

Ich schloss die Augen und murmelte: "Wie kommt es, dass die Menschen ihren Himmel so gern in eine Hölle verwandeln?"

Mein Fahrer schaute aus dem Fenster und sagte: "Das ist noch gar nichts. Sie sollten mal sehen, wie viel Schnee wir in meinem Dorf haben...".

"Ich möchte doch nicht aussteigen", sagte ich. "Sie können umdrehen und mich nach Tongxian fahren."

Ich hatte plötzlich die Idee, den Künstler und Fotografen Chen Guang zu besuchen. Mit seinen Fotografien, die ihn umringt von nackten Frauen zeigen oder beim Sex mit einer Prostituierten, hatte er vor vielen Jahren seiner inneren Wut Ausdruck verliehen. Seine letzte Arbeit war ein Zyklus von Ölgemälden vom Platz des Himmlischen Friedens, die er im Internet ausgestellt hatte. Ich wollte sie mir ansehen.

Chen Guangs Wohnung in Tongxian ist in einem anonymen Häuserblock. In der Mitte seines kahlen Zimmers stand ein Plastikeimer mit Zigarettenstummeln. An den Wänden hingen Bilder in wirbelnden Grüntönen von Panzern, behelmten Soldaten und platt gewalzten Zelten.

Er reichte mir ein Glass Wasser und erzählte, dass er 1989 mit nur 17 Jahren in die Armee eingetreten war. Nur wenige Monate nach seinem Eintritt wurde sein Regiment - Nummer 62 - nach Peking geschickt, um die Studentenbewegung niederzuschlagen. Am 3. Juni bekamen er und seine Kameraden den Befehl, sich in Zivilkleidung bei der Großen Halle des Volkes an der Westseite des Platzes unter die Studenten zu mischen und dort das Signal zum Angriff abzuwarten.

"Wir waren 7000 Soldaten", sagte er und steckte sich die nächste Zigarette am Stummel der letzten an. "Ich hatte den Auftrag, unsere 4000 Gewehre zur Großen Halle des Volkes zu transportieren. Ich verkleidete mich als Student und lud die Gewehre in einen Stadtverkehrsbus, den die Armee konfisziert hatte.

Als der Fahrer auf der Changan Avenue durch die dichte Menschenmenge fuhr, hatte ich große Angst, dass die Studenten hochspringen und sehen könnten, dass der Boden des Busses voll mit Gewehren war, also lehnte ich mich hinaus, grinste und machte das Victory-Zeichen. Nachdem wir den Hinterhof der Großen Halle des Volkes erreicht und das Tor verriegelt hatten, brachte ich zwei Stunden damit zu, die Gewehre auszuladen. Am Ende war ich voll mit Waffenöl."

Ich hatte noch nie direkt mit einem Soldaten über das Massaker gesprochen. Er nahm einen tiefen Zug an seiner Zigarette und fuhr fort, während seine Augen sich immer mehr röteten: "Die Soldaten mussten sich in Reih und Glied aufstellen und bekamen ihre Gewehre ausgehändigt. Die meisten waren junge Burschen vom Land. Seit Tagen hatten wir kaum gegessen. Wir waren schwach und verängstigt und überzeugt, dass wir sterben würden. Einige schissen sich in die Hosen, andere zitterten so stark, dass aus Versehen ihre Waffen losgingen und es Verletzte gab."

"Am 4. Juni um Mitternacht wurden die Tore der Großen Halle des Volkes geöffnet. Draußen herrschte Chaos. Spezialeinheiten in Tarnanzügen gingen mit Bajonetten auf die verbliebenen Studenten los. Ich sah, wie Soldaten einen Studenten niedertraten und ihm mit ihren Gewehrgriffen den Schädel einschlugen. Ich hörte Maschinengewehrfeuer in der Ferne und sah, wie die Statue der Göttin der Demokratie von einem Panzer gerammt wurde und zu Boden fiel...".

1 von 3
Nächste Seite »
Autor:  Ma Jian
Datum:  3 | 6 | 2009
Seiten:  1 2 3
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen


Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Unser Literatur-Magazin zur Buchmesse gibt’s jetzt auch als multimediale App fürs iPad - mit Videos, Hör- und Leseproben.

Video

Anzeige
Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Meistgeklickt
Verrauchte Sicht für Frankfurts Keeper Oka Nikolov.
Eintracht gegen Fortuna 
Diskussionen: Bamba Anderson redet auf Schiedsrichter-Assistent Jan Hendrik Salver ein.
Fußball-Kolumne Ballhorn (IV) 
Ornella de Santis (links) hat es ins Finale von
„Unser Star für Baku“ 
Wütend nach dem Eintracht-Spiel in Düsseldorf: Heribert Bruchhagen.
Eintracht-Boss hadert mit Schiedsrichter und Schauspieler 
 
 
 
 
 
 
 
 
World Press Photo 2011
Das Bild des Jahres: Die 18-jährige Afghanin Bibi Aisha   war auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann, als die Taliban sie aufspürten.  Der Urteilsspruch: Verstümmelung. Aishas Mann schnitt ihr Nase und Ohren ab, während dessen Bruder sie festhielt. Das Porträt brachte der US-Fotografin Jodi Bieber den World Press Photo Award 2011 ein.

Die Präsentation des besten Pressefotos des Jahres ist immer ein Anlass, genauer hinzuschauen: FR-online.de erklärt mit Hilfe von interaktiven Imagemaps die Hintergründe zu drei ausgewählten Gewinnerbildern.

Anzeige

Quiz
Dezember 2006.

Thomas Gottschalk hat sich bei "Wetten, dass..." verabschiedet. Er bewegt die TV-Nation. Testen Sie Ihr Wissen.

Serie
Rote Robe, schweres Amt: Ein Richter beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe.

Ändert die Hirnforschung unser Bild von der Schuldfähigkeit des Menschen? In den Beiträgen geht es um die Determiniertheit menschlichen Handelns.

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.

ANZEIGE
- Informationen finden, um die Main Metropole Frankfurt entdecken und erleben zu können.
- Fragen & Antworten
- Bei HOH finden Sie Hardware, Computer und aktuelle Software zu günstigen Preisen.
- Kauftipps!